Pommes mit Patrick

Warum Sozialraumorientierung so viel besser ist als institutionelle Selbstbeschäftigung
Foto: Christian Lademann

Für manche Pfarrerinnen und Pfarrer ist das Schaffen neuer Kontaktflächen nur die Cocktailkirsche auf dem Kelch ihrer Arbeit. Aber ist die permanente Selbstbeschäftigung in Gremien, Ausschüssen und Konferenzen wirklich wesentlicher? Vielleicht liegt die Zukunft der Kirche ja auch in einer Portion Pommes mit Patrick?

Wenn ich diese Zeilen beendet habe, muss ich los zu „Patricks Stadtschänke“, denn dort wartet vielleicht ein kleines Stück der Kirche von Morgen. Drei Wochen nach Stellenstart im Gemeindepfarramt kommt es ziemlich oft vor, dass ich irgendwohin muss. Meistens sind es Sitzungen, Dienstbesprechungen, Pfarrkonferenzen... Nicht selten geht es in diesen Gesprächszusammenhängen auch um die Zukunft der Kirche, aber die einzigen Bilder für diese Zukunft sind meistens Bilanzen und Haushaltspläne.

Dabei brauchen wir mitten in all den Transformationsprozessen hin zu einer kleiner werdenden Kirche nichts sehnlicher als Bilder, leise Ahnungen dieser Kirche von Morgen. Ärmer wird sie sein. Das ist sicher. Aber welche Gestalten wird sie annehmen? Welche neuen Formen kirchlichen Lebens werden sich entwickeln unter diesen veränderten Bedingungen? Vielleicht wartet ein kleines Bruchstück dieser Kirche von Morgen heute bei „Patricks Stadtschänke“ auf mich.

Reflex des Niedergangs

Der Kneipenwirt schrieb mir vor ein paar Tagen bei facebook. Mit anderen Leuten aus dem Ort hat er sich auf dem Marktplatz getroffen. Da hatten sie eine Idee und glauben jetzt, dass man für diesen Plan vielleicht irgendwie die Kirche gebrauchen könnte. Mehr weiß ich nicht. Trotzdem werde ich hingehen. Denn ich bin überzeugt davon, dass die Kirche von Morgen dort entsteht, wo es keine dreiseitigen Tagesordnungen vorab gibt.

Dass Sozialraumorientierung zum Kern kirchlicher Arbeit werden muss, das wissen viele kirchlich Aktive und viele richten bereits ihr Handeln darauf aus. Dennoch bleibt das Schaffen neuer Kontaktflächen und Kooperationen irgendwie immer noch die Cocktailkirsche kirchlicher Arbeit, so als sei die dauernde Selbstbeschäftigung in Gremien, Ausschüssen und Konferenzen das eigentlich wesentliche. Dauernde Selbstbeschäftigung ist übrigens ein Reflex niedergehender Institutionen.

Ich frage mich, was sein wird, wenn die ständige Geräuschkulisse dieser Selbstbeschäftigung einmal verstummt sein wird. Diese Geräuschkulisse, mit der wir die Frage nach der Relevanz der Kirche in der Gesellschaft gegenwärtig noch mit Mühe übertönen können, weil unser institutioneller Apparat noch aufgebläht genug ist um all diese Echokammern herzustellen. Ich frage mich, was sein wird, wenn es am Ende des bevorstehenden Transformationsprozesses plötzlich still wird. Wenn wir nicht mehr anders können als diese Stille auszuhalten und abzuwarten, ob irgendjemand etwas von uns will.

Neues aus der Stille

Und ich frage mich, ob diejenigen, die im Moment am lautesten inmitten des Lärms institutioneller Selbstbeschäftigung mitgrölen dann mit offenem Mund dasitzen, weil aus dieser Stille heraus wirklich etwas Neues entsteht? Ob sie sich wohl ungläubig die Augen reiben, weil am Ende aller schmerzhaften Veränderungsprozesse wirklich eine Kirche entsteht, die zwar kleiner und anders ist als wir sie kennen, aber dennoch vital und in einer Weise relevant, wie wir es uns jetzt noch nicht vorstellen können...?

Ich bin keine Traumtänzerin. Vieles wird zunehmend weniger möglich durch schwindende finanzielle Möglichkeiten. Die Lage wird angespannt sein durch das Rangeln um diese Ressourcen. Trotzdem bin ich tief überzeugt davon, dass in all diesen Veränderungsprozessen auch Energien frei werden, die uns zu neuen Ufern führen werden. Ich bin sicher, dass weniger Institution und mehr Bewegung die Kirche in einer Weise über ihre eigenen Grenzen führen wird, wie es jetzt noch niemand ahnen kann.

In einer Viertelstunde bin ich mit Patrick verabredet. Was mich genau erwartet, weiß ich nicht. Ich weiß, dass ich Pommes essen und eine ganze Weile still sein werde und zuhören. Gespannt zuhören, was das wohl für ein Vorhaben ist, bei dem sie meinen, man könnte irgendwie auch eine Pfarrerin ins Boot holen. Und wer weiß. Wenn die letzte Pommes gegessen ist, vielleicht liegt dann eine leise Ahnung der Kirche von Morgen auf dem Teller.

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