Schöpfung als Versprechen

Warum wir auf einem beschädigten Planeten hoffnungsvoll leben können
Matterhorn bei Sonnaufgang, 2021
Foto: picture-alliance
Matterhorn mit Spiegelung auf dem Stellisee bei Sonnenaufgang, Zermatt (Schweiz), 29. Dezember 2021.

In Blick auf die aktuellen Diskussionen um die Schöpfungstheologie sieht Peter Scherle, bis 2020 Direktor des theologischen Seminars im hessischen Herborn, eine sattsam bekannte Wiederholung alter Kontroversen. Er plädiert jenseits davon für eine pragmatisch-hoffnungsvolle Denkart.

In der aktuellen Debatte um die Schöpfungstheologie auf www.zeitzeichen.net, die sich am ethischen Programm der „Bewahrung der Schöpfung“ entzündet, hat sich die Diskussion in einer Wiederholung innerprotestantischer Kontroversen (Tillich vs. Barth; gelebte Religion vs. dogmatische Theologie und so weiter) verhakt (die bisherigen Texte der Reihe finden Sie unten). Das mag erklären, warum es zwei markante Leerstellen in der Debatte gibt.

Zum einen fällt auf, dass die radikal-theologische Vorstellung der „Schöpfung aus dem Nichts“ (creatio ex nihilo) praktisch nicht in Anspruch genommen wird. In der Folge scheint es so, als ob das Chaos die Voraussetzung göttlicher Schöpfung sei und diese also bestenfalls eine ständig vom Chaos bedrohte Ordnung. Damit aber wird die Hoffnung untergraben, die in dem Versprechen besteht, dass alles, was ist, von Gott geschaffen, erhalten und gerettet wird.

Zum anderen wird „Natur“ so behandelt, als handele es sich um eine Gegebenheit, die zwar unterschiedliche Seiten (schön – hässlich; gut – beschädigt/böse und so weiter) haben mag, die aber doch ein bestimmbares homogenes Wesen habe. In der Folge gerät aus dem Blick, dass „Natur“ und „Gesellschaft“ in Abhängigkeit voneinander konstruierte Deutungsbegriffe sind, die eine Geschichte haben. Damit bleibt aber die Möglichkeit verstellt, sich auf die realen Lebensverhältnisse zu beziehen, die menschliches Leben auf dem Erdmantel kennzeichnen und damit alle Erfahrungen von Natur/Gesellschaft imprägnieren.

Sachgemäßes Verständnis menschlichen Handelns

Eine „schöpfungstheologischer Realismus“, wie ihn Günter Thomas fordert, muss meines Erachtens also einerseits eine realistischere Sicht auf die planetarischen Lebensverhältnisse entwickeln und andererseits die radikale Hoffnung stark machen, die ohne das Konzept der Schöpfung aus dem Nichts nicht denkbar wäre. Wirkmächtig wird diese Hoffnung schließlich, indem die menschlichen Lebenserfahrungen im Beten – genauer: in Klage, Bitte, Dank und Lob – zum biblischen Gott in Beziehung gesetzt werden. Daraus kann sich dann ein theologisch sachgemäßes Verständnis im Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Handelns ergeben.

Die folgenden Überlegungen entfalten diese grundsätzlichen Thesen und ziehen einige Schlussfolgerungen.  

1. Schöpfung aus dem Nichts: Die biblische Erzählung von der Welt als Schöpfung Gottes ist keine Theorie über den Anfang der Welt oder den Ursprung der Natur. Die Vorstellung, dass der biblische Gott, alles was ist, geschaffen hat, es erhält und rettet, ist erst im Exil des Volkes Israel entstanden. Der Tempel und die Stadt Jerusalem lagen in Ruinen, der Gott Israels schien erledigt. Das Leben in der Fremde, in der Diaspora war die Gegenwart und für lange Zeit die Zukunft der Exilierten.

