Kasus geht vor

Gedanken zu Silvester und zum Gottesdienst an einem besonderen Tag
Banter Kirche Wilhelmshaven, Innenraum
Foto: local 24
Banter Kirche, Wilhelmshaven. Hier sang der Autor als Kind und Jugendlicher als Mitglied der Banter Kantorei im Jahrzehnt von 1975-1985 in zahlreichen Gottesdiensten.

Zum zweiten Mal in Folge wird Silvester heute Abend recht ruhig vonstattengehen. Das findet zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick nicht schlimm, denn er mag es, obwohl sonst durchaus lebhaft, am Altjahrsabend eher besinnlich.

Das heute Abend in Deutschland kaum geknallt wird, findet meine Zustimmung. Nichts ist überflüssiger als dieses unreflektierte Rumballern am Altjahrsabend. Ich werde die Wenigen, die sich mit Restböllern vom Vorvorjahr und Auslandszukäufen trotzdem austoben müssen, mit größtmöglicher Nichtachtung strafen. Motto: Geht vorbei und wird glücklicherweise viel zu wenig sein, um die Straßen meiner Stadt nachhaltig zu verschmutzen. Denn das war und ist ja das eigentlich Schlimme am Knallen – der Dreck danach!  Dabei habe ich überhaupt nichts gegen ein gepflegtes Feuerwerk, aber diesbezüglich sind wir in Hannover durch bessere Gelegenheiten als Silvester verwöhnt. Wozu gibt es den Sommer? Wozu die Herrenhäuser Gärten? Da kann dann im Freien Händels herrliche Feuerwerksmusik erklingen und die Wassermusik gleich dazu, und alles hat seinen stilvollen Rahmen. 

Ich gebe freimütig zu, dass ich das mit der Knallerei in manchen U20-Jahren deutlich anders sah und praktizierte, aber der Mensch ändert sich. Bei mir hat sich mit den Jahren mehr und mehr der Wunsch nach einem ruhigen Altjahrsabend durchgesetzt, wobei „besinnlich“ eigentlich das falsche Wort ist, da es in unserem Sprachgebrauch so einen verflixt süßlich-frömmelnden Klang hat. Dabei geht es schon darum, sich zu besinnen, nach Sinn zu fragen in diesen jährlich wiederkehrenden Tagen der Zeitenwende. Für mich persönlich ist auch der Gottesdienst am Altjahrsabend wichtig. Deswegen hoffe ich inständig, dass es heute Abend in der von mir erkiesten schönen Kirche gut wird. Wir werden sehen und hören ...

Was den Gottesdienst angeht, so habe ich feste Vorstellungen. Da gilt für mich an Silvester kompromisslos „Kasus geht vor“. Ich habe schon mal nachgeschaut, was für einen Predigttext die Evangelische Kirche in Deutschland für heute vorgesehen hat.  Matthäus 13, 24-30 – o weia! Ich verfolge auf einschlägigen Predigtforen, wie sich die Kolleg:innen damit quälen, dass es bei Matthäus tatsächlich Gute und Böse gibt und dass man das auch noch unterscheiden kann und dass das bei Gott sogar einen Rolle spielt … na sowas!

Dahingleitend, dahindämmernd …

Ich möchte ihnen zurufen: Macht Euch keinen Kopf, denn heute Abend geht der Kasus vor. Der Kasus Altjahrsabend. Da interessiert der Predigttext erst einmal gar nicht, denn der Altjahrsabend ist sich selbst genug: Die Welt „zwischen den Jahren“ ist aus den Fugen geraten, aber nicht im Chaos gelandet. Es sind intensive, irgendwie „unechte“ Tage. Tage, die sich mehr oder weniger wohlig und dementsprechend mehr oder weniger melancholisch anfühlen – dahingleitende, nachweihnachtliche Tage, dahindämmernd zwischen den Zeiten, selbst jetzt, während Corona und Co. – und dass es sich verlangsamt, dagegen können wir uns gar nicht wehren. Sehr schön fängt dass der heute recht vergessene Dichter Max Kalbeck (1850-1921) in einem Herbstgedicht ein, was aber auch gut zu der (ohne Knallkörper) luftanhaltenden Stimmung „zwischen den Jahren“ passt:

Leblos gleitet Blatt um Blatt
Still und traurig von den Bäumen;
Seines Hoffens nimmer satt,
Lebt das Herz in Frühlingsträumen.

Noch verweilt ein Sonnenblick
Bei den späten Hagerosen,
Wie bei einem letzten Glück,
Einem süßen, hoffnungslosen.

Das Johannes Brahms diesem Poem in einem wunderbaren Chorlied (Opus 103/4) musikalischen Ausdruck verlieh, hat sicher dazu beigetragen, dass es manche heute noch kennen. Wobei: Dass mit dem hoffnungslos bei Kalbeck ist natürlich hoffnungslos romantisch überdreht. Merke: Hoffnungslos ist eine atheistische Kategorie. Punkt. Aber die Gestimmtheit dieser Zeit, die fängt das Gedicht und die fängt besonders Brahms gut ein. Sei’s drum.

