Blühwiesenromantik oder Karl Barth?

Zur Schöpfungstheologie in Zeiten der Klimakrise
Abendhimmel bei Gladbeck/NRW am Neujahrstag 2022.
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Abendhimmel bei Gladbeck/NRW am Neujahrstag 2022.

Wie gehen Schöpfungstheologie und konkrete Bewahrung der Schöpfung zusammen? Der Hamburger Praktische Theologe und Direktor der Evangelischen Akademie der Nordkirche, Jörg Herrmann, sieht die Ansätze von Günter Thomas und Ralf Frisch von einem „dualistischen Virus“ befallen. Er plädiert für den von Paul Tillich herkommenden Ansatz einer „Theologie der Kultur“.

Der Bochumer Theologe Günter Thomas hat durch seinen Beitrag „Jenseits von Eden und Blühwiesenromantik“ auf zeitzeichen.net eine Kontroverse über die Schöpfungstheologie ausgelöst. Das ist gut, denn solche Debatten hat es schon lange nicht mehr gegeben und die ökologischen Probleme des Anthropozäns fordern auch die Theologie neu zur Stellungnahme heraus.

Thomas kommt auf Umwegen zu diesem Thema: auf der Suche nach kontrafaktischer Weihnachtsfreude in Zeiten der Pandemie. Dabei stolpert er über die aktuelle Ökotheologie – oder was er dafür hält. Sie versperre den Weg zur weihnachtlichen Schöpfungstheologie. Darum macht sich Thomas erst einmal daran, den Weg wieder freizuräumen: er rechnet aus der Perspektive einer offensichtlich an Karl Barth orientierten Theologie mit dem ab, was er Ökotheologie nennt – ein Denken, das seiner Meinung nach elementare Sachverhalte übersieht und andere theologische Sachverhalte nicht benennt oder erst gar nicht versteht.

Die naiven Blühwiesenromantiker unter den Theolog*innen und mit ihnen die Propagandisten des ökumenischen Programms für „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ verkennen in den Augen von Thomas die dunklen Seiten der Schöpfung und wollen nicht wahrhaben, dass der Mensch der Gefährdete ist. Man rede stattdessen nur von der Bedrohung der Natur durch den Menschen, predige darum die Heiligkeit des Lebens und die Integrität der Schöpfung und verlange Achtsamkeit und Respekt für Mutter Erde. Konkrete Namen und Konzepte werden dabei abgesehen von der Gaia-Hypothese von James E. Lovelock allerdings nicht genannt.

„Grausamkeit vermeintlich unberührter Natur“

Die Corona-Pandemie interpretiert Thomas als erneuten starken Beweis für die zerstörerische Gewalt der Natur. „Mit einem frostigen Lächeln“ blicke „Mutter Erde auf die Sterbenden“. Natur sei eben nicht nur gut. Jede Booster-Impfung entlarve „kirchliche Schöpfungsgerechtigkeitsromantik als religiösen Kitsch“. Genüsslich schwelgt Thomas in Formulierungen, die die Grausamkeit der vermeintlich unberührten Natur beschreiben.

Dass die Natur kein Garten Eden ist, ist allerdings keine neue Erkenntnis. Die Pandemie ruft sie uns in Erinnerung, aber sie gehört seit Menschengedenken zur menschlichen Erfahrung. Und auch heute, wo sich die Lebenserwartung im globalen Norden innerhalb von 100 Jahren fast verdoppelt hat, sterben immer noch jedes Jahr Millionen Menschen an Krebs. Laut Statistik erkrankt jeder zweite Bundesbürger daran. Das malum naturale ist Teil unserer Lebenserfahrung, das wussten wir schon lange vor Corona. Es kann sogar ganz plötzlich als Naturkatastrophe über uns kommen, wie 1755 in Lissabon, 2004 in Südostasien oder 2021 im Ahrtal. Das gilt übrigens auch für die Natur, die wir als Leib selbst sind. Eine Hirnblutung oder ein Herzinfarkt können unser Leben von jetzt auf gleich beenden.

