Rechter Rap und neue Allianzen

Verschwörungsmythen greifen auch in der deutschen Popkultur um sich
Er liebte es schon immer, esoterisch, christlich, apokalyptisch zu raunen: Xavier Naidoo.
Foto: picture alliance/Kadir Caliskan
Er liebte es schon immer, esoterisch, christlich, apokalyptisch zu raunen: Xavier Naidoo.

Ungewohnte Allianzen haben sich in der deutschen Popkultur gebildet. Eine sonst dem sozialdemokratischen Milieu zuzurechnende Kleinkunstbardin bekommt plötzlich Applaus aus der rechten Ecke, und Deutsch-Türken rappen gemeinsam mit Rechten gegen vermeintliche Fremdbestimmung. Wird Rechtsradikalismus zur Popkultur? Der Publizist und Medienpädagoge Andreas Mertin geht dieser Frage nach.

Zur neuen Unübersichtlichkeit gehört es, dass Szenen, die bisher darauf geachtet haben, nicht miteinander in Kontakt zu kommen oder gemeinsame Aktionen durchzuführen, nun plötzlich „Seit’ an Seit‘“ schreiten und in öffentlichen Protesten auftreten. Das Phänomen der Querfront ist schon länger bekannt. Doch dass deutschsprachige Hip-Hop-Barden mit denselben verschwörungstheoretischen Songs sowohl bei der „SJD – Die Falken“ wie bei Veranstaltungen der AfD auftreten können, ist ein neues Phänomen. Ihre gemeinsame Schnittstelle ist der Kampf gegen das System, gegen „die da oben“. Ihr Motto lautet: Der Gegner meines Feindes ist mein Freund – und der Feind ist das System. Das ist die Logik, nach der zurzeit manche der populärkulturellen Prozesse ablaufen.

Wenn jemand vor 15 Jahren in Hip-Hop-Texten gegen das Impfen aufrief, und damit die spezifische Klientel der Impf-Phobiker bediente, so haben Antisemiten und Rechtsradikale heute keine Probleme damit, ihre Propagandabotschaften mit diesem Song zu unterlegen. Hauptsache, es geht gegen das System. Wenn jemand gegen RKI und Pharmaindustrie polemisiert, ist er in diesen Kreisen willkommen, egal, woher er kommt. Und überraschenderweise gilt das Gleiche auch umgekehrt: Rechte sind den Impf-Phobikern plötzlich willkommen.

Der Philosoph Karl Popper hat einmal geschrieben: „Die Verschwörungstheorie der Gesellschaft ... kommt aus der Abkehr von Gott und der daraus resultierenden Frage: ‚Wer ist an seine Stelle getreten?‘“

In einer Diskussion über Verschwörungstheorien beschreiben Bernhard Pörksen und Michael Buttler diese als „ein Symptom der Komplexität der Moderne und des Verlusts eines großen göttlichen Heilsplanes. Sie ist eine Art säkularisierter Schöpfungsplan, aber auch ein Symptom der fragmentierten Gesellschaft, die sich in Filterblasen und Echokammern aufsplittet, in denen unterschiedliche Wahrheitsbegriffe kursieren.“ Mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts und dem Verlust der Selbstverständlichkeit religiöser Weltdeutung explodierten die verschwörungstheoretischen Bewegungen – zugegebenermaßen oft genug befördert durch das mediale Begleitfeuer der Kirchen. Die Illuminaten, die Freimaurer, die Rothschilds – das war nicht nur irgendein verschwörungstheoretisches Gerede des 19. Jahrhunderts, das wird in der Gegenwart artikuliert.

Von der Hölle

Während Gott allen fraglich geworden ist, hat man noch nie so viel wie aktuell vom Teufel und vor allem von seinen Agenten in Gestalt des Systems und auch von der Hölle gehört. Wer nicht mit uns ist, ist vom Teufel. „Niemals mit uns, fahrt doch zur Hölle“ schunkelt das systemkritische Lager – Rechtsaußen wie Linksaußen.

