Eine woke Priesterkaste

Die Identitätspolitik kann ihren auffällig religiösen Charakter nicht verbergen
Wer schweigt, übt angeblich Gewalt aus: „Black Lives Matter“- Demonstration im Juni 2020 in Mailand.
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Wer schweigt, übt angeblich Gewalt aus: „Black Lives Matter“- Demonstration im Juni 2020 in Mailand.

Zumindest die Auswüchse der derzeit so bedeutenden Identitätspolitik in den USA und in Deutschland tragen Züge einer Religion oder eines Religionsersatzes. Es geht dabei um Konzepte, die etwa an die christlichen Vorstellungen von Erwählung, Ursünde und Beichte erinnern. Das analysieren die Journalisten und Autoren Jan Feddersen und Philipp Gessler.

Die Identitätspolitik kennt eine große Schuld. Es ist im Kern die Schuld, weiß zu sein. Diese Schuld ist in manchen Spielarten der Identitätspolitik wie „Critical Whiteness“ prinzipiell untilgbar. Weiße sind demnach quasi mit einem rassistischen Geburtsschaden zur Welt gekommen, und an diesem Fehler haben sie gefälligst zu tragen. Der afroamerikanische Linguistik-Professor John McWhorter sieht hier eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen der Bibel und dem identitätspolitisch geprägten Bestseller-Buch White Fragility (2018) von Robin DiAngelo, insofern auch darin die Idee der Ursünde stecke. Die Ursünde, die nicht wirklich aus der Welt zu schaffen sei. Ursünde? Hier klingt sie schon an, die Nähe von Identitätspolitik und Religion.

DiAngelos Buch hat in den USA und Deutschland hohe Auflagen genossen – aber nicht nur Lob. Vernichtend ist etwa das Urteil des Autors Daniel Kehlmann über ihr Werk. Er nennt es einen „Auswuchs der Identitätspolitik“. Aber es sei zugleich ein Buch, über das Schwarze nur lachten. „Ein Werk für hoch neurotisierte Weiße, die sich auf verdrehte Weise moralisch gut fühlen wollen, indem sie lesen, dass alle Weißen nur rassistisch sein können, ohne Ausweg. Das hat mit der echten Bewältigung rassistischer Strukturen überhaupt nichts zu tun.“ Wir glauben, es ist kein Zufall, dass auch diese Idee der Unentrinnbarkeit der Schuld stark an das Konzept der christlichen Ursünde erinnert.

Für die Sünde des Lebens kann es im Sinne einer radikalen Interpretation der Identitätspolitik eben als weiße Person nie genug Beichte geben. Auch dies ist aus dem Christlichen bekannt: die Sünde, die Reue und das Bereuen. Identitätspolitische Tugenden fordern all dies ab, ihre Ausübung entspringt der Gesinnung einer religiösen Tyrannei.

Das ist unserer Meinung nach deshalb der Kern des Ganzen, und wir treffen uns hier mit den Thesen John McWhorters in seinem gerade veröffentlichten Buch Woke Racism (2021): Das identitätspolitische Gedankengebäude fungiert für viele seiner Anhänger*innen als Religionsersatz – mit starker Betonung auf „-ersatz“, können doch gerade die Jüngeren unter ihnen mit Religion zuvörderst christlicher Prägung häufig nur noch wenig anfangen, ja sie lehnen sie zum Teil strikt als irrational und rückwärtsgewandt ab. Aber Religion kommt in einer säkularen Welt, wie bekannt, in ganz unterschiedlichen Gewändern vor. Und lässt man sich auf diese Analyse ein, so muss man sagen: Identitätspolitik ist eine ziemlich strikte Religion. Es gibt eine schöne Aussage von Alice Schwarzer, wonach in der identitätspolitischen Bewegung nicht mehr gedacht und gezweifelt werden dürfe, „es muss geglaubt werden“.

Die Ablösung der Vernunft durch ein quasi-religiöses Weltverhältnis zeigt sich etwa im Umgang mit dem berüchtigten N-Wort, von dem identitätspolitische Aktivist*innen meinen, man könne es noch nicht einmal mehr als Zitat (oder gar abgekürzt) in einem bestimmten Kontext oder in wissenschaftlichen Zusammenhängen nutzen. Die Radikalität, mit der manche Wörter gebannt werden sollen, erinnert an das über viele Jahrhunderte übliche christlich-volksfromme Vermeiden oder Umschreiben des Wortes „Teufel“. Es ist die Umkehrung der überaus wichtigen Verheißung an das Volk Israel bei Jesaja (43,1): „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Aber aus der Befreiung von Angst durch Gott und dem Zuspruch der Erlösung durch ihn wird genau das Gegenteil: Furcht und Beklemmung durch die Nennung des falschen Namens.

