„Von der Erlösung her“

Vor siebzig Jahren erschien Theodor W.Adornos Minima Moralia
Theodor W. Adorno, Frankfurt 1968.
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Theodor W. Adorno, Frankfurt 1968.

Die Welt ist von „Rissen und Schründen“ durchzogen. Deshalb sollten wir das Schenken nicht verlernen, meint der Berliner Theologe Karl Tetzlaff und erinnert an Theodor W. Adornos Werk Minima Moralia, das vor siebzig Jahren erschienen ist.

 „Die Menschen“, heißt es in Theodor W. Adornos Minima Moralia, „verlernen das Schenken.“ Wenige Wochen vor Weihnachten ist dies keine gute Nachricht. Um gute Nachrichten zu verbreiten hat Adorno (1903–1969) seine Reflexionen aus dem beschädigten Leben, die vor genau siebzig Jahren erschienen sind und an die deshalb hier erinnert wird, allerdings auch nicht zu Papier gebracht. Das 1951 publizierte und während des Kriegs im US-amerikanischen Exil entstandene Werk verbreitet eine abgedunkelte Weltsicht, die angesichts einer gesellschaftlich um sich greifenden Negativität das „richtige[] Leben im falschen“ als unerschwinglich ansieht.

Dennoch, so weiß der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch zu sagen, „benutzten manche Leser das Buch wie ein Evangelium“. Einer von ihnen schrieb 1952 an Adorno, er habe „zuletzt täglich“ aus dessen „Gedankenskizzen Weisung und Licht geschöpft, wie andere die Losungen der Brüdergemeinde am Morgen lesen, um daraus Kraft zu schöpfen“. Sie sei „von den Minima Moralia […] völlig gebannt“, gab eine Leserin im selben Jahr zu Protokoll: „ich erschrecke und bin dann doch erlöst“.

Nicht nur in dunkle Gefühlslagen vermögen Adornos Reflexionen, die später noch zum Kultbuch der Studentenbewegung avancierten, ihr Lesepublikum also zu versetzen. Immerhin enden sie mit dem Bild des „Licht[s], […] das von der Erlösung her auf die Welt scheint“, was leicht hoffnungsvoll stimmt, auch wenn durch dessen Leuchten nur die tiefen „Risse und Schründe“, die sich durch die irdische Realität ziehen, „offenbart“ werden. Zumindest aber lässt sich angesichts dieses Schlusses vermuten, dass es auch für Adorno noch etwas anderes, ja Besseres, gibt, als nur jene „vollendete Negativität“, in die ihm die moderne Welt und das Leben in ihr getaucht sind.

„Licht der Erlösung“

„Was einmal den Philosophen Leben hieß, ist zur Sphäre […] bloß noch des Konsums geworden […], ohne Autonomie und ohne eigene Substanz“, lautet die düstere Diagnose, mit der Adornos Minima Moralia anheben. In den 153 Aphorismen, die darin versammelt sind, geht es ihm darum, die „objektiven Mächte[]“ ans Licht zu bringen, „die die individuelle Existenz“ unter den Bedingungen des real existierenden Kapitalismus „bis ins Verborgenste bestimmen“. Dabei überführt er scheinbar harmlose Verrichtungen wie das Zuschlagen von Türen oder eben das bereits erwähnte Schenken ihrer ideologischen Verbrämtheit. Doch gerade das vom Festtagskalender her so naheliegende Schenken scheint bei ihm, wie noch zu sehen sein wird, auch selbst etwas vom ‚Licht der Erlösung‘ ausstrahlen zu können.

