Die Kirche stirbt?

Plädoyer für einen veränderten Blick und eine andere Rhetorik
Festgottesdienst zur Eröffnung der 63. Spendenaktion "Brot für die Welt" am 1. Advent  (28.11.2021) in der Christuskirche in Detmold.
Foto: epd
Festgottesdienst zur Eröffnung der 63. Spendenaktion "Brot für die Welt" am 1. Advent (28.11.2021) in der Christuskirche in Detmold.

Eigentlich sollte morgen der 7. Strategiekongress zur Zukunft der Kirchen in Bensberg beginnen. Er wird nun pandemiebedingt um ein Jahr verschoben. Der Leipziger Praktische Theologe Alexander Deeg setzt sich aber schon jetzt mit dem geplanten Programm auseinander und plädiert für eine Perspektive jenseits quantitativer Imperative und jenseits aller Todes-Krisen-Rhetorik

Als im Jahr 2019 die sogenannte Freiburger Studie veröffentlicht wurde und zeigte, dass die großen Kirchen in Deutschland im Jahr 2060 nur noch die Hälfte der heutigen Mitglieder und Finanzmittel haben werden, titelte der „Humanistische Pressedienst“: „Die Kirche stirbt“ und müsse das nun endlich auch realisieren.[1]

Mich wundert, wie selbstverständlich diese Rhetorik der ‚Humanisten‘ auch in kirchlichen Kontexten übernommen wird. So steht der „7. Strategiekongress“ zur Zukunft der Kirchen, der am 7. und 8. Dezember 2021 in Bensberg bei Köln stattfinden sollte und nun um ein Jahr auf 2022 verschoben wurde, unter dem Titel: „Auflösung. Kirche reformieren, unterbrechen, aufhören?“. Im Einladungstext[2] heißt es unter anderem: „Kirche löst sich auf.“ Es ist die Rede von der „Hülle“, die wir noch zu erhalten versuchen, und von der „Leere […], die folgt, wenn wir damit aufhören“. Es stelle sich die Frage: „Wie geht Sterben, ohne zu wissen, was kommt?“ Man könnte mit Leonhard Cohens letztem Album sagen: „You want it darker …“ – bitte sehr: Auflösung, Hülle, Sterben. Und in alledem bleibe höchstens die Hoffnung, dass unter all dem Schutt noch ein Kern existiert, der durch radikale Entrümpelung sichtbar werde. Wir müssten entdecken, „wie Sterben gehen kann“. „Im letzten Schritt“ aber, gehe es darum, „Kirche ausgehend vom Sendungsauftrag alternativ, radikal neu [zu] denken.“

Natürlich ist es unerlässlich, sich schonungslos der Realität zu stellen, kreativ zu werden und Neues zu imaginieren. 220.000 Austritte aus der evangelischen Kirche im Jahr 2020 und noch einmal so viele aus der katholischen Kirche kann man nicht mit einem Lächeln und dem Verweis auf Jesu Mahnung, sich nicht um das Morgen zu sorgen (Matthäus 6,34), übergehen. Aber ist die Krisenrhetorik, die der Kirche bereits jetzt einen Totenschein ausstellt oder die sie – wie bei der Einladung zu einer „Werkstatt für Visionär*innen“ in Nöbdenitz im Juni 2022 – im Bild der Titanic sieht, die als „große[r] Tanker“ kurz vor dem Aufprall auf den Eisberg steht, berechtigt und hilfreich? Meine Befürchtung ist, dass diese Rhetorik nicht nur Mitarbeitende demotiviert, sondern vor allem Potenziale übersieht und manch wirklich entscheidende Frage gar nicht stellt.

Aus „Konstantinischer Ära“ befreien?

Freilich: Strategisch kommt die Beerdigungsrhetorik all jenen entgegen, die mit der gegenwärtigen Gestalt evangelischer Landeskirchen ihre Probleme haben und einen groß angelegten Um- und Neubau vornehmen wollen. Baupläne dafür liegen durchaus bereit. Etwa Heinzpeter Hempelmann sieht die Chance, dass sich die Kirche nun endlich aus der „Konstantinischen Ära“ ihrer Volkskirchlichkeit befreit. Jetzt bestehe die Chance, das „überlebte System“ hinter sich zu lassen, Freiräume zu schaffen für „Pioniere, Performer, Enterpreneure“, „lieber in Menschen [zu] investieren als in Immobilien“, diese „lieber [zu] mieten, als [zu] [b]esitzen“ und auf Privilegien wie Religionsunterricht, Theologische Fakultäten, Kirchensteuer und beamtenähnliche Besoldung zu verzichten.[3]

