Bach fürs Leben

Daniil Trifonovs Familienalbum

Wenn einer der aktuell weltbesten Pianisten ein Doppelalbum mit Musik von Bach herausbringt, möchte man gerne glauben, dass der Albumtitel Bach: The Art of Life (Die Kunst des Lebens) nicht nur ein Marketing-Gag des Labels ist, sondern dass es Daniil Trifonov wirklich darum zu tun ist. Interessant ist das Konzept auf jeden Fall, denn der 1991 geborene russischstämmige Pianist wählt den Anmarsch in der ersten CD zum Gipfel Johann Sebastian über die Familie Bach – nicht die Vorfahren, von denen es keine nennenswerte Klavierliteratur gibt, sondern die Nachfahren in Gestalt seiner vier komponierenden Söhne.

So lernen wir zunächst viel wenig Bekanntes kennen und lieben. Denn wer ist schon mit der Polonaise No. 8 in e-Moll von Bachs Ältesten Friedemann vertraut, eine elegisch-klare, feinsinnige Klage, an die sich das pfiffig-virtuose und variantenreiche Rondo c-Moll des Zweitältesten Carl Philipp Emanuel, dem „Hamburger Bach“, anschließt? Beides so delikat, feinsinnig und virtuos-perlend von Trifonov gespielt, dass man zu ahnen beginnt, warum Bach-Vater bereits in seinen letzten Lebensjahrzehnten etwas aus der Mode geraten schien. Und dann … ist das etwa Mozart? Nein, auch der dritte komponierende Bachsohn Johann Christoph Friedrich, der „Bückeburger Bach“, hat Variationen über das im 18. Jahrhundert beliebte Lied „Ah! vous dirai-je, Maman“ geschrieben. Die Melodie ist in Deutschland als „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ bekannt und natürlich Mozarts zwölf Variationen in C-Dur darüber. Johann Christoph Friedrich hat gar 18 hinreißende Miniaturen geschrieben, und Trifonov spielt sie uns alle. Klasse!

Dann aber kommt Er, „der“ Bach, dann kommt Johann Sebastian. Erst auf leisen Sohlen mit Klavierstücken aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach, der Übergang vom Stil der Söhne geschieht fast unmerklich und mündet dann in der Übertragung der d-Moll-Partita von Johannes Brahms – ein Hammer und ein Höhepunkt, bevor es dann mit langen Ausschnitten aus der Kunst der Fuge (BWV 1080) ans Eingemachte geht. Ganz am Schluss dann wie ein erlöstes Dankgebet ein Evergreen: „Jesus bleibet meine Freude“ in der berühmten Transkription von Myra Hess (1890 – 1965). Herrlich!

Wird das der Hit unterm Weihnachtsbaum werden? Ganz gewiss, denn Trifonov zieht alle Register, und es sind Register, die nicht oberflächlich glänzen, sondern – ja, es klingt kitschig – von innen leuchten. Wie schrieb bereits 2014 der bekannte britische Musikjournalist Norman Lebrecht über den jungen und schon damals großen Klavierkünstler Daniil Trifonov? Er sei „ein Pianist für den Rest unseres Lebens“. Nach diesem Hörerlebnis können wir nur sagen: So soll es sein.

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