Wann wird’s wieder normal?

Die Sehnsucht nach kirchlichen Handlungsroutinen ist verständlich, aber unangemessen
Foto: Christian Lademann

Wann wird endlich mal wieder Normalität einkehren? Das fragen sich viele kirchlich Aktive gegenwärtig. Schaut man die einschlägigen Foren in social media in den Zeiten vor den großen kirchlichen Festen an, wird man an die Szene aus „Und täglich grüßt das Murmeltier“ erinnert, in der Bill Murray alias Wettermann Phil Connors jeden Tag aufs Neue erwacht zur Melodie seines Radioweckers und immer und immer wieder ein und denselben Tag erlebt. Immer wieder alle Planungen infrage stellen. Immer wieder neu überlegen, wie jetzt an diesem Ort unter diesen Bedingungen das Weihnachtsfest gefeiert werden kann.  Diese ständigen Verunsicherungen zehren an den Nerven und kosten Kräfte.

Der Wunsch nach Handlungssicherheiten und Routinen ist groß. Ich frage mich allerdings, ob die Gründe für den kollektiv empfundenen Stress nicht komplexer sind als es auf den ersten Blick scheint. Ohne Zweifel sind die Beschränkungen, welche die Corona-Pandemie notwendig macht, Stressteste für diejenigen, die kirchliches Leben gestalten. Dennoch könnte es sein, dass ein Teil der kollektiven Verunsicherung tiefere Wurzeln hat als die Hygienemaßnahmen. Was, wenn es eigentlich das Ankommen einer Institution inmitten der Bedingungen ihrer Gegenwart ist, die diesen kollektiven Stress mit erzeugt?

Warme Stube 

Mit der Pandemie hat die Kirche ihre Routinen in Teilen verloren. Jene Routinen, in welchen sie sich zuvor behaglich einrichten konnte, ohne ihre schwindende Relevanz in der Gesellschaft allzu sehr spüren zu müssen. Die kirchlichen Handlungsroutinen haben genug Echokammern geschaffen, um diese unangenehme Wirklichkeit ausblenden zu können.  Mit dem Wegbrechen dieser warmen Stube institutioneller Normalitäten ist auch dieses Refugium weggebrochen und das ist gut so.

An die Stelle von Routinen ist die ständige Frage getreten, wie im jeweiligen Kontext unter den jeweiligen Bedingungen kirchliches Leben gestaltet werden kann. Das kreative Grundmoment pastoraler Praxis ist in einer Weise prägnant geworden wie selten zuvor. Mit den zahlreichen Erprobungen religiöser Kommunikation im Digitalen tauchen kirchlich Aktive ein in die komplexen Kommunikationssituationen der Gegenwart und lernen dabei zunehmend, dass diese Kommunikationssituationen kaum Routinen vertragen, sondern auf Singularität und Authentizität angelegt sind. Was also, wenn das, was gegenwärtig von Vielen als Verunsicherung erlebt wird, das neue „Normal“ ist? Wenn das, was als relevant erlebt wird, zunehmend weniger von institutionellen Normalitäten gedeckt wird, sondern sich je und je neu ausgehandelt wird in konkreten kommunikativen Prozesse. Wenn die notwendige Kreativität pastoraler Praxis nicht bloß ein Vehikel ist, um durch die Krise zu kommen, sondern die damit einhergehende Varianz die einzige Möglichkeit ist, die Gehalte des Christentums gegenwartstauglich zur Darstellung bringen zu können?

Kirche nach der Krise

Die Frage danach, wie wir nach der Krise Kirche sein werden, wird gegenwärtig häufig auf der Ebene der Frage nach konkreten Formaten thematisiert. Welche digitalen und analogen Formate haben sich bewährt und können auch jenseits der Krise geeignete Elemente kirchlichen Handelns sein. Diese Frage ist ohne Zweifel wichtig. Allerdings scheint mir auch darunter der Wunsch nach einer neuen Verstetigung zu liegen, die den tiefgreifenden Transformationen, die wir gegenwärtig erleben, unter Umständen gar nicht angemessen ist.

Die grundlegende Frage ist gar nicht in allererster Linie, was wir formatieren, sondern dass wir formatieren. In diesem Sinne sind die erlebten Handlungsunsicherheiten vielleicht eigentlich schon ein Teil dessen, was einmal ein „neues Normal“ kirchlichen Lebens werden könnte. Die Gestalt einer Kirche, die bereit ist, einen Teil ihrer institutionellen Routinen aufzugeben zugunsten ihres Anschlusses an die gesellschaftlichen Komplexitäten ihrer Gegenwart.

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