Schauen wir auf ein paar Beispiele. Die eher der sozialdemokratischen Kleinkunstszene zuzurechnende Bardin Lisa Fitz veröffentlicht 2018 auf einer verschwörungstheoretischen Seite den Song „Ich sehe was, was Du nicht siehst“. Schon diese Formulierung ist selbst ein verschwörungstheoretisches Mem. Verschwörungsgläubige sehen sich als Sehende, die die Einzigen sind, die die Zusammenhänge durchschauen, die wissen, was sich abspielt und wer dabei mitspielt. Und in diesem Lied geht es dann um Puppenspieler wie Georg Soros, die Rothschilds und viele andere, die die kleinen dummen Leute (Schlafschafe würde der bekennende Nationalsozialist Attila Hildmann sagen) ausbeuten und unterdrücken. Was immer Verschwörungsanhänger sich in den vergangenen dreihundert Jahren ausgedacht haben, in diesem Lied wird es bedient: „Die Welt wird fieser und an wem mag’s liegen? Ich bin umzingelt von Staatsmacht und Intrigen“ – das ist der erste Glaubenssatz aller Verschwörungsgläubigen. „Der Schattenstaat, die Schurkenbank, der Gierkonzern, wer nennt die Namen und die Sünden dieser feinen Herrn? Rothschilds, Rockefeller, Soros & Consorten, die auf dem Scheißeberg des Teufels Dollars horten.“ So viel antisemitisches Klischee war lange nicht. „Es gibt sowieso zu viele Esser, ohne die Vielen geht’s den Wenigen besser“ (ein verschwörungstheoretischer Mythos nach dem missverstandenen Denkmal Georgia Guidestones in den USA). Und so geht es im ganzen Lied weiter. Religion wird als Opium für das Volk verstanden, was nicht daran hindert, permanent selbst vom Teufel zu schwafeln, der den Reichen das Geld zuschiebt. „Die wahnhafte Vorstellung, es gäbe eine große Verschwörung einer kleinen mächtigen Elite, durch die alle Geschehnisse der Welt gelenkt werden, kann als ideologische Klammer vieler extrem rechter Milieus verstanden werden“ schreibt Timo Reinfrank von der Amadeu Antonio Stiftung. Nur dass es hier Linke sind, die das singen.

Bekannte Codes

Nun ist es nicht so, dass dieser Text nicht auf Widerspruch gestoßen wäre, es regte sich Protest, und die Bardin sah sich zu einer Antwort genötigt: Antisemitisch sei ihr Lied nicht, schließlich sei nur die Hälfte der im Lied Genannten auch jüdisch(!). Die Fans pflichten in den Kommentaren auf YouTube bei: „Wenn das, was sie gesagt hat, antisemitisch und eine Verschwörungstheorie ist, dann bin ich stolz, auch ein Antisemit und Verschwörungstheoretiker zu sein. Weiter so Lisa, Du weißt uns hinter Dir!“

So weit sind wir inzwischen gekommen. Bemerkenswert daran ist, dass wir uns nicht in einer Szene des rechten Rands unserer Gesellschaft befinden, sondern einer Protagonistin aus dem Kulturprogramm des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens lauschen. Wir hören was, was alle sehen … Und das gilt für einige weitere Akteure der aktuellen Debatten, die ihre Prominenz vor allem in den großen Medien gewonnen haben: Eva Herman, Attila Hildmann, Xavier Naidoo, Michael Wendler, Nena. Sie alle stammen nicht vom Rand der Gesellschaft, sondern aus seiner popkulturellen Mitte – die freilich nicht mit der gesellschaftlichen Mitte identisch ist.

Xavier Naidoo, um eine besonders schillernde Figur zu nennen, liebte es schon immer, esoterisch, christlich, apokalyptisch zu raunen, und stieß damit zunächst sogar auf breite Resonanz: Sein im November 2005 veröffentlichtes Lied „Dieser Weg“ wurde zum Hit während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Aber schon da war Naidoo durch äußerst problematische Äußerungen aufgefallen. 2014 wechselte er dann endgültig ins Lager der Reichsbürger. Aktuell schließt er sich mit diversen Rap-Musikern zusammen, um popkulturell zu einer „Rapbellion“ beizutragen, deren Motto lautet: „Ich mache da nicht mit.“ „Xaviers Armee der Finsternis“ wie ein Kollege bei laut.de das benannte, besteht aus weitgehend gescheiterten deutschsprachigen Rappern aus dem rechten Lager, die ihren Frust über die Welt herausschreien und das aktuell an der Pandemie festmachen. Die von ihnen genutzten Codes stammen jedoch aus den Verschwörungstheorien der letzten dreihundert Jahre. Aber Xavier Naidoo bedient nicht nur das Rap-Milieu, auch die Heimatfreunde kommen zu ihrem Recht („Heimat“ – zusammen unter anderem mit Kla.Tv, Ex-Abgeordneten der AfD, Oliver Janich und vielen anderen). Und schließlich werden sogar die ganz Rechten in die Popkulturalisierung der Widerstandsbewegung einbezogen („Deutschland krempelt die Ärmel hoch“ mit dem rechtsextremen Hooligan Hannes Ostendorf).