Der Abschied vom sterbenden ‚System‘ der bisherigen Kirche wird von Hempelmann als Befreiung gefeiert. In diesen Jubel stimme ich dezidiert nicht ein und schlage einen Blickwechsel vor: einen liebevollen Blick auf Bestehendes und Überliefertes – wenn man so will: einen lutherischen Blick auf die Kirche, keinen bilderstürmerischen. Vor 500 Jahren hätte Martin Luther auf der Wartburg allen Grund gehabt, dem ‚konstantinischen System‘ der römischen Kirche mitsamt seiner Symbole und Traditionen ein rasches Ende zu wünschen. Karlstadt und andere räumten die Kirchen leer, was Luther bekanntlich zur Rückkehr von der Wartburg und zu seinen Invokavit-Predigten veranlasste. Er konnte trotz aller Kritik an kirchlicher Theologie und Praxis Gewachsenes wertschätzen, an der „Messe“ festhalten (bis 1525 sogar auf Latein), die Gebäude und ihre Ausstattung würdigen.

Von Luther lernen, das hieße heute vielleicht: mit einem Lob der Kirche einzusetzen. Mal nicht vom Sterben reden, von leblosen Hüllen und der baldigen Kollision mit dem Eisberg, sondern die Pfunde und Talente würdigen (Matthäus 25,14–30; Lukas 19,12–27), damit sie nicht vergraben, sondern engagiert eingesetzt werden. Selbst ein Ausgangspunkt bei den Zahlen lässt keineswegs nur den Niedergang erkennen, sondern auch sehen, dass sich gegenwärtig rund eine Million (!) Ehrenamtliche allein in den evangelischen Kirchen engagieren. Rund 600.000 Hauptamtliche sind in der Diakonie tätig, circa 1.900 arbeiten hauptamtlich als Kirchenmusiker:innen (was nur 10% der in der Kirche tätigen Kirchenmusiker:innen entspricht). Es gibt vielfältigen Grund zum Lob: die Bildungsarbeit und die Seelsorge in unterschiedlichen Kontexten, die Kirchenmusik, die sich gerade in neuer Vielfalt aufstellt, die Gottesdienste, die landauf landab und zunehmend auch in digitalen Räumen gefeiert werden, die Weite des Daches, das unsere Kirchen für unterschiedliche Frömmigkeiten bieten, und die Vielfalt der Gottsuche, die in ihnen möglich ist.

Umgeben von Krisenrhetorik

Stattdessen bin ich umgeben von Krisenrhetorik, letztlich auch in dem im November 2020 von der EKD-Synode angenommenen Papier des „Z-Teams“. Die „Zwölf Leitsätze zur Zukunft einer aufgeschlossenen Kirche“ setzen zwar nicht mit einer Krankschreibung der gegenwärtigen Kirche ein und stellen ihr auch nicht gleich den Totenschein aus. Aber im Lesen der zwölf Punkte wird auf der Rückseite doch sehr deutlich, wie krank die gegenwärtige Kirche doch wahrgenommen wird.[4] Sie pflege Aktivitäten, „die an Ausstrahlung verloren haben“; es gebe „Strukturen“, die für die Menschen keine „Relevanz“ mehr haben und keine „Resonanz“ hervorrufen  – wobei nicht gesagt wird, wie genau dieses Kriterium bestimmt wird (ist ein Gottesdienst mit vier dementen alten Damen im Altenheim besser wegzulassen, weil die Resonanz eher bescheiden ausfällt?). Die Kirche sei nicht immer entschlossen genug bei ‚den Menschen‘ (wer auch immer das ist). Kirche sei bisher zu wenig im digitalen Raum zuhause, traue jungen Menschen zu wenig zu; es würden zu viele vergleichbare Gottesdienste gefeiert.

