Von grünen Nullen und Loops

Ein Blick in aktuelle Klimabücher
Bücher nach der Flutkatastrophe in der Eifel im Sommer 2021.
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Bücher nach der Flutkatastrophe in der Eifel im Sommer 2021.

Klimaschutz ist neben Corona das globale Megathema der Stunde. Auch in diesem Herbst sind zahlreiche Bücher dazu erschienen. Stephan Kosch stellt drei von ihnen vor.

Dass der Klimawandel auch in Deutschland zu tiefgreifenden Veränderungen führen wird, ist spätestens seit den Flutkatastrophen des Sommers mehr als deutlich geworden. Was genau auf uns zukommt, haben Nick Reimer und Toralf Staudt in ihrem mittlerweile zum Bestseller avancierten Buch „Deutschland 2050“ beschrieben, das schon in zz 7/21 besprochen wurde. Dennoch soll es zu Beginn dieses Textes über neue Klimabücher nochmal ausdrücklich zur Lektüre empfohlen werden, zumal es jetzt auch als Hörbuch vorliegt. Wer wissen will, wie es wird, sollte sich hier hörend und lesend informieren. Staudt und Reimer arbeiten seit Jahrzehnten als Journalisten in diesem Themenfeld und kennen sich aus.

So auch Bernhard Pötter, wie Reimer langjähriger taz-Redakteur, der seit 30 Jahren für diese und andere Zeitungen über den Klimawandel schreibt und zwei Bücher zum Thema veröffentlicht hat. Jetzt ist das dritte, „Die grüne Null“, erschienen, das ebenfalls Deutschland im Fokus hat. Aber anders als Staudt und Reimer fragt Pötter nach den aktuellen Lösungsansätzen und beschreibt den „Kampf um Deutschlands Zukunft ohne Kohle, Öl und Gas.“ Dabei nutzt er souverän den journalistischen Werkzeugkasten, nimmt durch Reportage-Elemente den Leser mit an die Hochöfen von ThyssenKrupp in Duisburg, wo demnächst mit Wasserstoff statt mit Kohle Stahl kochen sollen. Oder ins VW-Werk in Zwickau, wo die Elektro-Autos vom Band laufen. Er besucht Naturschützer, die sich gegen den Bau von Windrädern engagieren, Landwirte, die sich auf das veränderte Klima einstellen müssen und natürlich immer wieder Politiker, die den politischen Rahmen setzen, in dem Deutschland klimaneutral werden, also die „Grüne Null“ beim Ausstoß von Treibhausgasen erreichen soll.

Dabei bleibt Pötter wohltuend differenzierend, spart nicht an Zahlen und Studien (da wäre weniger manchmal mehr gewesen), vermeidet schlichtes Bashing „der“ Wirtschaft oder „der“ Politik, ohne seine Haltung zu verheimlichen. Und am Ende dieser Vermessung Deutschlands ist klar: Der Weg zur grünen Null gleicht einem Marathon und braucht einen langen Atem. Wer sich einen fundierten Überblick über die Herausforderungen der kommenden Jahre machen will und Spaß an den taz-typischen Sprachspielen und den Comics von „Tom“ hat, die viele Kapitel eröffnen, wird mit diesem Buch die richtige Lektüre finden.

Doch es gibt ja auch die, die lieber auf den journalistischen Guide verzichten und direkt Texte von den Menschen im Maschinenraum der großen Transformation lesen wollen. Wobei Maschinenraum natürlich auch und gerade die Teppichetagen der deutschen Wirtschaft, die Labore in den Universitäten und die Serverräume der IT-Spezialisten mitmeint. Und manchmal auch den Fußballplatz. „Deutschlands neue Agenda“ lässt sie zu Wort kommen, die IT-Experten von Siemens, den Vorstand des Aluminiumkonzerns und den des Zementherstellers – beides sehr energieintensive Branchen, die bei vielen als Klimaverschmutzer oberster Kategorie gelten. Und die dennoch an Konzepten und Technologien arbeiten, mit denen sie ihre Unternehmen auch in die dekarbonisierte Wirtschaftswelt hinüber transformieren wollen. „Mehr als 50 namhafte CEOs, Wissenschaftler und Experten legen hier eine konkrete Roadmap für die Parlamente und Regierungen der nächsten Jahrzehnte vor“, heißt es im Ankündigungstext. „Die Politik erhält damit einen genauen Fahrplan, welche Voraussetzungen bis 2022, 2025, 2030 erfüllt sein müssen, damit die Unternehmen die bereits beschlossenen Klimaziele für 2045 wirklich erreichen können.“ Das klingt nun sehr nach einem Wunschzettel der Wirtschaft an die Politik und könnte auch als offensives und sehr selbstbewusstes Lobbying verstanden werden.

