Von Herzen

Großer Zapfenstreich für Angela Merkel
Großer Zapfenstreich für Angela Merkel
Foto: Bundeswehr/Wilke

Der Große Zapfenstreich für Angela Merkel war noch ein wenig mehr als sonst auch von christlicher Tradition geprägt. Schließlich hatte sich die scheidende Bundeskanzlerin als eines der Lieder zum Abschied "Großer Gott, wir loben dich“ gewünscht. Und tatsächlich passt dieses Lied auch und gerade in die von Corona geprägte Gegenwart, meint Roger Töpelmann. Er hat die Zeremonie beobachtet.

Die Temperatur lag bei winterlichen minus ein Grad auf dem Paradeplatz des Bundesverteidigungsministeriums im Bendlerblock in Berlin, als Angela Merkel vor die etwa 200 Gäste des Großen Zapfenstreichs trat und eine 7-minütige Rede hielt. Die Bundeskanzlerin hatte sich ausbedungen vor der militärischen Zeremonie reden zu dürfen. Nur Helmut Kohl hat das vor ihr getan. Bundespräsident und Bundestagspräsidentin begrüßte sie schlicht mit ihren Amtsbezeichnungen, dann die Exzellenzen, Damen und Herren. Mit den „lieben Bürgerinnen und Mitbürgern“ konnte sie nur die Fernsehzuschauer meinen, denn volle Öffentlichkeit war angesichts der Corona-Beschränkungen nicht hergestellt. Im Gegenteil: Akkreditierte Medienvertreter waren wieder ausgeladen worden.

Sie empfinde vor allem Dankbarkeit und Demut, sagte Merkel. „Demut vor dem Amt, das ich so lange ausüben durfte und Dankbarkeit für das Vertrauen das ich erfahren durfte. Vertrauen, dessen war ich mir immer bewusst, ist das wichtigste Kapital in der Politik.“ Sie danke dafür. Sie möchte jetzt besonders an die denken, die sich zeitgleich mit all ihrer Kraft der vierten Welle der Pandemie entgegenstemmen, Ihnen allen gebührten höchste Anerkennung. Nach 16 Jahren dürfe sie sich heute verabschieden. Sie warnte dann, dass auch in der Demokratie überall da, wo wissenschaftliche Erkenntnisse und Fakten geleugnet würden und Verschwörungstheorien und Hetze verbreitet werden Widerspruch gefordert sei. Toleranz müsse eine Grenze finden. Klar benannte sie drei aktuelle Herausforderungen der Gegenwart: Klimawandel, Digitalisierung, Flucht und Migration. Zur Bewältigung wünschte sie dem neuen Bundeskanzler Olaf Scholz und seiner Regierung alles Gute. Sie wolle dazu ermutigen, die Welt immer auch mit den Augen des Anderen zu sehen. Wichtig sei, sich mit „Fröhlichkeit im Herzen an die Arbeit“ zu machen. „So jedenfalls, habe ich es immer für mich gehalten, in meinem Leben in der DDR und erst recht umso mehr unter den Bedingungen der Freiheit.“ Das wünsche sie für die Zukunft allen und im übertragenen Sinn unserem Land, schloss sie. „Ich danke Ihnen von Herzen.“

Dann begann der Einzug der Soldatinnen und Soldaten des Musikkorps der Bundeswehr Berlin und der Fackelträger. Der Zapfenstreich mit dem „York‘schen Marsch“ von Ludwig van Beethoven aus dem Jahr 1808 klingt übrigens gar nicht so militärisch streng. Die Flöten- und Schellenbaumtöne kommen eher beschwingt daher.

Geschmackvoll und angemessen

Jetzt folgten schon die in allen Medien höchst beachteten, von Merkel selbst ausgewählten Musikstücke einer Serenade: Ihre Auswahl galt als geschmackvoll und dem Anlass angemessen. Allerdings gaben die Militärmusiker unter der Leitung von Oberstleutnant Reinhard Kiauka - er tritt mit den Bundeswehrmusikern auf Einladung der evangelischen Militärseelsorge immer wieder im Berliner Dom auf - zuerst das am schwierigsten zu spielende Stück zum Besten: Nina Hagens „Du hast den Farbfilm vergessen“, ein Song aus dem Jahr 1974 über Hagens unseligen Ausflug zur Ostseeinsel Hiddensee. Er endet mit: „Du hast den Farbfilm vergessen bei meiner Seel‘, alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr.“ Der Text von Hildegard Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ erzählt bekanntlich von Wundern, denen jeder Mensch begegnet und vom Wunsch sich immer wieder fern vom alten neu zu entfalten. Eine Hoffnung, die viele der Kanzlerin sicher für ihre Zukunft wünschen.