Immer wieder ist die „Ortsgemeinde“ besonderer Kritik ausgesetzt. Das war schon bei dem EKD-Papier „Kirche der Freiheit“ aus dem Jahr 2006 der Fall, das gilt jetzt wieder. Im Sommer 2021 legten Philipp Elhaus und Gunther Schendel ein Papier des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD mit dem Titel „Mit beiden Händen geht es besser. Innovation in der Kirche am Beispiel von Erprobungsräumen und Ambidextrie“ vor. Ambidextrie heißt wörtlich Beidhändigkeit und bedeutet schlicht, dass mit beiden Händen unterschiedlich und doch zusammenhängend gehandelt wird – wie beim Klavierspielen. In der Ökonomie werden mit diesem Begriff Prozesse beschrieben, in denen der klassisch strukturierte Teil eines Unternehmens weiterarbeitet (exploit-Modus) und ein innovativer Unternehmensteil Neues erkundet (explore-Modus). Als Beispiele für neue Wege werden etwa die Erprobungsräume der EKM und weiterer Landeskirchen erwähnt. Das Problem: Bei der Ambidextrie kommt der eigentliche Schwung aus den neuen Formen. Das Alte darf zwar noch mit dabei sein, ihm wird aber faktisch nur zugetraut, für eine begrenzte Zeit Ressourcenlieferant für das Neue zu sein (exploit!), das dann als das eigentlich Interessante erscheint (wobei die Verfasser betonen, dass dieses Gegeneinander-Ausspielen nicht das Ziel sein sollte!).

In zahlreichen anderen Darstellungen der Freunde eines radikalen Umbaus werden Ortsgemeinden beschrieben als milieuverengte Orte der beharrlichen Pflege überholter Traditionen, hochkultureller Musikstile, überlebter Konventionalität und vereinsmäßig-bürgerlicher Enge – und damit als Gegenbilder zu Aufbruch und Innovation. Schade! Denn in den vielfach gescholtenen Gemeinden vor Ort liegen meines Erachtens die Potenziale für jede Kirchen- und Gemeindeentwicklung. Aus ihr kommen die Ehrenamtlichen, die – wie das Jahr 2020 zeigte – immense Bedeutung für die vielfältigen kreativen neuen Wege von Gottesdienst und Verkündigung hatten und haben. In ihnen singen die allermeisten der 21.000 Chöre mit ihren rund 400.000 Sänger:innen (davon knapp 100.000 Jugendliche!). Und auch die rund 7.000 Posaunenchöre mit etwa 100.000 Aktiven haben primär hier ihren Ort. Starke digitale Angebote brauchen Netzwerke, die sich nicht immer, aber doch sehr häufig aus den Ortsgemeinden rekrutieren.

Kirchengebäude als Transformationsaufgabe

Zu den Gemeinden gehören auch die rund 20.000 Kirchen und Kapellen der evangelischen Kirche, die manche am liebsten aufgeben möchte. Zahlreiche empirische Studien zeigen, welche Bedeutung diese Gebäude keineswegs nur für kirchlich gebundene Menschen haben. Dies bestätigen auch die vielen Kirchbauvereine (vor allem im Osten Deutschlands); und in der Corona-Pandemie waren „Offene Kirchen“ für viele im Sozialraum bedeutsam.

Freilich aber sind Kirchengebäude zugleich eine Transformationsaufgabe und stehen so exemplarisch für die Weise, wie ich mir ein Reden von Kirche und eine Gestaltung ihrer Zukunft vorstelle. Es geht zunächst darum, die Potenziale wertzuschätzen, dann aber natürlich auch darum, sie zu nutzen und nicht einfach nur zu verwalten. Kirchenräume lassen sich öffnen, mit unterschiedlichen Playern entdecken und ‚bespielen‘. Es ist verheißungsvoll, Menschen aus dem Sozialraum mit ihren Ideen in die Kirche zu lassen und neue Kooperationen zu suchen. Es wäre falsch, wenn sich Gemeinden vor Ort in parochiale Abgrenzungslogiken oder in eine milieuverengt-bürgerlich-vereinskulturelle Behaglichkeit einkuschelten und die Welt um sich herum, die anderen Gemeinden, die Vertreter:innen anderer Religionen, die Menschen in ihrem Sozialraum nicht mehr sähen. Aber ist der Vorwurf, dass genau das geschähe, wirklich fair?

Mit liebevollem Blick lassen sich nicht nur Gebäude in ihrem Potenzial entdecken, sondern auch weit mehr, was nicht so schnell entrümpelt werden sollte. Kirchen pflegen Traditionen, die nicht einfach schlecht oder altmodisch sind. Der Philosoph Byung-Chul Han diagnostiziert das „Verschwinden der Rituale“ und stellt vor Augen, was wir mit ihnen verlieren. Rituale machen „die Zeit bewohnbar“ und stiften eine „Resonanzgemeinschaft“, weil sie heilsam vom Selbst und seinem Erlebnisanspruch befreien und die „neoliberalen Dispositive wie Authentizität, Innovation oder Kreativität“, die das Neue wollen, aber doch nur „Variationen des Gleichen“ bieten, in die Schranken weisen.[5] Han erwähnt auch die Gottesdienste der Kirchen als Beispiele für solche Rituale.

