Welche Begabung

Im tschechischen Hornì Plana – Erinnerungen an Adalbert Stifter
Originalmobiliar: Adalbert Stifters altes Schreibpult und  die Holzstaffelei.
Foto: Angelika Hornig
Originalmobiliar: Adalbert Stifters altes Schreibpult und die Holzstaffelei.

Ein leichter Nebel liegt am Morgen über dem Ort Hornì Plana, der früher Oberplan hieß. Leicht könnte man an dem unscheinbaren, kleinen Haus vorbeifahren, geduckt liegt es mitten im Knick einer Kreuzung. Hier, im südlichen Böhmen, eine Autostunde von Prag entfernt, wurde Adalbert Stifter 1805 geboren, der mit seinen Romanen Witiko und Nachsommer berühmt wurde. Ein Plakat mit seinem Konterfei im Vorgarten lenkt den Blick auf das zweiflügelige Gebäude, die beiden kleinen Tafeln an der Eingangstür, tschechisch und deutsch, bestätigen, er ist ein Dichter beider Länder.

Beim Eintreten wird schnell deutlich, es ist das Haus einfacher Leute, in dem Stifter seine ersten dreizehn Jahre verbrachte. Der ehemalige Wohntrakt beherbergte einst drei Generationen und beheimatet heute die Ausstellung „Adalbert Stifter und seine Heimat“. Links vom Flur die „gute Stube“, die dominiert wird von seiner imposanten Büste im Lorbeerkranz. Auf der anderen Seite der grüne Kachelofen mit der umlaufenden Bank, wo sicher alle fünf Kinder der Stifters Platz fanden. In einem Schaukasten ein Bild aus früherer Zeit – damals wurde das Dorf noch von keiner Fernstraße durchkreuzt, der Garten war weit, hatte Platz für eine kleine Landwirtschaft. Daneben finden sich Briefe, Skizzen, Dokumente und Erstausgaben seiner Werke. In der angrenzenden Kammer dann Gemälde Stifters, der auch Kunst studiert hatte. Welche Begabung! Man staunt über seine Naturbilder, auf einem davon hat er das Oberplan seiner Zeit festgehalten, das, anders als heute, nicht an dichten Wald grenzte, viel Holz zum Bauen, zum Brennen hatte man damals geschlagen. Die Porträts einer feinen Dame muten dazwischen wie Fremdkörper an, passen nicht in die einfache Umgebung. Sie zeigen Stifters große Liebe, Fanny, eine Tochter aus der „besseren“ Gesellschaft, die ihm das Herz brach, als sie eine passendere Verbindung einging. „Es gibt nur eine, eine einzige Liebe, und nach der keine mehr“, schrieb er später. Dennoch heiratete Stifter in Wien seine Amalia, mit der er, wie man liest, dreißig Jahre glücklich verheiratet blieb.

In der rechten Haushälfte die Wirtschaftsräume, bestückt mit schlichtem Originalmobiliar. Sein altes Schreibpult, die Holzstaffelei lassen noch nichts von dem feinen Biedermeier-Zimmer in Linz ahnen, das Stifter später, als er gar Hofrat war, gehörte. Sein Vater war einfacher Leineweber, Flachsspinner, einige Werkzeuge erinnern daran.

Die Biografie lässt sich auf Tafeln weiterverfolgen: Nach dem frühen Tod des Vaters nimmt sich ein Onkel seiner an, er studiert Jura in Wien, finanziert sich als Hauslehrer, stößt eine Schulreform an und kehrt, als überzeugter Liberaler, der Stadt den Rücken, um sich in Linz endgültig als Schriftsteller niederzulassen, wo er 1868 stirbt. Seine Totenmaske zeigt ein qualvolles Gesicht – mit einem Rasiermesser hat er sich die Halsschlagader aufgeschnitten, um den Schmerzen einer Leberzirrhose ein Ende zu setzen.

Eine schmale Stiege führt nach oben. Die Ausstellung in den niedrigen Stuben zeigt Illustrationen zu Stifters Werken, Holzschnitte, Szenen mit Kinderbildern. Zeichnungen des Böhmerwalds machen Lust auf einen Spaziergang, die Straße hinter dem Haus bergan, in den Adalbert-Stifter-Park, wo sein Denkmal steht. Eine Bronzetafel zitiert eine Passage aus dem Hochwald: „Da ruhen die breiten Waldesrücken und steigen lieblich schwarzblau dämmernd ab gegen den Silberblick der Moldau. ... Es wohnet unsäglich viel Liebes und Wehmütiges in diesem Anblicke.“

Heute fällt der Blick ins Tal nicht mehr auf die Moldau, sondern auf einen weiten See, der sie staut. Von ihm steigen nun die Nebel auf und lichten sich: Wehmut und Romantik pur.

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