Vakuum und Doppelkinn

Früher war alles gestern, digital ist nie. Eine Polemik
Foto: privat

Groß, die Kleidung stilvoll, makellose Haut, die Haare halblang. Sie geht nicht, sie schreitet. Souverän, dezent, beschwingt. Eine Erscheinung. Bemerkenswert, wie sie auf dem Fußweg am Südbad von rechts das Sichtfeld kreuzt. Mittags, ich laufe mit dem Hund und assoziiere gleich das Baudelaire-Gedicht „An eine, die vorüberging“ – allerdings: leicht verkrümmt! Wie das eben ist, wenn jemand mit dieser halbgeneigten Kopfhaltung tippt, scrollt und wischt.

Sie ist ganz bei sich, definitiv jedoch nicht bei uns, und zeigt dabei deutlich Doppelkinn. Fördert also Smartphonenutzung die zumeist unerwünschte Fettschürze oder forciert sie gar? Entsprechende Untersuchungen sind nicht bekannt, doch Augenschein stützt das Ahnen. Man beobachte mal selbst und überlege zudem, was es dann erst mit den Köpfen macht, dieses Allgegenwartsgerät voller Anwesenheitsversprechen und Parallelwelten in Permanenz.

Die hat auch Kirche in den Blick genommen, allerdings bloß bedingt aus Sorge um Seelen. Zuvörderst will sie „da sein, wo die Menschen sind“, wie das oft heißt, oder: „Heut’ wär’ Luther auf Twitter, Youtube und bei Instagram.“ So viel Gewissheit, dass man stutzt.

Lieber wäre einem Präzision: Wo genau sind sie denn, diese Menschen? Und dabei wie? Kommen sie einem frontal entgegen, weichen sie immerhin zuletzt meist aus, wirken indes gestört dabei und lächeln allenfalls ertappt oder blöde. Wollte ich da auch sein?

Ich stupse den Hund und staune über eine Kirche, die statt auf‘s Maul nun auf Social Media und Displays schaut und dort auch selber vorkommen will. Folgt sie denselben Versprechen oder verwechselt gar in Klicks gemessenes Vorkommen mit Existenz? Denn wo sollen sie schon sein, die Menschen – auf der Straße, im Bus, zu Hause und beim Aldi, mitunter sogar auch in der Kirche.

Allerdings ist fraglich, ob man sie überhaupt antrifft, da doch unvermittelt nichtdigitaler Kontakt gleich Unterbrechung, Störung bedeutet. Ganz da sind sie nie, weil stets zugleich woanders, als lösten sie sich auf.

Früher hieß das Stress: Pausenlos Geschwätz und WhatsApp-Blimblim, ergänzt um lustige Bildchen oder Videos als Emotionsplatzhalter, stetige Input-Alertness mit 17 geöffneten Fenstern (als wacher Zeitgenosse), und dann erst die Sinnfluencer (Influenza?) im „Evangelischen Contentnetzwerk yeet“ etwa – jeder weiß doch, da ist alles inszeniert, pure Fiktion, vielleicht unterhaltsam, obwohl selten wie beabsichtigt, eher Kalauer auf der Suche nach Serienverstetigung. Wenn, gemessen an dafür versenkten Ressourcen, wenigstens die Klickzahlen stimmten, doch selbst die sind mau. Eher peinlich.

Aber vielleicht liegt Protestanten das Digitale ja besonders. Mit Leib, Lust oder Erotik tun sie sich seit jeher schwer. Anwesenheitssimulation liegt da nahe, Begegnen im Zoom-Modus sichert Distanz. Anbrennen kann im Vakuum nichts, es fehlt Sauerstoff.

Erotik als Spiel realer Möglichkeiten braucht hingegen selbst im Verfehlen leibhaftige Gegenwärtigkeit wie in Baudelaires so romantisch wie sexuell deutbarem Gedicht. Und seine Passantin – hat es gewusst („ô toi, qui le savait“). Doch im proklamierten Digitalfokus verdampft Luthers „simul iustus et peccator“ (gerecht und Sünder zugleich), bevor es zu irgendetwas kommt. Die Möglichkeit für Fehltritt oder Erfüllung ist rein fiktiv, ein Verhüten überflüssig. Alles keimfrei. Die Begleitjahreszahlen dazu sind schon Ironie der Geschichte: 1517 veröffentlicht Luther seine Thesen. 2007, passend zum Beginn der Luther-Dekade im Jahr darauf, revolutioniert das Apple-iPhone mit seiner Multitouch-Oberfläche den Smartphonemarkt. Seither regiert Anwesenheitssimulation – und sind so viele Rücken krumm.

Luther hätte der Kirche geraten: „Leute, da müsst Ihr Euern Arsch schon selber hinbewegen.“ Gut, auch das ist Spekulation, aber vergnüglich doch, dass ausgerechnet Luthers Kurzfassung von Sünde das Bild von Krümmung bemüht: „incurvatus in se ipsum“ – verkrümmt in sich selbst. Die Selbstkurve also.

Doch damit kein falscher Eindruck entsteht: Niemand verdammt diese Geräte an sich. Mäßig sind sie privat gern zu nutzen, auch kein Handwerker käme noch ohne Smartphone aus – hochbezahlte Seelsorger vielleicht aber lieber schon, statt die Segnungen des Digitalen zu preisen und auf den eigenen Sinnfluenza-Kanal zu verweisen, wo man – ach so zeitgemäß – die Frohe Botschaft von der Erlösung anpreise. Sie beim Drehskript-Schreiben zu wähnen oder süß bärtapsig Rotwein schwenkend beim Sinnieren zu sehen, wenn sie atemlos oder auf gute Freundin tun und nebenher kunstsinnige Grundierung und professionelle Vertrautheit mit digitaler Schnitttechnik demonstrieren, macht nur Köpfe schütteln.

Solch Zirkus dient der Glaubwürdigkeit wenig. Diese Suppe ist erschütternd dünn, ihr fehlt das Fleisch. Baudelaires souveräne Passantin machte da den Rücken gerade – und ertränke in dieser Pfütze nicht!

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