Wo Kräfte walten

The Dorf: Protest Possible

Formale wie inhaltliche Vorgaben lehnten sie ab: „Wir glauben, daß literarische Phantastereien eine Art Wirklichkeit sind“, schreibt der Petrograder Autor Lev Lunc 1921 in ‚Warum wir Serapionsbrüder sind‘. „Wir schreiben nicht für die Propaganda. Die Kunst ist real wie das Leben, und wie das Leben ist sie ohne Ziel und ohne Sinn: sie existiert, weil sie existieren muß.“ Souveräner Protest, der den Bolschewiki nicht passte – und das war gefährlich. Insofern mag es wie Fortschritt scheinen, dass der freischleudernde SUV-Kapitalismus jetzt noch für kleinstes Konsumwehweh Beschwerdehotlines schaltet. Doch selbst daran lässt sich scheitern. Dies in etwa bildet den Hintergrund für Protest Possible von der Kraft-Bigband The Dorf.

Anlass zu relevanter Beschwerde gibt es weiter, nur ist die Lage zwischen Klima-Angst, Greta-Bashen und Shoppen als Lebenssinn so verwirrend, dass man den Punkt zum Aufstand nicht mehr finden mag. The Dorf treffen ihn doch. Und wie. Ihr Konzept war eine Vorstellung von traditionellen Arbeiter- und Protestsongs zur Gitarre, die jeder mitsingen kann, indes passend ins The Dorf-Ambiente frisiert. Und das lebt von anarchischer Free Jazz-Freude, konzertanter Wucht, Offenheit für alle Global-Village-Vibes und -Genres, Neuer Musik, geballter Präzision und Offenheit für den lyrischen Moment, sprich: für Intimität, die aus Virtuosität, Spielfreude, Plan und Augenblickskommunikation ersteht. „Wir glauben nicht, dass das Album etwas ändern wird“, schreiben sie, „es ist bloß der Versuch, unsre Gefühle auszudrücken.“

Das Album enttarnt dies als übertrieben bescheiden. Selbst wenn sich jetzt kein „Tod dem Kapitalismus“-Refrain mehr schreiben lässt, strotzen ihre Songs doch feinfühlig laut mit einer Mischung aus Widerständigkeit, Lebensironie, Selbstanalyse und Anklagen, die sich jedoch, das ist die Magie, in der Ausformulierung als gültige Münze erweist – in der Musik wie in den organisch darin inszenierten Texten als Ankerpunkten, die sogleich in tiefen Tauchgang reißen. Darum gebeten haben sie die (Theater-) Autor:innen Lisa Danulat, Natascha Gangl, Wolf Kampmann und Jörn Klare, Bruder von Saxophonist Jan Klare, der The Dorf gründete und die Klangwogen des westfälischen Avantgarde-Power-Kollektivs als Bandleader seither inspiriert teilt, choreographiert und wieder zusammenschlagen lässt. Gemeinsam machten sie dann Lieder daraus zwischen Hardrock mit Jazz-Stolpern, bläsersatter Blues-Kampagne, Couplet, loungigem Groove, Noise: Protest Possible!

Die Finesse ist grandios, für Format-radio-sedierte Ohren aber eher verstörend. Doch selbst die könnte ihr berstend-bergender Ruf aus dem Grab erreichen. Denn The Dorf sind ganz wesentlich Live-Act, der im Dortmunder Jazzclub domicil regelmäßig wie unentrinnbar als Gesamtkunstwerk stattfindet. Wer gerade in der Stadt ist, sollte sie nicht verpassen. Das Album fängt dies erstaunlich gut ein und vermittelt ein existentielles Gefühl für das Leben: „ohne Ziel und ohne Sinn“, aber schön und überaus lebendig.

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