Von einem „Verfall des Schenkens“ ist bei Adorno jedoch zunächst einmal die Rede. Das Schenken werde mehr und mehr verlernt. Sein Urteil begründet sich aus der gesellschaftlichen Allgegenwart des ökonomischen „Tauschprinzips“. Unter kapitalistischen Bedingungen, das hat Adorno von Marx gelernt, wird die Entscheidung über den Wert von tendenziell allem und jedem unter dem Gesichtspunkt von dessen geschäftsmäßiger Verwertbarkeit getroffen. Was eine Sache oder eine Person jeweils selbst ist, spielt dabei eine allenfalls untergeordnete Rolle. Weil nun das andere Menschen idealerweise ganz individuell meinende Schenken dieses Tauschprinzip verletzt, kann ihm aus Adornos Sicht heute nur noch „etwas Widersinniges und Unglaubwürdiges“ anhaften. Bisweilen beäugten „selbst Kinder mißtrauisch den Geber, als wäre das Geschenk nur ein Trick, um ihnen Bürsten oder Seife zu verkaufen“. In einer von Gewinnerzielungsabsichten durchdrungenen Welt wird das Geschenk also zum Fremdkörper, weil sich mit ihm eine Handlungsweise verbindet, die, ohne weitere Hintergedanken zu hegen, nur eines will: die beschenkte Person erfreuen.

Doch steht die zu beschenkende Person eben nicht mehr selbst im Blickfeld des Schenkens, wie Adorno anhand einer gerade um Weihnachten herum vielgeübten Praxis deutlich macht: gemeint ist „charity“ oder „verwaltete Wohltätigkeit“. Im „organisierten Betrieb“ des Spendenwesens habe „die menschliche Regung schon keinen Raum mehr, ja die Spende ist mit Demütigung durch Einteilen, gerechtes Abwägen, kurz durch die Behandlung des Beschenkten als Objekt notwendig verbunden“.

Ausschlaggebende Konvention

Womöglich dient, um Adornos Sicht noch zuzuspitzen, die wohltätige Spende am Ende nur der Maximierung steuerlich absetzbarer Beträge. Auf jeden Fall, und das ist sein Argument, steht dabei weniger vor Augen, was die ja gar nicht als solche präsenten Anderen je individuell brauchen könnten. Vielmehr wird ein bestimmter Betrag, den man sich nach sorgfältiger ökonomischer Abschätzung abzwacken zu können glaubt, für ein allgemein gehaltenes Projekt hergegeben. Ausschlaggebend dafür ist, jedenfalls aus Adornos Sicht, weniger die ‚menschliche Regung‘ als vielmehr die Konvention, nach deren Sinn man gar nicht mehr fragt.

Analog dazu sei auch „das private Schenken […] auf eine soziale Funktion heruntergekommen, die man mit widerwilliger Vernunft, unter sorgfältiger Innehaltung des ausgesetzten Budgets, skeptischer Abschätzung des anderen und mit möglichst geringer Anstrengung ausführt“. Nur wenige werden ganz abstreiten können, schon einmal den Gedanken gehegt zu haben, ob man es nicht in diesem Jahr mit dem ‚Geschenke-Stress‘ lassen könnte: „Müssen wir uns unbedingt immer etwas schenken, wer sagt das eigentlich?“

Wer so fragt, weiß im Grunde, dass er sich einigermaßen widerwillig im Rahmen einer konventionellen Praxis bewegt. Schenkt er trotzdem weiter, dann besinnt er sich nicht selten auf die ökonomischen Angleichungen, die in Adornos Worten impliziert sind: man passt das Budget an („wir schenken uns nur noch kleine Dinge“), fragt danach, was man von den Anderen bekommt („wieviel wird er/sie ausgeben?“ „wer nichts schenkt, bekommt auch nichts!“) und gönnt sich etwas weniger Aufwand („die Geste zählt“).

Einfach irgendetwas erwerben

„Günstigenfalls“, schreibt Adorno, „schenken“ die derart widerwillig ans Werk gehenden Menschen, „was sie sich selber wünschten, nur ein paar Nuancen schlechter“. Schlechtestenfalls greifen sie zur „peinlichen Erfindung der Geschenkartikel, die bereits darauf angelegt sind, daß man nicht weiß, was man schenken soll, weil man es eigentlich gar nicht will“. Wo auf solche Produkte – „Ladenhüter schon am ersten Tag“ – zurückgegriffen wird, stellt man nach adornoschem Urteil endgültig unter Beweis, das Schenken verlernt zu haben und dabei nur noch eine soziale Funktion zu bedienen. Denn hier wird vollends klar, dass es allein darum geht, einfach irgendetwas zu erwerben, ohne dabei die andere Person im Blick zu haben.

