Der Vordenker

Jürgen Habermas’ große Schrift von 1962 und der Protestantismus
Jürgen Habermas auf einer Konferenz in Athen, August 2013.
Foto: pa
Jürgen Habermas auf einer Konferenz in Athen, August 2013.

Vor genau 60 Jahren begründete der Philosoph Jürgen Habermas mit „Strukturwandel und Öffentlichkeit“ seine später weltweit prägende Sicht der Demokratie- und Kommunikations­theorie. Eberhard Pausch, Theologe und Studienleiter an der Evangelischen Akademie in Frankfurt/Main, zeichnet diesen Weg nach und lotet dessen Tauglichkeit für heutige Debatten aus.

Einen Denker von Weltrang – so kann man Jürgen Habermas wohl nennen. Einen Sozialphilosophen und weiträumig denkenden Intellektuellen, der seit den frühen 1950er-Jahren – beginnend mit einem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichten kritischen Aufsatz über Martin Heideggers bleibende Verstricktheit in den Nationalsozialismus – bis heute kontinuierlich in der Öffentlichkeit präsent ist.

Die Verdienste des 1929 Geborenen liegen auf vielen Feldern: Er führte die Frankfurter Schule mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns aus ihrer selbstgewählten aufklärungskritischen Sackgasse heraus. Er verband Erkenntnisse der marxistischen Tradition und das reichhaltige Erbe des Deutschen Idealismus mit dem hermeneutischen Denken des 20. Jahrhunderts und dieses wiederum mit den Einsichten des US-amerikanischen Pragmatismus und der analytischen Philosophie.

Der katholische Theologe Edmund Arens stellte 1988 in seinem Buch Habermas und die Theologie jedoch einleitend fest, von allen Vertretern der Frankfurter Schule scheine er derjenige zu sein, der der Theologie am fernsten stehe. Er belegt dies damit, dass Habermas sich „bisher nicht systematisch mit Fragen der Religion und Theologie auseinandergesetzt“ habe. Tatsächlich bezeichnete Habermas sich noch bis zum Jahrtausendbeginn als „religiös unmusikalisch“.

Im Alter von fast 90 Jahren legte er dann 2019 unter dem Titel „Auch eine Geschichte der Philosophie“ eine beeindruckende zweibändige Rekonstruktion des Verhältnisses von Glauben und Wissen vor (vergleiche zz 5/2020). Spätestens dieses Werk weist ihn als einen religiös sehr wohl musikalischen Menschen aus, dessen Kompositionen auch künftig in Theologie und Kirche erklingen werden. Allerdings konnte man seine Melodien und Texte im christlichen Religionssystem schon in seinen Publikationen Ein Bewusstsein von dem, was fehlt (2008) und Zwischen Naturalismus und Religion (2005) finden. Erst recht unvergessen bleiben sein Münchner Duett mit Joseph Kardinal Ratzinger im Jahr 2004 und sein Frankfurter Solo im Jahr 2001 aus Anlass der Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, bei dem er nur wenige Tage nach „Nine Eleven“ die konstruktive Kraft der Religion würdigte und sie präventiv gegen einen Generalverdacht in Schutz nahm.

Es war aber ausgerechnet seine 1962 veröffentlichte  Habilitationsschrift Strukturwandel der Öffentlichkeit, die theologisch bereits früh Anklang fand. Dabei kam das Stichwort „Religion“ dort nur am Rande vor. Vielmehr stieß der Begriff der „Öffentlichkeit“ im deutschen Protestantismus auf Interesse – in einem Protestantismus, der nach seiner schuldhaften Verstrickung in den Nationalsozialismus ein neues Profil in der Wahrnehmung öffentlicher Verantwortung suchte. Wolfgang Huber, der brillante Sozialethiker und spätere Ratsvorsitzende der EKD, war es, der wiederum 1973 in seiner  Habilitationsschrift Kirche und Öffentlichkeit explizit an Habermas‘ Öffentlichkeitskonzept anknüpfte. Dass Huber und viele andere evangelische Theolog:innen der Gegenwart sich in der Tradition der „Öffentlichen Theologie“ sehen, beruht nicht zuletzt auch auf dem Werk des großen Protagonisten der Frankfurter Schule.

Dabei hätte Habermas‘ akademische Karriere bereits früh enden können. Denn Max Horkheimer, der Nestor der Frankfurter Schule und „diktatorische“ Leiter des Instituts für Sozialforschung, hielt den jungen Assistenten für einen gefährlichen Marxisten. Da Horkheimer sich in der Adenauer-Ära zu einem Verfechter der CDU-Parole „Keine Experimente“ entwickelt hatte, setzte er den von Theodor W. Adorno so geschätzten Nachwuchswissenschaftler vor die Tür. Habermas habilitierte sich dann in Marburg bei Wolfgang Abendroth.

Aus heutiger Sicht liest sich Strukturwandel der Öffentlichkeit keineswegs als marxistische Kampfschrift, sondern eher als eine wissenschaftlich relativ solide Studie über den Öffentlichkeitsbegriff im Wandel der Zeit. Der Ansatz der Arbeit ist zwar ein historischer, aber es steckt viel systematische Kraft in diesem Buch. Viele Gedanken, die später für Habermas‘ Werk wichtig werden, sind bereits hier keimhaft zu finden. „Öffentlich“, das heiße: im Prinzip „allen zugänglich“, so definiert es der Autor bereits in der Einleitung.

