Nachgerade genial

Samuel Hasselhorns Schumann

Irgendwie geht die Rede davon, das romantische Kunstlied sei „alt, verstaubt und vom Aussterben“ bedroht. Auch Samuel Hasselhorn schreibt dies im „Mission Statement“ zu seiner neusten Schumann-CD, der ersten beim international renommierten Label Harmonia Mundi.

„Keine Sorge!“, möchte man ihm zurufen, denn wer die Interpretation des erst 31-Jährigen hört, der kommt von dieser sehr besonderen Baritonstimme nicht los. Eine Stimme, ausgestattet mit einem edlen tief-dunklen, im besten Sinne gewichtigen, schwarztönenden, allgegenwärtigen Kern, der sofort in den Bann zieht und den Hasselhorn keineswegs mitschleppen muss, sondern mit dem er in allen musikalischen Schattierungen souverän jonglieren kann. Das Ganze dann gepaart mit souveräner Technik und subtiler Gestaltungskraft, klingt nachgerade genial.

Im Zentrum der CD stehen zwölf Lieder nach Versen des heute kaum noch bekannten Dichters und Arztes Justinus Kerner (1786 – 1862). Gedichte, denen Schumann schon als Jugendlicher begegnete und ein paar schon 1828 vertont hatte, bevor er dann am Ende 1840 insgesamt einen Zyklus komponierte.

Das Motiv ist, ähnlich wie in Schuberts Schöner Müllerin, die Wanderschaft, wenn auch mit einem etwas weiteren Themenspektrum. So wird zum Beispiel in Stirb‘, Lieb‘ und Freud‘ die Weihe einer jungen Frau zur Nonne im Augsburger Dom beschrieben – aus der Perspektive des jungen Mannes, der sie unsterblich liebt und es ihr nie gestanden hatte –, oder in Stille Liebe, einer melodiös wunderbaren Miniatur, die Unmöglichkeit, der großen Liebe angemessenen Ausdruck zu geben, bedacht.

Gerahmt ist der Zyklus von drei Heinrich-Heine-Liedern zu Beginn, darunter die berühmte Ballade Belsatzar, und am Ende von Die Löwenbraut, einer überaus dramatischen Ballade von Adalbert von Chamisso, und zwei wunderbaren weiteren Heine-Liedern aus Opus 49 (Die beiden Grenadiere; Die feindlichen Brüder), in denen Tiefe des Gefühls mit einem über allem schwebenden sanft ironisierenden Duktus eine berückende Liaison eingeht und in denen Hasselhorn auskostet, was auszukosten ist, ohne auch nur einmal mit seinem vorzüglichen Pianisten Joseph Middleton Timing und Bogen vermissen zu lassen.

Fünf Lieder op. 40 nach Gedichten von Hans Christian Andersen beschließen das mehr als 80-minütige Hörfest. In all diesen Klangkostbarkeiten seien, so Hasselhorn in seinem Eingangstext, „zwei der größten und schönsten Künste – nämlich Musik und Poesie – zu einer gemeinsamen, höheren Kunst“ verbunden. Diese Verbindung ist ihm und seinem Pianisten umfänglich gelungen. Gerne mehr davon!

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