Die Natur ist ambivalent, man kann keine ethischen Normen von ihr ableiten, das wäre dann der berühmte naturalistische Fehlschluss. Aber die Natur ist auch nicht gerade selbstzerstörerisch, sie kennt auch Gleichgewichte, Überlebensinteressen und Heilungskräfte. Wenn Thomas die Intensivstationen als Schlachtfelder und die Pflegerinnen als Kriegerinnen gegen destruktive Naturgewalten bezeichnet, blendet er aus, dass Medizin in der Regel nur eine Unterstützung der Selbstheilungskräfte ist.

So trickreich die mRNA-Impfung auch sein mag, sie aktiviert doch nur das eigene Immunsystem, um es gegen das Virus zu wappnen. Ohne dieses System würde auch die Impfung nicht funktionieren. Die mRNA-Impfung ist als Herrschaftstechnik sehr einseitig charakterisiert, sie ist eher eine schlaue mimetische Erfindung. Solche Logiken gelten selbst für die operative Medizin: Jede Operation muss davon ausgehen, dass der Körper die Wundheilung selbst besorgt. Die Paradigmen der Medizin sind nicht Intervention und Vernichtung, sondern Verstehen und Unterstützung.

Bei Blinddarmentzündung nicht operieren?

Klar, Naturwissenschaft verobjektiviert und analysiert, um zu verstehen und auf dieser Basis neue Praktiken entwickeln zu können. In der Medizin sind diese Praktiken in der Regel auf Heilung aus: cooperation Dei, wenn man so will. Oder sollte man bei einer Blinddarmentzündung nicht operieren und den Menschen dem natürlichen Entzündungsprozess überlassen?   

Große Naturwissenschaftler*innen hatten in der Regel beides: den analytischen Blick und „Ehrfurcht vor dem Leben“, die kühle Rationalität und das Staunen angesichts des Wunders der Komplexität und des Zusammenspiels. Die Natur ist dabei ambivalent, eine Gemengelage von Chaos und Ordnung, heilenden und zerstörerischen Kräften. Schöpfungstheologischer Realismus hätte diese Ambiguitäten zu bedenken. Und dabei auch zu sehen, dass der Mensch selbst gefährdeter Gefährder ist, wie Thomas richtig sagt. Dazu gehört dann aber auch, das Faktum des Anthropozäns anzuerkennen, die Tatsache, dass wir in ein Erdzeitalter eingetreten sind, in dem der Faktor Mensch die Lebensbedingungen so stark beeinflusst, dass Atmosphäre und Biosphäre dadurch gravierend geschädigt werden, so gravierend, dass wir gerade an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Plastikmüll ist nicht schön, aber in diesem Zusammenhang eher eine Marginalie.

Man könnte auch die Pandemie, ganz anders als Thomas, als Konsequenz dieser menschlichen Naturzerstörung deuten, denn ohne Frage führt das aggressive Eindringen in die Lebensräume von Tieren und der rücksichtslose Umgang mit ihnen zu vermehrten Zoonosen, das heißt zum Überspringen von Erregern vom Tier auf den Menschen. Jan Peter Grevels hat in seiner Entgegnung auf Günter Thomas in zeitzeichen schon auf diesen Zusammenhang hingewiesen.

Man kann sich nur wundern, was der Theologe Ralf Frisch in der nächsten Runde der Kontroverse aus diesem Hinweis dann macht: Er deutet das in die Grevelsche Äußerung hineinfantasierte „Hohelied geschöpflicher Konvivenz“ als „ein Liebäugeln mit dem evolutionären Suizid der Spezies Mensch …in Zeiten von Corona“!

„Bejahen, lieben und preisen“

Frisch steht dem Autor Thomas in drastischen Formulierungen in nichts nach, ja, seine Streitschrift erweist sich sogar als eine nochmalige polemische Verschärfung des Bochumer Aufschlages. Frisch arbeitet sich zusätzlich noch an einem Zitat von Dorothee Sölle ab, das Grevels bringt und das Frisch als „weihnachtsresistente“ Schöpfungstheologie brandmarkt. Es lautet: „Unsere Fähigkeit, die Schöpfung zu loben, hängt ab von unserer Fähigkeit, an ihr zu partizipieren. Einverständnis wächst nicht ohne Anteilnahme. Wir können die Schöpfung nur dann bejahen, lieben und preisen, wenn wir – passiv und aktiv – an ihr teilnehmen. Nur dem cooperator Dei ist das Lob Gottes möglich.“ Sölle identifiziere hier Schöpfung und Schöpfer. Mit „diesen Sätzen“ seien schöpfungstheologische Entscheidungen getroffen, „die in unserer Gegenwart faktisch zu einem fundamentalen Umbau des christlichen Glaubens zu einer moralistischen und humanistischen Naturreligion für das Anthropozän geführt haben“.

