Miedka

Vom Bären gezeichnet

Die Wahrscheinlichkeit ist gering, doch es kommt vor, dass jemand den Angriff eines Bären überlebt. Die französische Anthropologin Nastassja Martin (geboren 1986) hat es geschafft – körperlich entstellt und von diesem Extremerlebnis gezeichnet. Die Ewenen, ein Jägervolk auf der vulkanischen Halbinsel Kamtschatka im äußersten Ostsibirien, haben ein eigenes Wort für solche Menschen: Miedka. Es bedeutet, dass sie nun beides seien, halb Mensch und halb Bär, eben gezeichnet. Dahinter steckt der Glaube, dass alle Lebewesen beseelt sind und in Austausch stehen, was religionswissenschaftlich Animismus (von lateinisch anima – Seele) genannt wird. Um genau dies zu erforschen, war Martin dort und lebte im Rahmen einer längeren Feldforschung mit den Ewenen. Dabei traf sie nach intensiven Bärenträumen zuvor auf jenes Tier, das sie „zeichnete“. Und sie fragt sich in An das Wilde glauben, ob das vielleicht so sein musste und wieso.

Was esoterisch klingt, ist es aber gar nicht oder kaum. Martin schreibt als engagierte und literarisch versierte Wissenschaftlerin, die das Er- und Überlebte erschüttert hat. An das Wilde glauben ist weder nüchterne Analyse noch Bekenntnis, sondern liegt dazwischen. Das macht den Reiz aus. Ein schmales, konzentriertes Buch, sozusagen hochprozentig: intim, irritierend. Es wirft Fragen nach unserer Natur, nach Verwandlung und Nähe zum „Anderen“, Fremden auf, ohne Zustimmung zu verlangen. Zum Bedenken eigener sowie bei Klimaaktivisten und längst auch in der Kirche verbreiteter, zumindest latenter Animismus-Tendenzen ist das ein erhellender Beitrag. Anregend und wegen der Story-Elemente stets unterhaltsam lässt einen dieses Buch auch lange nach der Lektüre nicht los.

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