Als gäbe das Nennen des Namens dem Benannten schon Macht über die Gedanken des Sprechenden. Das N-Wort scheint in den Augen der Identitätspolitik-Fans eine ähnliche Magie zu haben. Um die Analogie zur Religion noch weiter zu führen: McWhorter sah schon früher in den Hardcore-Ideolog*innen dieser Bewegung eine Art Priesterkaste. Seiner Meinung nach glauben diese Leute ernsthaft, „dass sie die Träger einer höheren Weisheit seien“. Auf bestimmte Weise glichen sie damit Anhängern einer fundamentalistischen Religion. McWhorter spricht auch von „Auserwählten“.

Diese Ideolog*innen haben habituell einiges mit den (christlichen) Gnostiker*innen des zweiten und dritten Jahrhunderts gemein, die auch glaubten, über ein Wissen zu verfügen, das sie über andere Menschen erhob. Jedenfalls ist schon frappierend, dass die Woken sich sprachlich ja als „Erwachte“ oder „Wache“ begreifen, die über eine besondere „Kenntnis“ oder „Erkenntnis“ (übrigens die wörtliche Übersetzung von „gnosis“) verfügten. Auch die Reinheitsmanie der „perfecti“ und der radikale Dualismus der mittelalterlichen christlichen Sekte der Katharer*innen erinnert an die besonders radikalen Identitätspolitik-Fans.

Religiösen Fundamentalist*innen gleich welcher Couleur geht es vor allem um weltliche Macht, oft vernebeln sie diesen Anspruch durch ein religiöses Vokabular voll liebender Worthülsen. Auch hier mag man Ähnlichkeiten zur Identitätspolitik feststellen. Die französische Feministin Caroline Fourest sieht die Ähnlichkeiten der Identitätspolitik mit einer Religion in ihrem Buch Generation Beleidigt (2020) jedenfalls besonders beim Vorgehen der Streiter*innen wider Kulturelle Aneignung (cultural appropriation): „Ihr Ziel ist es, ein Monopol über die Darstellung des Glaubens zu wahren, indem sie anderen verbieten, ihre Religion zu malen oder zu zeichnen. Dadurch zeichnen sie selbst sich maßgeblich aus.“ Vielleicht erklärt das einen Teil des Furors, den die Identitätspolitik ebenso wie Religionen entfachen können. So verwendet Fourest in ihrem Buch mehr als zwei Dutzend Mal die Wörter „Inquisition“ oder „Inquisitoren“, um die eifrigsten identitätspolitischen Aktivist*innen und ihr Wirken zu beschreiben.

Der Religions- und Inquisitionsvergleich drängt sich auch Judith Sevinç Basad in ihrem Buch Schäm dich! (2021) auf. Sie zeigt die Analogien zu vor allem traditionell christlich anmutenden Schuld­eingeständnissen und Schuldritualen auf. Wer sich als „weiße*r“ Journalist*in oder Aktivist*in coram publico der eigenen Privilegien schäme, seinen unentschuldbaren Rassismus betone oder öffentlich Demutsübungen verrichte, dem oder der gehe es nur vordergründig um soziale Gerechtigkeit. „Im Kern geht es nur um sie selbst: darum, religiöse Sehnsüchte auszuleben und bestätigt zu bekommen, ein wertvoller Mensch zu sein. Es ist amüsant: Zwar verachten die Progressiven das Christentum und beschimpfen Kirchgänger als reaktionäre Kleingeister. Dabei sitzt das Bedürfnis nach Tugendhaftigkeit durch Läuterung und Schmerz so tief in ihrer Brust, dass sie sich eine Moral aneignen, die an das Zeitalter der Inquisition erinnert. Der Glaube an den christlichen Gott mag im progressiven Weltbild seinen Platz verloren haben, aber der Glaube an die christliche Erlösung ist geblieben.“

Ein regelrechtes Business

Es gibt Antirassismus-Trainings, die gerade in den USA als eine Art identitätspolitischer Gegenzauber samt integrierten Quasi-Beicht-Sessions angeboten werden und zu einem regelrechten Business geworden sind. Der Spiegel berichtete Anfang Juni 2021, es gebe mittlerweile hunderte Berater*innen, die davon leben, vor allem dem Personal von Unternehmen Antirassismus-Trainings im Sinne der Identitätspolitik anzubieten: ein Heer von Wanderprediger*innen, Frömmigkeitserziehenden, Priester*innen der guten Botschaft. Dabei sei durch Studien, und das ist der abstruse Clou, inzwischen gut dokumentiert, dass Kurse gegen Rassismus oder Sexismus so gut wie keinen Effekt haben. Antirassismus-Trainings ähneln Ablassübungen sowohl der Firmenleitungen wie ihres Personals. Ob das irgendetwas bringt – egal. Wichtig ist nur, dass diese Belehrungen für beide Seiten, die belehrende wie die scheinbar lernende, das gute Gefühl hinterlassen, etwas Gutes zu tun. Außerdem geht es den Unternehmen ums Image nach außen: Wir sind modern und woke.