Die weltweit bedeutendste deutsche evangelische Theologin soll die Weichen für den Umbau des Christentums zur Naturreligion gestellt haben? Und Obacht beim Schöpfungslob, das könnte verkapptes Eigenlob sein! Die theologischen Berserker Frisch und Thomas haben für die real existierende Schöpfung jedenfalls nicht viel übrig.

Thomas scheint vor allem daran gelegen, die Schöpfung schlecht zu reden, sie ist von Gewalt gezeichnet und mit Blut durchtränkt: gefallene Schöpfung. Tief gefallen. Das untermauert Thomas zusätzlich mit seinen Interpretationen der biblischen Schöpfungsgeschichten. Die Tür zum Paradies ist verschlossen. Unser heutiger Garten ist voller Disteln, Dornen, Schmerz und Schweiß.

Dies alles werde für den Christen nun verwandelt durch die Weihnachtsbotschaft, dadurch, dass das Wort Fleisch ward. In dem Leben Jesu breche die Zukunft der ganzen Schöpfung an, lauter Barmherzigkeit, Rettung, Heilung und Auferstehung. „Im Licht von Ostern feiern wir an Weihnachten, dass sich Gott in dieser verkehrten Welt letztlich durchsetzen wird.“

Nur durch das Nadelöhr der Christologie

Ich denke, das Problem solcher Theologie ist ihr Dualismus, die unendliche Entfernung zwischen Gott und unserer Welt der „gescheiterten Gewaltbegrenzung“. In unserer Welt gibt es nichts wirklich Gutes und die sogenannte Ökotheologie mache alles nur noch schlimmer, weil sie in den Augen von Thomas und Frisch aus dem Christentum eine naive Naturreligion macht, die den Weg zur wahren Weihnachtsfreude verbaut. Für den Schöpfungsglauben der hebräischen Bibel scheint hier kein Platz mehr zu sein, sondern nur für eine Schöpfungstheologie durch das Nadelöhr der Christologie. Die alte natürliche Theologie ist dann selbstverständlich „diskussionslos unmöglich“ (Karl Barth).

Gibt es also nichts mehr in der Welt, was an Gott erinnern könnte? Weder das Gewissen noch die Schöpfungswerke, die für Paulus noch Anlass für das geben konnten, was die altprotestantische Orthodoxie später die revelatio generalis, eine allgemeine Offenbarung, nannte?

Ich denke, dass man Gott und Welt auch im gefallenen Zustand doch etwas mehr zusammendenken muss, als es den vom dialektischen Virus infizierten Theologen Thomas und Frisch lieb ist – von zwei Seiten her zusammendenken, könnte man sagen, von der Vergangenheit und der Zukunft, vom Schöpfungsglauben und von der Eschatologie her. In der Eschatologie unterscheiden wir zwischen dem Schon-Jetzt und dem Noch-Nicht. Die Offenbarung des Johannes handelt von dem, was noch kommen soll. Die Evangelien erzählen von dem nahen Himmelreich, das schon jetzt angebrochen ist. Spuren des Himmelreiches gibt es also schon: das Ewige im Jetzt, wie Tillich als Überschrift einer seiner religiösen Reden formulierte.