Doch anders als erwartet, zerstörte das Leben in den Ruinen der eigenen geschichtlichen Existenz nicht die Hoffnung. Stattdessen wuchs – einem Wunder gleich – die Gewissheit, dass Gott sein Volk nicht preisgegeben hatte und es herausführen und retten würde. Die Hoffnung auf einen neuen geschichtlichen Anfang verband sich mit der Imagination von Gottes neu schaffendem Handeln. Die heilsame Verwandlung der Natur und die Heimführung des Gottesvolkes verschmolzen im Bild der Neuschöpfung von Himmel und Erde.

„annihilatio mundi“ vs. „transformatio mundi“

In diesem Zusammenhang entstehen die Erzählungen von der Schöpfung am Anfang und gewinnen die Gestalt, die sie in den unterschiedlichen biblischen Texten zeigen. Schöpfung ist eine eschatologisch aufgeladene und vorrangig soteriologische theologische Vorstellung. Sie wird als Schöpfung allein aus Gott, aus dem Atemholen und dem Wort des lebendigen Gottes (hebräisch: ruach und dabar; griechisch: pneuma und logos) imaginiert – und später in der Formel von der „creatio ex nihilo“ zum theologischen Konzept verdichtet. Als „creatura verbi“ ist sie Schöpfung aus nichts anderem, aus keinem vorfindlichen Material und keinem ursprünglichen Chaos. Ebenso ist es keine Emanation des göttlichen Geistes in die Welt der Materie. Alles was ist, verdankt sich dem andauernden schöpferischen Wort Gottes, der „creatio continua“.

Deshalb – so die Erwartung – gehört zur anfänglichen Schöpfung, zur „creatio originalis“, untrennbar, dass Gott sie erhält und als „creatio nova“ heilsam verwandeln wird. (Anders als es eine im lutherischen und im römisch-katholischen Denken wurzelnde Tradition nahelegte, geht es nicht um eine Vernichtung der durch die Sünde völlig korrumpierten Welt, eine „annihilatio mundi“. Nein: die Neuschöpfung muss als ein Werk der Treue Gottes, als eine heilsam rettende „transformatio mundi“ gedacht werden.)

Diese Erwartung ist dem Schabbat der ersten Schöpfungserzählung eingeschrieben: In der Ruhe Gottes am siebten Tag wird die Vollendung erfahrbar, die aller Kreatur verheißen ist. Der Schabbat ist dementsprechend für Jüdinnen und Juden eine adventliche Feier. Gefeiert wird nicht einfach der Ursprung des Lebens, sondern das Kommen Gottes, das die Kreatur heilt und verwandelt. Diese adventliche Struktur ist auch prägend für die Vorstellung von einem alle sieben Jahre stattfindenden Sabbatjahr, welches das Gottesvolk und alle mit ihm verbundene Kreatur aufatmen lässt und das Bild von der schöpferischen Ruhe Gottes in die Lebensverhältnisse einzeichnet. Ihre äußerste Zuspitzung erfährt diese Vorstellung im so genannten Jobeljahr, das alle sieben mal sieben Jahre stattfinden soll, um die Gewalt- und Besitzverhältnisse, die das Leben des Gottesvolkes und der Kreatur in fünfzig Jahren beschädigt haben, in einem großen Aufatmen korrigiert werden.

Christuserzählungen soteriologisch konzipiert

Wer die Bibel ganz vom Ende her – dem Buch der Offenbarung des Johannes - erschließt, kann diese Verheißung auch schon in den ersten „Werken“ Gottes wahrnehmen: „Gott (atmete ein) und sprach .. und es ward ...“. Alles, was ist, atmet den Geist Gottes, verdankt sich dem Wort Gottes. Sonst wäre – Nichts.

Auch die Erzählungen von Jesus als dem Christus sind soteriologisch konzipiert. Sie sind nur vom Ende her lesbar. Auferweckung und Himmelfahrt sind die Bedingung der Möglichkeit, das Leben und Sterben des Jesus von Nazareth als Erzählungen vom Heil lesen, das aller Welt und aller Kreatur gilt. Sie erzählen vom Ereignis der Auferweckung als Beginn der Neuschöpfung, die dem Tod seinen „Stachel“ nimmt. Nur deshalb hat das Leben Jesu Bedeutung, ist mehr als eine Erzählung von Mitmenschlichkeit inmitten des beschädigten und dem Tod verfallenen Lebens.

