Grundsätzliches bleibt ausgeklammert

Der Synodale Weg – eine Zwischenbilanz aus evangelischer Sicht
Vom 3. bis 5. Februar 2022 tagte die dritte Versammlung des sogenannten Synodalen Weges der römisch-katholischen Kirche in Deutschland in Frankfurt/Main.
Foto: epd
Vom 3. bis 5. Februar 2022 tagte die dritte Versammlung des sogenannten Synodalen Weges der römisch-katholischen Kirche in Deutschland in Frankfurt/Main.

Was wurde bisher beim sogenannten Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland erreicht, und was ist noch zu erwarten? Im Moment stehe der pragmatische Ansatz des  „Retten, was zu retten ist“ im Mittelpunkt, meint Oberkirchenrat Johannes Wischmeyer, Leiter der Abteilung Kirchliche Handlungsfelder im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), in seiner Analyse.

Die Halbzeit ist überschritten. So ist die Frage erlaubt: Welche Auswirkungen wird der „Synodale Weg“ für die katholische Kirche in Deutschland haben? Mittlerweile zeichnen sich einige Grundlinien ab, mit einem gemeinsamen Fluchtpunkt: Inhaltliches Ziel scheint ein behutsamer, von einer belastbaren Mehrheit der Verbandsvertreterinnen und -vertreter sowie der Bischöfe mitgetragener Wandel in Sachen Kirchenbild, Machtstrukturen, Standards für das Priesteramt, Geschlechterverhältnisse und Sexualmoral zu sein.

Die Beteiligten suchen nach Antworten auf die Frage, wie sich römisch-katholischer Glaube und die dazugehörige Kirche in Zukunft einen Platz in der pluralistischen Gesellschaft sichern können. Optimistische Delegierte sehen womöglich als ein weitergehendes Ziel des Dialogprozesses, die „Volkskirche“ mit ihrer breiten gesellschaftlichen Einbettung modernefähig zu machen.

Doch die Debatten prägt vor allem der Eindruck eines weiteren dramatischen Glaubwürdigkeitsverlusts der kirchlichen Institution in der Öffentlichkeit. Dabei fällt auf, dass die manifesten gesellschaftlichen Säkularisierungstendenzen und eine – immerhin von der evangelischen Kirche in ihrem jüngsten Positionspapier konstatierte – „geistliche Krise“ im Diskurs der Synodalversammlung kaum eine Rolle spielen.

Man darf vermuten, dass die aktuelle Situation die Gesprächsbereitschaft der Bischöfe nochmals befördert hat. Auch auf Seiten der „Laien“ ist womöglich die Einsicht gewachsen: Der im Gang befindliche Prozess muss – notfalls auch auf Kosten progressiverer Ziele – Ergebnisse bringen, möchte die katholische Kirche nicht in der Öffentlichkeit endgültig als verkrustet und unreformierbar abgeschrieben werden.

Haltungswandel und Dynamisierung

Wer an der Synodalversammlung in Frankfurt am Main teilnahm, konnte noch eine andere Ebene des in Gang gekommenen Transformationsprozesses beobachten: Ein Stilwandel im Umgang der Kirchenvertreter unterschiedlicher Ebenen und Funktionsbereiche miteinander scheint sich ernsthaft durchzusetzen. Womöglich ist der Haltungswandel, der mit dieser Dynamisierung des Austauschs zwischen Bischöfen und „Laien“ einhergeht, folgenreicher für das künftige Selbstbild der katholischen Kirche als es die erstrebten Normenänderungen sein werden.

Die Kohäsion zwischen den beiden beteiligten Gruppen ist ohne Zweifel bereits im Vorfeld der dritten Synodalversammlung gewachsen. Die Initiatoren berichten voll Anerkennung, eine Mehrheit der Bischöfe habe interessiert an den vorbereitenden „Hearings“ der Themenforen teilgenommen. Die Stimmung im Plenum hat sich durch diese vertrauensbildenden Maßnahmen offenbar verändert. Dass es Bischöfen gelingt, einigermaßen ungezwungen mit „Laien“ über Sachthemen ins Gespräch kommen – diese für Evangelische nicht unbedingt aufregende Erfahrung schien bei vielen Teilnehmenden ehrliche Freude auszulösen.