Wichtige Referenzpositionen bilden für ihn Kant, Hegel und der junge Marx, wobei Kants Gedanke der „kritischen Publizität“ für ihn zentral ist und im Durchgang durch die Geschichte sowohl Modifikationen als auch Ausweitung erfährt. Konkretisiert wird dieses Konzept durch Motive wie die „Kraft des besseren Arguments“ und den „zwanglosen Zwang“ eines sich diskursiv herstellenden Konsenses – wobei der frühe Habermas den Konsens im Anschluss an Kant nur als eine pragmatische Instanz zur Wahrheitskontrolle sieht und noch keine umfassende Konsensustheorie der Wahrheit präsentiert. Faktisch nimmt Habermas mit seinem Öffentlichkeitsbegriff Willy Brandts Regierungsmotto „Mehr Demokratie wagen“ vorweg, das neulich als Überschrift des Ampelkoalitionsvertrag („Mehr Fortschritt wagen“) anklang.

Syntaktisch verschachtelt

Zugleich legt Habermas bereits 1962 den Grundstein für seine späteren kommunikations- und demokratietheoretischen Ausführungen. Das Adjektiv „zugänglich“, analytisches Implikat von „öffentlich“, taucht im letzten, syntaktisch verschachtelten Satz des Strukturwandels fast nebenbei auf: „Am Strukturwandel der bürgerlichen Öffentlichkeit lässt sich studieren, wie es vom Grad und der Art ihrer Funktionsfähigkeit abhängt, ob der Vollzug von Herrschaft und Gewalt als eine gleichsam negative Konstante der Geschichte beharrt – oder aber, selber eine historische Kategorie, der substantiellen Veränderung zugänglich ist.“

Ebenso unauffällig wie bedeutungsvoll wird das Adjektiv zwei Jahrzehnte später im Schlusssatz der Theorie des kommunikativen Handelns erscheinen. Dort fragt Habermas rhetorisch, warum die gefährdeten „symbolischen Strukturen der Lebenswelt“ nun für uns zugänglich geworden seien. Der Leser wird nach der Lektüre des Werkes antworten müssen: weil das System durch Monetarisierung, Bürokratisierung und Verrechtlichung die Lebenswelt im Ganzen bedroht. Wo öffentliche Zugänglichkeit, breite Partizipationsmöglichkeiten und die Zielperspektive des Konsenses den Öffentlichkeitsbegriff prägen, ist der Gegenbegriff der „Refeudalisierung“ naheliegend. Damit ist jener Prozess bezeichnet, bei dem der für die Öffentlichkeit gewonnene Raum wieder in private Hände zurückkehrt und somit nur noch wenigen Privilegierten zur Verfügung steht. Solche Prozesse der Refeudalisierung bedrohen die freiheitlich-demokratische Gesellschaft.

In der digitalen Gegenwart lässt sich das illustrieren am Internet mit seinen Echokammern und Filterblasen, an den Parallelwelten „sozialer Medien“ und erst recht am „Darknet“ mit seinen weit in den Bereich der Kriminalität reichenden Auswüchsen. Die digitalen Refeudalisierungen stellen wohl die größte Herausforderung für eine sich diskursdemokratisch regelnde Öffentlichkeit dar.

Wer die „Gutenberg-Galaxis“ (McLuhan/Dalferth) verlässt und in das digitale Andromeda aufbricht, sollte darum wissen. Längst hat ja ein neuer, eben der digitale Strukturwandel der Öffentlichkeit begonnen, der von Habermas‘ Kategorien nur noch unzureichend erfasst wird. Habermas selbst ist dies bewusst: „Ich weiß einfach nicht, wie in der digitalen Welt ein funktionales Äquivalent für die seit dem 18. Jahrhundert entstandene, aber heute im Zerfall begriffene Kommunikationsstruktur großräumiger politischer Öffentlichkeiten aussehen könnte.“

Aber eine andere Tür hat der späte Habermas noch geöffnet. Sie führt durch die Geschichte der Philosophie hindurch in den Raum der Religion. In ihm entdeckt er „unabgegoltene semantische Gehalte“, die in Gottesdiensten und Riten gefeiert werden, aber möglicherweise noch nicht in wissenschaftlich verstehbare Worte gefasst werden können. Auch für diese Gehalte bedarf es einer Zugänglichkeit, die allerdings spezifischer Art sein muss und einstweilen von ihm mit der Metapher der „Übersetzung“ belegt wird. Vielleicht hätte er in der Sprache der Musik auch von der „Transposition“ in eine andere Tonart sprechen können.

Wie auch immer: Religion und Kirche, ebenso wie Gesellschaft und Demokratie, zielen auf Öffentlichkeit und hoffen dort auf Resonanz im Medium öffentlicher Vernunft. Das Werk von Jürgen Habermas sucht und schafft dafür Zugänge. Ob diese auch bis in das digitale Andromeda führen können und ob dort dann für uns Sphärenmusik erklingen wird, muss die Zukunft zeigen.

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