Das hat eine ganz entscheidende Konsequenz. Die Hoffnung auf Neuschöpfung ist keine Hoffnung auf die Vollendung der Welt in einem – wie auch immer gearteten – (r)evolutionären Prozess. Es ist eine Hoffnung die sich auch nach hinten richtet, auf jene Geschichte der Menschheit und der Kreatur, die schon ausgelöscht worden ist. Wer für die Toten und die schon ausgestorbenen Lebewesen keine Hoffnung mehr hat, kann gleich alle Hoffnung fahren lassen. Auch die auf einen zukünftigen paradiesischen Zustand.

Nehmen wir diese – theologisch gut begründete – Sichtweise ein, dann ergibt sich eine neue Perspektive für unseren Umgang mit den Beschädigungen des Lebens, die zwar nicht alle Menschen und Lebewesen gleich betreffen, die sich heute aber zu einer menschheitlichen Krisenerfahrung verdichtet haben. Dafür stehen die Stichworte Pandemie und Klimawandel.

Von Gewalt durchsetzt, vom Verfall gezeichnet

2. Das fragile Leben auf dem Erdmantel - Von welcher „Natur“ reden wir?: Die Welt und damit auch das, was wir „Natur“ nennen, ist von Gewalt durchsetzt und vom Verfall gezeichnet. „Paradiesträume und Blühwiesenromantik“ (Günther Thomas) haben mit dieser Natur nichts zu tun, sie sind die Rückseite der Moderne, der technischen Beherrschung und industriellen Zurichtung der Welt.

Die romantische Sehnsucht nach einer „unberührten“ und vermeintlich heilen Natur verdankt sich der Erfahrung der immer größeren Eingriffstiefe menschlicher Umgestaltung des Planeten Erde. Doch es gibt kein Zurück in jene ersehnte natürliche Welt, in der noch keiner je war. Von je her war menschliches Leben nur möglich durch Arbeit an der und in der so genannten Natur. Immer war und ist dabei menschliches Leben gefährdet, sei es durch Säbelzahntiger oder Viren, durch Vulkanausbrüche oder Klimaschwankungen.

Das Leben auf dem Planeten Erde ist grundsätzlich fragil. Genau genommen ist es Leben auf dem Erdmantel, einer dünnen Schicht von Leben (Biosphäre und Atmosphäre), die nur wenige Kilometer nach oben und unten reicht. Es ist Leben in einer „kritischen Zone“ (Bruno Latour, Peter Weibel) möglichen Lebens, die durch die Lebewesen selbst mit hervorgebracht wurde.

„Bewohnbarkeit des Erdmantels“ statt „Bewahrung der Schöpfung“?

Im Blick auf diese Realität hat es durchaus Sinn, für eine Ethik des Bewahrens zu plädieren. Das ist das Wahrheitsmoment an der Programmformel „Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung“, die seit der Vollversammlung des ÖRK 1983 in Vancouver kirchliches Denken und Handeln geprägt hat. Das Wahrheitsmoment verflüchtigt sich aber, sobald die romantisierende Vorstellung Oberhand gewinnt, es gäbe einen paradiesischen, heilen Zustand der Natur, der erhalten oder wieder hergestellt werden solle. Weil diese Naturromantik sich als Kritik an der technischen Moderne heute als so attraktiv erweist, könnte es sinnvoll sein, statt von der Bewahrung der Schöpfung, von der Bewohnbarkeit des Erdmantels als Aufgabe zu reden. Der indische Historiker Dipesh Chakrabarty spricht von „Habitabilität“.