Überhaupt ist die Mit-Leidensbereitschaft der Nicht-Geweihten mit ihren Kirchenführern bemerkenswert. Immer wieder wurde von ihrer Seite bekundet, man sei zu einer „Verantwortungsgemeinschaft“ bereit. Allen ist bewusst, dass sich die zu teilende Verantwortung nicht mehr auf eine gesellschaftlich machtvolle, geistlich ausstrahlende katholische Kirche bezieht, sondern auf eine Institution im verschärften Krisenmodus.

Vorläufiger moralischer Bankrott attestiert

Viele katholische Gesprächspartner attestieren ohne große Emotionen den vorläufigen moralischen Bankrott der verfassten Kirche. Die Zeit der Wut und Empörung scheint vorüber zu sein. Für die Kreise, die dem Beteiligungsprojekt des Synodalen Weges verbunden bleiben, steht der pragmatische Ansatz des „Rettens, was zu retten ist“ im Vordergrund. Gesucht werden gangbare Wege hin zu konkreten Änderungsschritten.

Eine geteilte Vision, wie sich die katholische Kirche in zehn Jahren präsentieren kann, ist noch nicht in Sicht. Der weitestgehende Vertrauensverlust gegenüber Institution und Amt ist in die im Plenum ausgetauschten Diskussionsbeiträge eingepreist. Es stellt sich allerdings die Frage, ob die verhandelten Texte den einschneidenden Kulturwandel hin zu einer um Glaubwürdigkeit ringenden Krisengemeinschaft erkennbar genug widerspiegeln.

Das neue Miteinander ist nämlich mit vielen Kompromissen erkauft. Hätte das Dialogformat ein Motto, würde es wohl lauten: Evolution statt Revolution, und erst recht keine Reformation. Obgleich das sakramentale Weiheamt, vor allem der Priester und Bischöfe, erkennbar im Zentrum der verhandelten Problemkonstellationen steht – Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt, Klerikalismus, Frauenfeindlichkeit und Exklusion alternativer Lebensformen –, bleibt vor allem die grundsätzliche Diskussion der Amtsfrage ausgeklammert. Das sakramentale Kirchenverständnis bleibt vorausgesetzt. Dass ein Gremium neuen Typs wie der „Synodale Weg“, das „Laien“ einschließt, Anteil gewinnen sollte an der Repräsentanz der Kirche und an ihrem Lehramt, wird über Umwege insinuiert, aber nicht selbstbewusst behauptet.

Akademische Theologie in dienender Rolle

Die Rolle der akademischen Theologie bleibt, auch wenn einzelne Bischöfe eine Verschiebung von Rollen und Spielregeln der kirchlichen Akteure kritisierten, in einer dienenden Rolle gegenüber dem Lehramt. Der Eichstätter Bischof Hanke mahnte mit einer originellen Begriffsbildung an, es müsse doch bei einer „epistemischen Gewaltenteilung“ bleiben. Das erscheint, scharfzüngig formuliert, als ein Ordnungsruf in Richtung der im Diskurs engagierten Universitätstheologen.

Häufig wurde kritisiert, dass die Verbindlichkeit der Entscheidungen des Synodalen Weges sowieso dahinstehe. Klar ist: Selbst wo der Konsens der Synodalversammlung gefunden wird, ist alles abhängig von der Umsetzungsbereitschaft der Bischöfe und dem Votum Roms. Auf der Konsensebene wurden in der jüngst zurückliegenden Session allerdings entscheidende Fortschritte erzielt.

Die Rechnung der Initiatoren scheint aufgegangen zu sein: Durch den öffentlichen Diskurs wurde die Agenda zunächst mit einer gewissen Verbindlichkeit versehen. Jetzt – nach der internen Vorbereitungsphase, in der die weitreichenden Vorhaben mit Blick auf das Machbare modifiziert und viele geplante Konkretionen zurückgestellt wurden – können erste Beschlussfassungen vorgezeigt werden, hinter denen auch die qualifizierte Mehrheit der Bischöfe zu stehen scheint. Aus den Äußerungen mancher Ordinarien lässt sich ablesen, dass diese selbst erleichtert zu sein scheinen, ihre als Bürde empfundene Machtfülle künftig womöglich teilen zu können.

