Viel Phantasie

Über Beatrice von Burgund

Sie war 28 Jahre mit Friedrich Barbarossa, ihrem ungleich berühmteren Mann, verheiratet. Über Beatrice von Burgund selbst sind nur wenige historische Fakten überliefert. Trotzdem: Die badische evangelische Theologin und Autorin Dorothea von Choltitz hat sie in den Mittelpunkt eines historischen Romans gestellt. Darin erzählt sie die Geschichte einer Frau, die – obwohl vor allem in ihrer Jugend den männlichen Machtspielen ihrer Umgebung ausgeliefert – versucht, ihren eigenen Weg zu gehen.

Verbürgt ist von Beatrice (in der Literatur wird sie zumeist Beatrix genannt) nur wenig mehr als das: Sie wurde als Tochter von Agathe von Lothringen und deren Ehemann, Graf Rainald III. von Burgund, um 1140 geboren. 1156 heiratete sie den römisch-deutschen König und Kaiser Friedrich Barbarossa. Im August 1178 wurde sie zur Königin von Burgund gekrönt. Sie galt als intelligent, gebildet und schön, die Ehe mit Friedrich, aus der elf Kinder hervorgingen, als glücklich und liebevoll. Sie starb 1184. Ihr etwa 18 Jahre älterer Ehemann überlebte sie um sechs Jahre.

Angesichts dieser mageren Quellenlage hat sich die Autorin auf Berichte aus dem Leben Friedrich Barbarossas gestützt. Wenn man davon ausgeht, dass Beatrice ihren Mann auf seinen Reisen und Feldzügen oft begleitet hat, eine durchaus legitime Vorgehensweise für einen Roman. Allerdings wird bei der Lektüre schnell klar: Hier ist neben historischen Fakten und allgemeinen sozialen, kulturellen und politischen Hintergründen des (adeligen) Lebens in Mitteleuropa, die die Autorin einbringt, auch jede Menge Phantasie im Spiel.

In dieser Hinsicht wäre weniger manchmal mehr gewesen: Etwas zu häufig und etwas zu langatmig ist von der Kleidertruhe und deren Inhalt, von Haarbändern und Schmuck die Rede.

Insgesamt präsentiert Dorothea von Choltitz ihren Leserinnen und Lesern eine Frau, die nach heutigen Maßstäben als modern gelten dürfte: mit eigenen erotischen Vorstellungen, mit einer klaren politischen Meinung (zum Beispiel zu dem brutalen Vorgehen ihres Mannes beim Italienfeldzug), mit ihrem Ringen um die eigene Rolle und die eigenen Rechte – und mit einer großen Freiheitsliebe. Sie findet ihren Ausdruck auch bildhaft in den Ausritten der jungen Frau mit ihrem geliebten Pferd Adigo – und zwar im Herrensattel.

Ob das alles so war? Sei‘s drum. Etlichen Liebhaberinnen und Liebhabern historischer Romane dürfte die Geschichte trotzdem gefallen. Denn sie bietet auch einiges an Spannung. Einen breiten Raum am Anfang des mehr als 500 Seiten starken Romans etwa nimmt die Gefangenschaft der minderjährigen Beatrice ein.

Über den Realitätsgehalt dieser Legende, derzufolge die Waisin von ihrem Onkel Guillaume in einem Turm gefangen gehalten wurde, streiten sich, darauf weist das Nachwort des Romans ehrlicherweise explizit hin, allerdings die Wissenschaftler. Genauso fragwürdig dürfte deshalb auch der von der Autorin eingewobene Missbrauch des jungen Mädchens durch den Onkel sein.

Außergewöhnlich an dem Roman ist der Blick auf die Spiritualität der Hauptfigur, die sicherlich dem Beruf der Autorin geschuldet ist. Von Choltitz macht immer wieder Beatrices enge Bindung an den christlichen Glauben zum Thema. Gott, Jesus und der Erzengel Michael sind stets präsent – oftmals in einer Art mystischer Begegnung.

Diese Frömmigkeit verbindet Beatrice mit Hildegard von Bingen. Zwei (fiktive) Treffen zwischen den beiden starken Frauen hat die Autorin in ihren Roman eingebaut. Treffen, die tatsächlich hätten stattfinden können: Beatrice sucht die heilkundige Nonne auf, weil sie nach zwei Jahren Ehe noch nicht schwanger ist.

Die einzelnen Kapitel des Buches, das seit einigen Wochen auch als Taschenbuchausgabe erhältlich ist, hat Dorothea von Choltitz mit den Wochensprüchen des Kalenderjahres versehen. Die jeweils geschilderten Ereignisse im Lichte dieser Bibelverse zu betrachten, ist mal mehr, mal weniger lohnenswert, insgesamt aber ganz sicher ein Alleinstellungsmerkmal dieses Romans. Zumal es – wie es im Nachwort heißt – durchaus historisch möglich sei, dass Beatrice das Erlebte gedanklich auch mit solchen religiösen Impulsen verarbeitet hat.

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