Trügerische Hoffnung

Thema Missbrauch: Ist „mehr Staat“ die Lösung?

Die Veröffentlichung des Gutachtens der Anwaltskanzlei WSW zu Missbrauchsfällen im Erzbistum München hat vor einigen Wochen erneut in der innerkirchlichen Öffentlichkeit und in den Medien Bestürzung ausgelöst. So berichtete kürzlich ein katholischer Priester im Gießener Anzeiger, er habe einen Brief von einer Frau aus seiner Gemeinde erhalten, in dem sie schrieb, es falle ihr zunehmend schwer, beim Glaubensbekenntnis zu sagen: „Ich glaube an die heilige katholische Kirche“. Das zeigt – zumindest aus protestantischer Sicht – ein Missverständnis, denn im Apostolischen  Glaubensbekenntnis ist gerade nicht die in der real existierenden, sichtbaren, römisch-katholischen Kirche existierende Korporation gemeint, sondern jene, eben unsichtbare, Kirche, die die Verbindung aller Christen weltweit umspannt, jenseits aller konfessionellen Trennungen. Dieser Definition stimmt, möglicherweise unbewusst, auch die vom Priester zitierte Dame zu, wenn sie weiter schreibt, sie könne aber „noch immer“ sagen: „Ich glaube an die Gemeinschaft der Gläubigen“.

Nichts anderes als diese Gemeinschaft aber ist mit der „heilige(n) katholischen Kirche“ im Apostolischen Glaubensbekenntnis gemeint, eben die katholische, zu Deutsch, allumfassende Kirche. Diese allumfassende Kirche meint die Glaubenden selbst, die sich zum Hören des Evangeliums und zum Sakramentsempfang versammeln. Dass die römisch-katholische Lehre weiterhin, trotz gewisser dogmatischer Abschwächungen im Zuge des Zweiten Vatikanums – Stichwort „subsistit“ –, gefühlt daran festhält, dass die „heilige katholische Kirche“ des Apostolikums die real existierende hierarchisch sortierte römisch-katholische Kirche auf Erden ist, erweist sich in diesen Tagen als hinderlich.

Weit bedrängender als solch dogmatische Verwirrungen ist aber die Tatsache, dass sich aufgrund des fortschreitenden Offenbarwerdens von Missbrauchsfällen der jüngeren Vergangenheit die aktuelle Stimmung gegenüber den großen Kirchen in Deutschland dramatisch zugespitzt hat. Vielerorts wird nach „dem Staat“ gerufen, der „den Kirchen“ endlich „die Privilegien“ entziehen und die Auf­arbeitung der Missbrauchsfälle tatkräftig in die Hand nehmen soll.

Aber ist der Staat hier die Lösung? Vor Staatseuphorie ist aus zweierlei Gründen zu warnen: Zum einen gibt es auch bei vielen Politikerinnen und Politikern eine Art „Beißhemmung“ gegenüber den Kirchen, denn viele wissen, wie nützlich, ja unverzichtbar die großen Kirchen unserem Gemeinwesen sind. Zum anderen ist bisher ein klarer Wille des Staates, sich dieser Mammutaufgabe anzunehmen, nicht zu erkennen. Auch fehlen ihm die Ressourcen und Kapazitäten für eine solche Aufgabe. Zudem ahnen die meisten Politiker, dass dies auch für sie kein Gewinner­thema ist. Kurz: Die Hoffnung auf den Staat beim Thema Missbrauch trügt.

Insofern werden die Kirchen, natürlich auch die evangelischen, die bisher noch im medialen Windschatten segeln, weiterhin selbst in der Pflicht stehen, Missbrauchsverbrechen in den eigenen Institutionen beharrlich, schonungslos und ehrlich aufzuarbeiten, allen schmerzlichen Nebenwirkungen in der Öffentlichkeit und allen Kosten zum Trotz.

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