Um diese Bewohnbarkeit zu erhalten, müssen Menschen einerseits zum Beispiel gegen Krankheitserreger wie Pest, Pocken oder Corona kämpfen. Andererseits müssen sie dafür Sorge tragen, dass menschliches Leben nicht das andere kreatürliche Leben so schädigt, dass die kritische Zone unbewohnbar wird. Das massive Artensterben ist in dieser Hinsicht ein Menetekel, ebenso wie der menschengemachte Klimawandel. Wir werden mit den schon eingetreten Folgen leben müssen, gewissermaßen „in den Ruinen des Kapitalismus“ (Anna Tsing).

Dennoch darf diese dünne Schicht Leben, die der Mensch bewohnt und mit gestaltet, durchaus als Wunder in dem uns bekannten Kosmos betrachtet werden. (Dazu gehört auch die Entwicklung von Zivilisationen, die die klimatischen Bedingungen des Holozäns dem homo sapiens seit etwa 12 000 Jahren ermöglichen.) Wo die einen staunend auf dieses Wunder des Lebens schauen, da loben etwa Juden und Christen Gott dafür, dieses Wunder „geschaffen“ zu haben. In diesem Sinne kann das Wunder des Lebens durchaus als Unterpfand, als „Sakrament“ verstanden werden, als Versprechen, dass dieses Leben vom biblischen Gott nicht mehr preisgegeben, sondern gerettet wird. Dieselbe Einheit von Atem und Wort Gottes, der alles neu schafft, wird deshalb auch als Grund der Schöpfung gesehen. Anders als Günter Thomas es nahelegt, muss auch die Schöpfung (als Werk des trinitarischen Gottes) als geistgewirkt betrachtet werden.

3. Hiob und die Erfahrung mit den Erfahrungen des Lebens: Eben das wird in den Sprachhandlungen des Glaubens zum Ausdruck gebracht. Sie verwandeln die schönen und die schrecklichen Naturerfahrungen, die Menschen machen, in Lob und Klage, in Dank und Bitte. Erst die Erfahrung mit der Naturerfahrung, die wir machen, wenn wir Gott für diese Welt danken und in das Gotteslob einstimmen, wenn wir Gott in der Klage das beschädigte Leben vorhalten und in unseren Bittgebeten vor Gott bringen – erst unser Beten macht die Welt als Schöpfung erfahrbar, als Wirklichkeit, die sich ganz und gar Gott verdankt.

Irritierende kirchliche Äußerungen zur Pandemie

Insofern war es irritierend, dass kirchliche Äußerungen zur Corona-Pandemie in der Regel zwischen zwei Äußerungen schwankten: zum einen der kategorischen Feststellung, dass Gott mit der Pandemie nichts zu tun habe (um die Rede vom strafenden Gott auszuschließen); zum anderen der seelsorglich gemeinten Behauptung, dass Gott uns immer irgendwie nahe sei. Die Sprachform der hartnäckigen, untröstlichen Klage dagegen hätte (und hat in vielen Fällen sicher auch) die Möglichkeit eröffnet, das Virus in den Horizont Gottes und damit der Hoffnung zu rücken.

Als Glaubensaussage unterscheidet sich das Lob des Schöpfers allerdings ganz grundsätzlich von Sprachbildern, wie der sorgenden „Mutter Erde“ oder der Erde als ganzheitlichem „Körper Gottes“. Die biblischen Texte kennen deshalb neben dem Lob, das beständige Klagen, wie fragil und todverfallen das irdische Leben doch ist. Es gibt wohl keine realistischere Darstellung als jene, die im Buch Hiob entfaltet wird und die bis zuletzt Hiobs Klage über das beschädigte Leben Recht gibt. Vor allem aber bietet es in den zwei Gottesreden am Schluss eine Korrektur jeder romantisierenden Vorstellung des Lebens auf der Erde.