Gesteigert wird die darin aufscheinende zwischenmenschliche Entfremdung noch durch den „Vorbehalt des Umtauschs, der“, so Adorno, „dem Beschenkten bedeutet: hier hast du deinen Kram, fang damit an, was du willst, wenn dir’s nicht paßt, ist es mir einerlei, nimm dir etwas anderes dafür“. Zwar werde dem Beschenkten durch die Option des Umtauschenkönnens die Möglichkeit eröffnet, „sich selber etwas zu schenken“ und sich nicht zwingend mit dem zufrieden geben zu müssen, was man ihm einigermaßen gedankenlos zugesteckt hat. Doch liegt darin, wie Adorno berechtigterweise herausstellt, „zugleich der absolute Widerspruch zum Schenken“, das ja ein Verhältnis zwischen mindestens zweien voraussetzt.

Nicht erst die letztere Formulierung zeigt aber an, dass Adornos negative Sicht auf die ökonomisierte Praxis des Schenkens durch ein positives Gegenbild geleitet ist. Sie steht im ‚absoluten Widerspruch‘ zum „[w]irkliche[n] Schenken“, das „sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten“ hat: „Es heißt wählen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken“. So sehr wir uns aus Adornos Sicht auch von diesem Ideal entfernt haben, so sehr bedürften wir der damit verbundenen Praxis eigentlich. Gegen den möglichen Vorwurf, seine Reflexionen über das Schenken seien „sentimental“, weil es „im Überfluß überflüssig“ werde, denn die meisten hätten ja eigentlich schon alles, was sie brauchen, wendet er nämlich ein: Es „blieben des Schenkens jene bedürftig, die nicht mehr schenken. Ihnen verkümmern jene unersetzlichen Fähigkeiten, die nicht in der Isolierzelle der reinen Innerlichkeit, sondern nur in Fühlung mit der Wärme der Dinge gedeihen können. […] Alle nicht entstellte Beziehung […] ist ein Schenken.“

Wunsch nach ,Unersetzlichem‘

Ausgehend von diesen geradezu romantisierenden Beschreibungen des Schenkens stellt sich die Frage, ob Adornos Verfallsdiagnose nicht etwas zu drastisch formuliert ist. In Teilen passt sie gut zu einer Tradition, die ebenfalls eng mit dem Weihnachtsfest verbunden ist: der auch im kirchlichen Raum gern geübten Konsum- und Kommerzkritik. Dem lässt sich mit Adorno und über ihn hinaus entgegenhalten, dass das Geschenkemachen, wie kommerzialisiert oder konventionalisiert es auch sein mag, wenigstens den Wunsch nach etwas ‚Unersetzlichem‘ wachhält, was sonst womöglich ‚verkümmerte‘: den Wunsch nach jenen ‚nicht entstellten Beziehungen‘, in denen mich das ‚Glück‘ anderer glücklich macht und umgekehrt, nach jenen unversehrten Verhältnissen, in denen wir uns wechselseitig ‚als Subjekte denken‘ und behandeln. Oder mit der berühmten Formel Adornos gesagt: den Wunsch, doch „ein richtiges Leben im falschen“ leben zu können, wie er sich nicht zuletzt in der allweihnachtlich ansteigenden Spendenbereitschaft niederschlägt.

Das Schenken, so ist auch von Adorno zu lernen, vermag uns daran zu erinnern, wie es zwischen uns sein könnte, wenn die Welt nicht von „Rissen und Schründen“ durchzogen wäre. Es lässt, wo es gelingt und eine Verbindung über das Trennende hinweg herstellt, etwas vom „Licht der Erlösung“ erkennen. Deshalb wäre es schade darum, wenn wir es verlernten oder zerredeten.

Adorno zufolge gibt es übrigens „keinen heute, für den Phantasie nicht genau das finden könnte, was ihn durch und durch beglückt.“ In diesem Sinne: Frohes Schenken und Beschenktwerden.

Die verwendeten Zitate stammen aus: Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt a.M. 1962, 7. 42. 46 f. 333 f.; Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960 – 1990, Frankfurt a.M. 2016, 39.

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Karl Tetzlaff

Karl Tetzlaff ist promovierter Systematischer Theologe und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie/Ethik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.


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