Hardcore-Rechte wie Chris Ares, die zunächst ihre Phantasien von einer biodeutschen White-Supremacy-Zukunft herausposaunen, haben dagegen ihre Lieder 2020 angepasst. Das Problem, das sie hatten, war, dass sie auf den Corona-Demonstrationen auf Gruppen und Kulturen stießen, gegen die sie zuvor gehetzt hatten, zum Beispiel Deutsch-Türken. Und so ging man Schritt für Schritt vor. War es für einen „echten Rechten“ vor einigen Jahren noch ein grundsätzliches Problem, überhaupt zu rappen, denn Rap war ja ursprünglich mit fremden Kulturen verbunden, so eignete man sich diese Ausdrucksform in einem ersten Schritt an. So bekannten die Identitären: „Wir nutzen alle Möglichkeiten, unsere eigene Kultur und unsere Werte stark zu machen, und freuen uns, der Jugend ohne Migrationshintergrund identitären Rap … präsentieren zu können.“ Schon 2019 sagte Stefan Sommer im Bayerischen Rundfunk: „Der Allgäuer Chris Ares ist der erste offen rechte Rapper, der es in die deutschen Amazon-Charts geschafft hat. Das ist ein popkultureller Zivilisationsbruch.“ Der aber in der Öffentlichkeit erst verspätet als solcher wahrgenommen wurde.

Der zweite Schritt bestand dann darin, mit den neuen Verbündeten einen gemeinsamen Feind zu finden. Und da sang man nun: „Wir sind fremdbestimmt“. Und von dort ist es nur noch ein kleiner Schritt zum verschwörungstheoretischen Antisemitismus: „Unsere Medien werden okkupiert von Hochfinanz und kleinen Cliquen … Diese Teufel wollen, dass wir sie schon heute an das Steuer lassen“. Und das verbindet dann überraschend schnell mit Antisemitismus-affinen Migrantenkulturen und linken Kleinkunst-Bard:innen.

Nun kann man vielleicht den Ärger mancher Exponent:innen der Popkultur verstehen, die durch die Pandemie an öffentlichen Auftritten gehindert und damit von ihrem Lebensnerv abgeschnitten sind. Diesen Ärger kann man durchaus artikulieren, so wie das auch manche der großen Popstars bis hin zu den Rolling Stones („Living in a Ghost Town“) getan haben. Man kann ihn auch als Antrieb für neue Formen der Kreativität begreifen, wie es die „Quarantunes“ der Band „The New Students“ auf YouTube dokumentieren. Die Frage ist aber, warum das bei einigen so umstandslos mit rechten Memen und der Aufgabe aller Grenzen zu bisher tabuisierten Begriffen geschah. Man kann gewiss nicht behaupten, dass die Popkultur insgesamt in den vergangenen Jahren nach rechts gewandert ist (in einem gewissen Sinne spiegelte die Popkultur immer schon die Vielfalt der Gesellschaft und damit auch das rechte Segment, man muss sich nur Kid Rocks „Po-Dunk“ von 2017 anhören und anschauen).

Aufgeweichte Grenzen

Doch inzwischen wurde es möglich, dass nicht nur verschwörungstheoretisches, sondern auch rechtes, ja rechtsextremes Gedankengut allgemein als popkulturell salonfähig akzeptiert wurde, so dass es die Grenzen der Milieus überschritt. Dabei ist es nicht so, dass rechte Meme als solche vorgetragen werden, eher laufen sie unter der Kategorie „Das wird man ja noch sagen dürfen“: dass die Puppenspieler die Welt beherrschen, dass sie die Menschheit sowohl dezimieren wie versklaven wollen, dass sich wenige untereinander verschworen haben, den Rest von der Macht auszuschließen, dass die Mainstream-Medien manipuliert sind et cetera. Diese Meme findet man nicht nur in Popsongs, sondern seit längerem auch im großen Kino. Man wendet sich nicht mehr gegen konkretes Unrecht, sondern gegen ein verschworenes System. Und dieser Gedanke ist eben milieu- und lagerübergreifend und kommt in der zugespitzten Pandemie-Situation als gemeinsamer Gedanke zur Geltung.

Wird Rechtsradikalismus also zur Popkultur? So weit sind wir nicht, aber die bestehenden Grenzziehungen wurden aufgeweicht. Die Vermischung der Szenen, die wir in den letzten Jahren beobachten konnten, sollte durchaus Anlass zur Sorge geben. Der aktuelle Zusammenschluss wird mit der Überwindung der Pandemie zerbrechen, aber er zeigt, worauf wir uns künftig einstellen müssen. 

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Andreas Mertin

Andreas Mertin, Jahrgang 1958, ist Gründer und Herausgeber des seit 1998 im Internet erscheinenden Magazins tà katoptrizómena, dem Magazin für Kunst, Kultur, Theologie und Ästhetik (www.theomag.de). Der Theologe und Kulturwissenschaftler (www.amertin.de) ist u.a. auch als Kurator von Ausstellungen tätig und lebt in Hagen (NRW).


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