Aus dem Mund Gottes, so der Text, wird Hiob zum einen daran erinnert, dass zur Schöpfung Gottes auch jener Bereich der „Wildesel“ (wir möchten heute ergänzen: und Coronaviren) gehört, der menschliches Leben umfängt und beständig gefährdet. Zum anderen wird Hiob von Gott darauf hingewiesen, dass menschliches Leben ohne das machtvolle schöpferische Wort Gottes dem Nichts anheimfallen würde. Dieser Hinweis kommt im mythischen Gewand daher: Leviathan und Behemoth sind als übermächtige Wesen geschildert, die aus der Wirklichkeit, die Gottes Schöpfung negiert hat, dem „Chaos“ oder der „dunklen Tiefe“ einbrechen könnten – zumindest dann, wenn die Menschen mit diesen Mächten des Nichts spielen wollen, weil sie sein wollen wie Gott, dem allein – nach Psalm 104 – dieses Spiel mit dem Leviathan vorbehalten ist.

Die mythische Vorstellung kommt hier an Grenzen, weil sich die Schöpfung aus dem Nichts nicht ohne „etwas“ (wie das chaotische „Tohuwabohu“ und die dunkle Tiefe „Tehom“ in Genesis 1 oder die mit dem Meer assoziierten mythische Wesen Leviathan und Behemoth im Buch Hiob) darstellen lässt. Auch im Blick auf die neue Schöpfung ist die (raum-zeitlich-leibliche) Bindung an die menschliche Vorstellungskraft die Grenze, die theologische Hoffnung einer alles umstürzenden Verwandlung zum Ausdruck zu bringen.

Gottes Geist wie ein Sturmwind über Gräbern

Bliebe das Buch Hiob schließlich so stehen, wie es endet, dann müsste ihm doch widersprochen werden. Hiob kann zwar wieder neu anfangen, mit neuer Familie, neuen Tieren und noch größerem Wohlstand. Was aber ist mit all dem Leben, das Gott - dem Buch Hiob nach - dem Tod und der Vernichtung preisgegeben hat? Ohne die Vision des Ezechiel, dass der Geist Gottes wie ein Sturmwind über die Gräber der Geschichte weht und das verlorene Leben heilt und verwandelt, müssten wir wohl alle Hoffnung fahren lassen.

4. Bewohnbarkeit - Hoffnungsvoll leben in der „kritischen Zone“: Lassen sich mit Hiob und dem ersten Schöpfungsbericht die Gefährdung des Lebens auf dem mit Pflanzen und Tieren belebten Erdmantel und die Bedrohung durch die (Ver-)Nichtung allen Seins durch den – unerklärlichen(!) - Einbruch der Chaosmächte unterscheiden, dann hat das Folgen. Günter Thomas berücksichtigt diese Unterscheidung leider zu wenig, so dass im Kurzschluss der Eindruck entstehen kann, dass etwa die Corona-Pandemie ein Einbruch des „Chaos“ sei und es im Kampf gegen das Virus um „Rettung“ ginge.

Zwei Folgen der Unterscheidung sind besonders wichtig: Zum einen ist deutlich, dass die „Bewahrung der Schöpfung“ vor dem Sturz ins „Nichts“ allein durch Gott möglich ist. Zum anderen wird die Aufgabe des „Erdlings“ Mensch - jenseits von Eden, wie im zweiten Schöpfungsbericht erzählt - darauf konzentriert, sich mit allem was lebt auseinanderzusetzen und die Bewohnbarkeit der „kritischen Zone“ zumindest nicht zu gefährden. Dabei ist diese Zone kein harmonischer Lebensraum, sondern „angefüllt ... mit Gewalttat“ (Genesis 6,11), die ganz wesentlich von den Kindern Kains ausgeht (Genesis 9). Der Garten Eden kann nur als Sehnsuchtsort erinnert werden, aber es gibt dorthin keinen Rückweg. Der Paradiesgarten des Buchs der Offenbarung des Johannes ist ebenfalls verwandelt und mit einer nunmehr himmlischen Stadt, dem Symbol für die menschliche Geschichte, verschmolzen.