Der Kasus Altjahrsabend/Silvester ist für mich unauflöslich von einem dreiteiligen Liederkanon geprägt, und ich hoffe sehr, dass ich diesen dreien heute Abend begegne. Erstens „Nun lasst uns gehn und treten / mit Singen und mit Beten / zum Herrn der unserm Leben / bis hierher Kraft gegeben“ (EG 58) – Paul Gerhardt at it’s best – nie ist er so wertvoll wie an diesem Tag: „bis hierher Kraft gegeben“ und zwar nicht nur unserm Leben, sondern jetzt in diesem Moment sogar allem Leben, das gerade lebt, ob es des Altjahrsabends eingedenk innehält oder nicht.

Erhaben-frohgemute Hymne

Dazu diese wunderbare ältere Melodie von Nikolaus Selnecker, auf die Gerhardt gedichtet hat oder der Johann Crüger die Verse kongenial zugeteilt hat. Eine Melodie, die als erhabene, frohgemute Hymne noch genügend Raum für Melancholie bietet. Und auf zwei Plätze im Gottesdienst verteilt (1-10 gegen Anfang, das geht, sie sind so kurz; und 11-15 dann vielleicht als Fürbitte?)

Und dann als zweites - vor der bitte nicht zu langen (!) Auslegung über in diesem Jahr Matthäus 13, 24-30 (s.o.) unbedingt: „Der du die Zeit in Händen hast“ (EG 64). Jochen Klepper – unvergleichlich! Herrliche Worte, herrliche Klänge, die sich mir schon als Kind eingruben, als ich ihnen in der Banter Kirche auf der Chorempore nachsann, während ein Oberkirchenrat im Ruhestand unten auf plattdütsch – hach, wat hebb wie lacht – irgendeine Predigt hielt.

Das Lied war mein Trost, denn es zelebriert jenes unausweichliche, ja tragische zyklische Lebensgefühl, das uns allen innewohnt, wie es Kohelet gültig formuliert hat („Es ist nichts Neues unter der Sonne“), gepaart mit der Gottbedürftigkeit, die daraus erwächst und die zur Hoffnung werden kann, dass auch „dieses Jahres Last“ genommen und sich „in Segen“ wandelt. Es verbindet das Tragische des zyklischen mit dem Befreienden des hoffenden Denkens – natürlich alle Strophen, aber bitte nicht mit der Reda-Melodie (obwohl die schön ist), sondern (aus alter Gewohnheit) bitte mit der alten Weise von „Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn“.

Eigentlich verstand ich es als Kind nicht, aber trösten tat es trotzdem: Wir fahren hin durch deinen Zorn, / und doch strömt deiner Gnade Born / in unsre leeren Hände.“ Das ist etwas schmerzhaft Wahres, aber es ist eben zuletzt etwas Gutes, weil wir selbst im Schmerz, selbst im Misslingen, hoffen: „Die Jahre, die du uns geschenkt, / wenn deine Güte uns nicht lenkt, / veralten wie Gewänder.“ Wie Bonhoeffer damals, Ende 1944, an Maria von Wedemeier schrieb: „Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat“. Er meint das „Dennoch-Vertrauen“, das Menschen, wenn es gnädig geht, aus Beschwernis und Anfechtung errettet!

Retardiert und klar

Und dann drittens – natürlich – „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ ... ,aber bitte, bitte nicht mit der Fietz-Melodie, sondern mit der altehrwürdig-fahlen von Otto Abel (EG 65). Dietrich Bon­hoeffer schickte die Worte seiner Verlobten Maria von Wedemeier zu Weihnachten 1944 aus der Tegeler Einsamkeit. Er schrieb an sie: „Es ist, als ob die Seele in der Ein­samkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen.“

Das gilt in unendlich abge­schwächter Form heute auch für alle, die am Altjahrsabend in die Kirche kommen: Wir sind retardiert und wir sind klar. Einerseits selten retardiert im Alltag, weil die Tage dahingeflossen sind, andererseits selten klar in der Selbstwahrnehmung. Wir stehen zwischen dem Weihnachtsfest, wie immer es war, und vor den Neujahrstagen, die für viele mit dem vielbeschworenen Januartief einhergehen und in diesem Jahr mit einiger Omikron-Angst, auch wenn Berichte der vergangenen Tage etwas Mut machen, dass es doch nicht so schlimm werden wird ...

Ich habe einen lieben Freund, stets aktiv, stets froh, dem kommen im Gottesdienst am Altjahrsabend immer die Tränen: „Das alte“ will sein Herz „quälen“. Das ist die eine Seite, die schmerzhafte. Damit einher geht aber auch die andere Seite, die wohltuende, von der wir jenen „vollen Klang“ hören, „der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet“. Das ist der Kasus. Das Lied wird ganz zum Schluss gesungen - natürlich alle Strophen.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von dieser sechsten Strophe bin ich immer wieder ergriffen, denn in der Stille einen Klang hören, der uns beschützt und der uns hilft zu leben – das wünsche ich mir zwischen den Jahren und allezeit. Und dann natürlich die berühmte letzte Strophe:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Können wir das alles glauben? Wer weiß.Mein Tipp: Fürbitte an diesem letzten Tag des Jahres mit der letzten Handvoll Strophen von Paul Gerhardts Neujahrslied, wir „und der Christen Schare / zum sel’gen neuen Jahre.“ So möge es sein.

Ein gutes neues Jahr 2022!

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