Dem kommenden Gott entgegen

Das gegenwärtige Zeitalter ist in der christlichen Heilsgeschichte ein zumindest hybrider Zustand. Das Himmelreich blitzt darin schon auf. Wir gehen dem kommenden Gott entgegen. Aber die Welt ist zugleich auch vom Herkommen her mit Gott verbunden: als seine Schöpfung. Das war das Thema der alten natürlichen Theologie. Ihr ging es um Gotteserkenntnis oder Gottesahnung im Vorfeld des Evangeliums. Paulus spricht davon im ersten Kapitel des Römerbriefes. Auch die „Heiden“ können von Gott wissen: „Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar, denn Gott hat es ihnen offenbart. Denn sein unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es wahrnimmt, ersehen an seinen Werken, sodass sie keine Entschuldigung haben.“

Gotteserkenntnis lässt sich also schon durch die Reflexion auf die Schöpfungswerke gewinnen – lesend im Buch der Natur. Später kamen die Gottesbeweise dazu, philosophische Höhepunkte der alten natürlichen Theologie, die Kant gründlich widerlegte. Schleiermacher hat die natürliche Theologie dann endgültig beerdigt. Das Problem, für das sie stand, war damit aber nicht vom Tisch: Die Klärung des Verhältnisses der Theologie zum Denken ihrer Zeit. Gibt es da Anknüpfungspunkte? Gibt es irgendwo so etwas wie common ground?

Barth interessierte das nicht, für ihn war die Sache klar: „Man kann, mit wirklicher Theologie beschäftigt, an der sogenannten natürlichen Theologie immer gerade nur vorbeikommen wie an einem Abgrund, in den man, wenn man nicht stürzen will, nun einmal nicht hineintreten soll.“ Ganz anders Paul Tillich: „Wir müssen nach einem neuen Weg suchen, um die in der alten natürlichen Theologie enthaltene Wahrheit zu retten.“ Tillich räumt ein, dass der Begriff der natürlichen Theologie problematisch ist. Es gibt nämlich „keine natürliche, sondern nur eine geschichtlich gewordene Religion“ und infolgedessen „weder eine natürliche noch eine übernatürliche Theologie“. Theologie beruhe auf Offenbarung. Doch bei der exklusiven Vermittlung von Offenbarung und Geschichte in Jesus Christus allein bleibe unklar, „wieso die Offenbarung den Menschen etwas angeht, wenn nicht in ihm ist, was nach ihr fragen lässt, was zu ihr hintreibt, was sie verständlich macht“.

„Offenbarung in jedem Augenblick“

Gegen die Barthsche Exklusivität behauptet Tillich, „dass Geschichte Offenbarung in jedem Augenblick empfangen muss, um sie in einem bestimmten Augenblick empfangen zu können“. Es müsse im menschlichen Geist ein „Element der Identität“ mit der Offenbarungswahrheit geben. Tillich übersetzt das alte Schema von Natur und Übernatur in das Verhältnis von menschlichem und göttlichem Geist. Aus der alten natürlichen Theologie des Mittelalters und dann auch noch der Aufklärung wird eine Theologie der Ausdrucksformen des menschlichen Geistes: eine Theologie der Kultur. Und die ist nicht ohne Religion. So finden sich Spuren des Religiösen, universale Offenbarung würde Tillich sagen, in kulturellen Erfahrungen mit Kunst, Natur, Musik, Literatur.

Dies sind Erfahrungen gelebter Religion, mit denen die Theologie religionskulturhermeneutisch im Gespräch sein sollte, gewiss nicht unkritisch. Dazu gehören sicher auch Formen der Ökospiritualität. Auch darin finden sich im Übrigen Kräfte, die dazu beitragen können, das instrumentelle Natur- und Schöpfungsverhältnis der Industriemoderne zu transformieren. Und sollte der Religionsdialog nicht produktiv sein, so gibt es immer noch gemeinsame ethische Ziele mit vielen Formen der Blühwiesenromantik. Schon allein darum hat es keinen Sinn, diese Strömungen so im Brustton der Rechtgläubigkeit zu verurteilen, wie man es bei den besagten Autoren nachlesen kann.  

 

Bisher erschienen folgende Artikel in dieser Kontroverse in dieser Reihenfolge:

- Günter Thomas: Jenseits von Eden und Blühwiesenromantik (ursprünglich in drei Teilen am 13./15. und 20. Dezember 2021)

- Jan Peter Grevel: Über die Lesbarkeit der Welt (27. Dezember 2021)

- Ralf Frisch: Der rettende Eigensinn Gottes (29. Dezember 2021)

- Ulrich H.J. Körtner: Vor Tische las man’s anders (5. Januar 2022)

- Wolfgang Schürger: Ein neuer Himmel und eine neue Erde (12. Januar 2022)

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