Die Bewohnbarkeit muss der Erde beziehungsweise der kritischen Zone auf dem Erdmantel, in der Leben möglich ist, abgerungen werden. „Mühe“ und „Schmerzen“ kennzeichnen das immer gefährdete und durch den Tod begrenzte menschliche Leben. Die „naturale“ Welt muss bearbeitet werden, um zu überleben und die Menschen sind immer wieder in Gewaltverhältnisse „verwickelt“. Nicht nur das, es kommt auch ständig zu Zielkonflikten, wenn versucht wird, die Beschädigungen des Lebens durch Not, Unfreiheit, Gewalt, Unsicherheit und Zerstörung der Lebensgrundlagen zu minimieren. Das aber wird etwa in den Zielen für nachhaltige Entwicklung, den „Sustainable Development Goals“, der UN nicht wirklich ernst genommen, so dass der Begriff der Nachhaltigkeit die Zielkonflikte verbirgt und faktisch entpolitisiert.

Keine Rückkehr zur unberührbaren Natur

Das Ringen um die Bewohnbarkeit schließt aus, es könnte eine Rückkehr zu einer unberührten Natur geben. Es gibt nur die Möglichkeit des immer weiteren Eingreifens in die Lebensverhältnisse auf dem Erdmantel. Die amerikanische Journalistin Elizabeth Kolbert („Wir Klimawandler“) schildert eindrücklich, das selbst Ideen vom Rückbau oder Rückzug der Menschen nichts anderes als weitere planvolle Eingriffe in die planetarische Ökologie sind.

Das wird gegenwärtig besonders deutlich bei dem Versuch „klimaneutrale“ Lebensverhältnisse zu schaffen. Eine Abkehr der Nutzung von fossilen Energien mit dem Ziel den Eintrag von CO 2 so zu begrenzen, das die Erderwärmung nicht weiter voranschreitet, erfordert neue Eingriffe in die Ökosphäre und mithin in die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse. Das gilt für alle denkbaren Strategien: vom massiven Ausbau erneuerbarer Energiequellen über eine wieder ausgeweitete Nutzung der Kernkraft bis hin zu Vorstellungen von einem Geo-Engineering, welches CO 2 im Boden verklappt oder die Sonneneinstrahlung durch Eingriffe in die Atmosphäre reduziert.

Das beschreibt die Verantwortung der Gattung Mensch innerhalb der „kritischen Zone“ durchaus sachgemäß. Es geht nicht um die Rettung der Welt beziehungsweise des Planeten, es geht auch nicht um die Heilung der Ökosphäre. Es geht um den verantwortlichen Umgang mit den Möglichkeiten, über die Menschen im Unterschied zu anderen Kreaturen verfügen. Allerdings müssten wir Menschen an unseren Möglichkeiten verzweifeln, wenn wir nicht auf jene Rettung hoffen dürften, die das Versprechen der Schöpfung beinhaltet.

Bisher erschienen folgende Artikel in dieser Kontroverse in dieser Reihenfolge:

- Günter Thomas: Jenseits von Eden und Blühwiesenromantik (ursprünglich in drei Teilen am 13./15. und 20. Dezember 2021)

- Jan Peter Grevel: Über die Lesbarkeit der Welt (27. Dezember 2021)

- Ralf Frisch: Der rettende Eigensinn Gottes (29. Dezember 2021)

- Ulrich H.J. Körtner: Vor Tische las man’s anders (5. Januar 2022)

- Wolfgang Schürger: Ein neuer Himmel und eine neue Erde (12. Januar 2022)

- Jörg Herrmann: Blühwiesenromantik oder Karl Barth? (17. Januar 2022)

- Jörg Hübner: Ehrliche Mitarbeiter gesucht (24. Januar 2022)

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Peter Scherle

Peter Scherle, Jhg. 1956, ist Pfarrer i.R. der EKHN. Er war bis 2020  Professor für Kirchentheorie und Kybernetik am Theologischen Seminar Herborn und Visiting Lecturer für Ökumenische Theologie und Sozialethik an der Irish School of Ecumenics (Trinity College Dublin).


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