Überhaupt: Es muss generell ein großartiges Gefühl sein, als woke Person Unwissenheit aus der Welt schaffen zu können. Basad zitiert Passagen aus Alice Hasters Buch Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten (2019), in denen es um Hasters Umgang mit ihrem Liebhaber geht, bei dem sie, wie Basad es beurteilt, einen „religiösen Erkenntnisprozess“ einleiten wolle: Weil ihr Freund nicht wisse, wie sich Diskriminierung anfühle, habe er viele Fragen. „Wenn ich die Geduld aufbringen kann, werde ich dir deine Frage beantworten und die Artikel für dich analysieren. Du wirst mir nicht dafür danken, dass ich so viel Geduld aufbringe, dich aufzuklären. Einfach weil du gar nicht merken wirst, dass diese Gespräche für dich zwar erhellend sind, ich hingegen nichts dazu gelernt habe.“ Süffisant urteilt Basad über solche Sätze so: „Ich jedenfalls frage mich, ob Hasters sich einen Partner auf Augenhöhe oder nicht doch lieber ein Haustier wünscht.“

Was Hasters beschreibt, spielt sich in ihrem privaten Raum ab, doch generell geht es in der Identitätspolitik immer zentral um eine öffentliche Performance der rechten Gesinnung, auch das hat sie mit manchen Formen der Religion gemein. In den USA gehört es – wahrscheinlich in der Tradition dort weit verbreiteter Selbstanklagen im vor allem evangelikal-protestantischen Milieu – seit einigen Jahren fast schon zum guten Ton, öffentlich übermäßig Schuld und Reue zu bekunden, so man sich angeblich unverzeihlicher rassistischer Aussagen schuldig gemacht habe. Die private Zerknirschung im stillen Kämmerlein reicht nicht, es muss für alle sichtbar (und laut) passieren. Bekannter geworden ist etwa die verbale Selbstgeißelung der weißen US-Sängerin Katy Perry wegen eines angeblich „afrikanischen“ Zopfes in ihren Haaren: Fast den Tränen nahe, sagte sie in einem Video einem schwarzen Aktivisten, ihre Hautfarbe hindere sie eben nun mal daran, sich mit einer schwarzen Frau zu identifizieren, die solche Zöpfe trage: „Ich würde niemals verstehen können, was das bedeutet, aufgrund dessen, was ich bin. Aber ich kann versuchen, mich zu erziehen.“

In Deutschland laufen die Selbstbezichtigungen mittlerweile ähnlich ab – in der Regel garniert mit der Aussage, man sei ja (trotz der öffentlichen Bloßstellung) furchtbar dankbar für die Chance, mehr über die eigenen Fehler, das eigene bisherige Unwissen und das eigene Versagen lernen zu können. Wir glauben, es sollte einem oder einer zu denken geben, dass überall die öffentlichen Erklärungen der Selbstbezichtigung und Lernbereitschaft mittlerweile fast wortgleich zu hören sind, mit austauschbaren Textbausteinen. Wie glaubhaft sind solche Aussagen?

„Mehrfach schuldig“

Gerade klassisch in diesem Sinne hat der bekannte Theaterregisseur Armin Petras reagiert, der einen schwarzen Schauspieler während einer Probe gemäß der Theaterrolle als „Sklave“ tituliert hatte. Petras hat nach eigenen Angaben, wohl als eine Art Bußübung, schon zum zweiten Mal einen Antirassismus-Workshop absolviert. Er befinde sich in einem Lernprozess, sagte er der Süddeutschen Zeitung. Er habe gelernt, dass es heute nicht mehr reiche, kein Rassist zu sein, man müsse sich auch antirassistisch verhalten. Der Regisseur bezeichnete sich als „mehrfach schuldig“. Das geht in die Richtung der Plakate, die man auf Antirassismus-Demos in letzter Zeit immer häufiger sieht: „Silence is violence“, also: „Schweigen ist Gewalt“. Wer schweige, mache sich demnach irgendwie der Teilnahme an Gewalttaten schuldig. Das ist eine totalitäre Logik (Wer nicht für mich ist, ist gegen mich). Außerdem kriminalisiert es Unschuldige und bedeutet eine völlige Entgrenzung des Gewaltbegriffs. Wir ziehen das Fazit: Identitätspolitik als eine Art Religion oder einen Religionsersatz zu betrachten, erklärt einiges von der Dynamik dieses Gedankengebäudes und der häufigen Verbissenheit ihrer Aktivist*innen. Vielleicht ist Identitätspolitik sogar die derzeit modernste Religion in einer säkularen Welt. 

 

Information:

Dieser Artikel ist die gekürzte und etwas überarbeitete Version eines Kapitels aus dem Mitte Oktober 2021 erschienenen Buch Kampf der Identitäten. Für eine  Rückbesinnung auf linke Ideale von Jan Feddersen und Philipp Gessler. (Ch. Links Verlag, 256 Seiten, Euro 18,–.)

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