In erfreulicher Vielfalt kommuniziert

Mit dem Stichwort Gottesdienst bin ich beim Entscheidenden: bei Gott. Kirchen sind in ihrer Vielfalt Orte der Gottsuche, der Gotteserwartung und der Gotteserfahrung – und könnten dies künftig noch weit mehr als bisher sein. Denn die Corona-Krise hat auch dies deutlich gezeigt: Kirchen haben in erfreulicher medialer Vielfalt kommuniziert; doch teilweise wurde ‚die Botschaft‘ als zu bekannt und erwartbar wahrgenommen: Dass Gott ‚dabei ist in der Krise‘ und wir daher ‚Hoffnung haben dürfen‘, genügte vielen nicht. Es kann sein, dass das geläufige Modell der „Kommunikation des Evangeliums“ inzwischen hochgradig dysfunktional geworden ist. Ganz entgegen seiner ursprünglichen Intention wird es teilweise so verwendet, als hätten wir ‚ein Evangelium‘, das wir nur noch zielgerichtet, milieuorientiert und in verschiedenen medialen Formaten ‚kommunizieren‘ müssen. Dabei war die Idee von Ernst Lange und anderen, die den Begriff programmatisch ins Spiel brachten, gerade umgekehrt: Was Evangelium heißt, zeigt sich erst in verschiedenen kommunikativen Konstellationen und durch die immer neue Kommunikation.

Kirche benutzt die Vokabel „Gott“ vielfach zu routiniert (und ich nehme mich hier selbst gar nicht aus). Anstatt das Leiden an der Gottesfinsternis auszuhalten und auszudrücken, scheinen wir gefangen in einer hochgradigen Positivität, die toxisch werden kann. Der Glaube Israels und der Kirche ist Glaube an einen Gott, der immer auch der verborgene ist (Jesaja 45,15: „ Fürwahr, du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, der Heiland“). Alles andere wäre – mit Luther – theologia gloriae.

Kirche ‚hat‘ Gott nicht und teilt ihn nicht aus, sondern erfährt ihn (oder auch nicht), wird von ihr immer neu ins Leben gerufen und bleibt in Bewegung, auf der Suche nach ihm:ihr – als Pilgerin auf dem Weg. Sie muss nicht versuchen, ein irgendwie etwas veraltetes Produkt (das Evangelium) neu unter Menschen zu bringen, sondern ist mit diesen Menschen unterwegs. Diese Bewegung bricht die Grenzen zwischen „Innen“ und „Außen“ beständig auf. Es geht nicht darum, dass wir die ‚da draußen‘ ‚retten‘, sondern dass wir mit ihnen Gott suchen. Martin Luther meinte einmal: „Ein Christ steht nicht im Worden Sein, sondern im Werden […]. Darum, wer ein Christ ist, der ist kein Christ, d. h. wer da meinet er sei schon ein Christ geworden, der ist nichts.“[6]

Kirche als Gott-Sucherin, die immer neu erwartet, sich selbst von Gott zu empfangen – das wäre die Perspektive, die zu Leidenschaft und Gelassenheit, zu Bescheidenheit und zu immer neuen Aufbrüchen jenseits der quantitativen Imperative und jenseits aller Todes-Krisen-Rhetorik führt.

 

 

[3] Alle Zitate finden sich bei: Heinzpeter Hempelmann, Schwache Kirche unter den Verheißungen eines starken Gottes. Wie die Kirche Zukunft gewinnen kann, greifbar unter: https://heinzpeter-hempelmann.de/wp-content/uploads/2021/06/hph-Schwache-Kirche_starker-Gott.pdf

[5] Alle Zitate aus Byung-Chul Han, Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart, Berlin 42019, 9–24.

[6] Martin Luther zu Mt 13,45f., zitiert nach Erwin Mühlhaupt (Hg.), D. Martin Luthers Evangelienauslegungen, Bd. 2: Das Matthäusevangelium (Matthäus 3–25), Göttingen 41973, 488.

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Alexander Deeg

Prof. Dr. Alexander Deeg, geb. 1972, lehrt Praktische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Leipzig und leitet das Liturgiewissenschaftliche Institut der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland (VELKD). 


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