Neue Akzente in traditionsgesättigter Theologie

Als Gesamteindruck lässt sich festhalten: Der „Synodale Weg“ ist kein Bruch mit der kirchlichen Tradition. Er bleibt katholisch, im besten Sinn. Auch und gerade die Progressiven sind erkennbar bemüht, dem Vorwurf der „Protestantisierung“ der Kirche keinen Vorschub zu leisten. Der „Orientierungstext“, der als Grundsatzdokument eine Art Hermeneutik für das Unternehmen des „Synodalen Wegs“ skizziert, ist ein Meisterstück der behutsamen Einbindung neuer Akzente in eine traditionsgesättigte Theologie, die breit anschlussfähig sein möchte an modernere wie auch an konservativere Positionen im Umfeld des II. Vaticanums.

Der Text ruft eine Vielzahl „theologischer Orte“ auf: Schrift und Tradition in ihrer wechselseitigen Verwobenheit, die „Zeichen der Zeit“ (zu denen der „Aufschrei der Opfer sexualisierter Gewalt“ zählt) und der „Glaubenssinn der Gläubigen“ – sie alle dienen als Quellen der Offenbarungserkenntnis, mit deren Hilfe sich die heilsame und befreiende Gegenwart Gottes vergewissern lässt. Die damit verbundene normative Dezentrierung, die Vermeidung, den „Intuitionen eines Gläubigen“ letztgültigen Wahrheitsinstinkt zuzuschreiben, lassen sich durchaus als Gegenentwurf zu einer reformatorischen Theologie subjektzentrierter Gottesgewissheit verstehen. Dissens in zentralen Glaubensinhalten ist der Theologie des „Synodalen Weges“ zufolge ein Zustand, der zugunsten der Einheit überwunden werden soll – durch die „Kraftanstrengungen gemeinsamer Wahrheitssuche“. Doch nicht zufällig wird an zentraler Stelle des Textes erneut das „sakramentale Amt des geweihten Priestertums“ als Repräsentation Christi und Gewährleistungsinstanz der kirchlichen Einheit aufgerufen.

Noch nicht am Ziel

Für die Zukunft des ökumenischen Miteinander lässt der „Synodale Weg“ höchstens eine indirekte Dividende erhoffen: Wenn in der katholischen Kirche eine weniger hierarchische Organisationskultur einkehrt und „Laien“ – insbesondere Frauen – mehr Verantwortung erhalten, werden für die gelebte Alltagsökumene an der kirchlichen Basis und im gemeinsamen Dienst für die Gesellschaft Hemmnisse wegfallen. Der „Synodale Weg“ ist hier mit Sicherheit noch nicht das Ziel, denn die Teilnehmenden sind weder gewählt noch nach transparenten Kriterien ausgesucht worden. Anders als in den meisten evangelischen Synoden ist das Übergewicht der Hauptamtlichen im Kirchendienst erdrückend.

Festzuhalten bleibt: Selbst wenn alle derzeit auf dem „Synodalen Weg“ verhandelten Initiativen positiv entschieden und praktisch umgesetzt werden, bestehen nach wie vor tiefgreifende Unterschiede in Sachen Kirchenbild, Machtstrukturen, Standards für das Pfarramt, Geschlechterverhältnisse und Sexualmoral zwischen beiden Kirchen.

Insofern bietet der Reformprozess der katholischen Schwesterkirche, den die allermeisten Beteiligten mit hoch anerkennenswertem Eifer zu ihrer persönlichen Sache machen, auch die Chance zu einer evangelischen Selbstbesinnung: Für Protestantinnen und Protestanten ist eben nicht „Mitentscheidung“ von „Laien“ das Thema. Vielmehr geht es in den Reformprozessen der evangelischen Kirche darum, dass alle Glaubenden gemeinsam und gleichberechtigt die Strukturen ihrer Kirche verantworten – einer Institution, die als solche nicht heilsbedeutsam sein kann und organisatorisch möglichst schlank und primär von ihrer ermöglichenden Funktion her gedacht ist.

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Johannes Wischmeyer

Dr. Johannes Wischmeyer (Jahrgang 1977) ist seit 2021 Leiter der Abteilung „Kirchliche Handlungsfelder“ im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und unter anderem zuständig für Catholica-Fragen.


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