Dann intonierten die Musiker, deren Atem man jedenfalls im Licht der Scheinwerfer sehen konnte, das Kirchenlied „Großer Gott, wir loben dich“ aus dem Evangelisches Gesangbuch No. 331 und dem Katholischen Gotteslob No. 380. Der Texter Ignaz Franz wurde 1719 in Protzau geboren, arbeitete als katholischer Priester in Glogau und Schlawa (Schlesien), wurde Rektor des Priesterseminars in Breslau und bekannte sich zum Geist der Aufklärung. Der Text geht zurück auf das „Te Deuum Laudamus“ aus dem 4. Jahrhundert und seine Melodien entstanden über drei Jahrhunderte in Lüneburg, Wien und Leipzig. Im Text des ökumenischen Kirchenliedes werden die Stärke Gottes und die Bewunderung seiner Werke besungen. Lesende erfahren, dass Gott Zebaoth ein „starker Helfer in der Not“ ist und über „Himmelsheere“ herrscht. Eine heute verblasste militärische Vorstellung, die davon ausgeht, dass auch Soldatinnen und Soldaten dereinst noch eine wichtige Rolle spielen. Vielleicht hat sich Merkel aber auch bei ihren Auswahl an die Strophen 9 und 11 orientiert, in denen heißt es: „Sieh dein Volk in Gnaden an… führe es durch diese Zeit, nimm es auf in Ewigkeit.“ In die Corona-Gegenwart passend ist in jedem Fall der Schluss: „Lass uns deine Güte schauen…Auf dich hoffen wir allein, laß uns nicht verloren sein.“

An Merkels Rede konnten die Gäste sehen, dass auch kurze Ansprachen großes Gewicht haben können.

Mit den Augen der Anderen

Nun gab es einen Wechsel: Merkel musste die Zeremonie nicht stehend verfolgen, sondern nahm mit der Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und dem Generalinspekteur der Bundeswehr Eberhard Zorn auf schwarzen Lederstühlen Platz. Der Kommandeur des Wachbataillons, Oberstleutnant i.G. Kai Beinke meldete: „Ich melde: Großer Zapfenstreich zu Ihren Ehren angetreten.“ Offensichtlich wurde der Akt mit der Übergabe einer Urkunde des Wachbataillons dazu noch unterstrichen. Merkel nahm sie unbewegt entgegen. Mit einem hoch geschlossenen schwarzen Mantel ohne Schal, aber mit schwarzen Lederhandschuhen verfolgte die Kanzlerin den Ablauf.

Das Protokoll des Zapfenstreiches schreibt vor, dass die Soldaten und Soldatinnen der Ehrenformation mit schwarzem Helm antreten, den sie beim Befehl „Helm ab zum Gebet“ vom Kopf und vor die Brust nehmen. Dann erklingt das Lied „Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart.“ Das fromme Lied Pietisten Gerhard Tersteegen aus dem Jahr 1750 hat etwas Ergreifendes und wird oft bei Trauungen gewünscht. In das militärische Ritual gelangte es während der napoleonischen Befreiungskriege 1813. Zu diesem Teil des Zapfenstreichs haben sich alle von ihren Plätzen erhoben. Merkel schlägt andächtig die Augen nieder.

Auf Facebook war denn auch gleich Kritik zu lesen. Das Ganze sei ein Mummenschanz und purer Anachronismus. Auch da lässt sich mit Merkel antworten: Die Welt mit den Augen des Anderen sehen. Die Macht der Liebe ist kein Exklusivanspruch des Christentums.

Nachdem der Befehl „Helm auf“ gegeben ist, erklingt die Nationalhymne und danach meldet Beinke das Ende des Großen Zapfenstreichs. Es folgt unter Trommelwirbel der Ausmarsch, den nun auch Angela Merkel antreten muss. Von den Feldjägern in einer schwarzen Limousine abgeholt winkt sie - und sie lächelt tatsächlich: Alles gut gemacht, Frau Bundeskanzlerin.

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Roger Töpelmann

Dr. Roger Töpelmann ist Pfarrer i.R. Er war bis 2020 u.a. Pressesprecher des Evangelischen Militärbischofs in Berlin.


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