Ist es ja auch, zudem noch gesponsert von der Beratungsfirma Roland Berger, was dafür gesorgt hat, dass man alle Beiträge nicht nur in dem recht teuren Buch (78 Euro) lesen kann, sondern auch umsonst im Internet auf einer schmucken Website. Aber wer sich jetzt angewidert abwenden will, vergisst, dass Lobbying zur Demokratie gehört, wenn denn für Transparenz gesorgt ist. Das ist es in diesem Fall. Und ist es nicht völlig legitim, dass alle, die die große Transformation mitgestalten müssen auch erklären, was sie sich wünschen? Sie müssen ja nicht alles erfüllt bekommen.

Und außerdem verpassen die wirtschaftsfernen Puristen etwas. Zum Beispiel den sehr klugen Text von der Meeresforscherin Antje Boetius, dem Klimaökonomen Ottmar Edenhofer und dem Präsidenten des Umweltbundesamtes Dirk Messmer. Sie empfehlen der Politik für die kommenden zwei Legislaturperioden acht „Weichenstellungen“, mit denen der Zug Richtung Klimaneutralität gelenkt werden kann. Etwa eine globale Kooperation zwischen China, USA und der Europäischen Union. Da hätte man schon mal die Hälfte der globalen Emissionen im Verhandlungspaket, bei dem es um einen globalen Mindestpreis für CO2 gehen soll. Oder auch Naturschutz und Klimaschutz enger verzahnen, um die natürlichen Kohlenstoffsenken (Wälder, Moore, Meere) zu schützen und zu nutzen. Und: Starke politische Führung ist erforderlich. „Sucht man nach Analogien für eine solche Zeitenwende, könnte man nach dem Zweiten Weltkrieg an die Westbindung Konrad Adenauers und die Einführung der sozialen Marktwirtschaft denken, die für die spätere Ostpolitik von Willy Brandt ein entscheidendes Fundament war.“

Auch im Fußballstadion

Sehr lesenswert ist auch der Beitrag von Nico Briskorn, Nachhaltigkeitsexperte beim VfL Wolfsburg. Denn der Profifußball ist eine Branche mit immensem Klima-Fußabdruck. Zigtausende Fußballfans sind am Wochenende in den Stadien, die Vereine fliegen ihre Mannschaften zu Spielen quer durch Europa, die Fans hinterher. „Ein Champions-League-Endspiel zweier englischer Klubs in Portugal wie 2021 ist in Zukunft kaum vorstellbar.“ Das ist eine klare Ansage. Unter Briskorns Leitung hat der VfL Wolfsburg als weltweit erster Fußballklub 2012 einen GRI-zertifizierten Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht. Nun gehe es darum, Branchenstandards zu entwickeln und zu etablieren. Das Ziel schon für das kommende Jahr: ein Nachhaltigkeitsstandard, der sich an international anerkannten Rahmenwerken orientiert und zum Bestandteil der Lizenzierung der Klubs der Bundesliga und der 2. Bundesliga wird. Wer nach so viel Detailarbeit einen ganzheitlichen Ansatz sucht, vielleicht sogar nach so etwas wie Spiritualität, mag zu einem Buch greifen, das gleich zwei sehr prominente Autorennamen trägt: Greta Thunberg und der Dalai Lama. „Kreisläufe des Klimawandels“ heißt das Werk, das die Wirkung der Klima-Feedback-Loops beschreibt, die „die Welt zerstören oder retten werden.“ Was steckt dahinter? Es geht um die sich selbst verstärkenden Elemente des Klimawandels, ausgelöst durch zunehmende Erderwärmung, die dann die Erderwärmung noch verstärken, und die sogenannten „Kipppunkte“. Etwa der Permafrostboden, der auftaut und große Mengen des in ihm bislang gebundenen CO2 und Methan freisetzt. Oder der „Wald-Feedback-Loop“, bei dem die steigenden Temperaturen den Wald schädigen, der damit als Kohlenstoffsenke ausfällt, was den Klimawandel noch verstärkt. Das Problem: In all den Prognosen und Berechnungen seien diese Loops zu wenig berücksichtigt. Es kann also alles noch viel schlimmer werden, oder besser werden, wenn die Dynamik dieser Loops wieder Richtung Klimaschutz gedreht werden kann. Dazu müssen die Emissionen reduziert, die Abholzung gestoppt und mehr Grün auf die Welt gebracht werden.

Das ist dann nicht wirklich neu, und dennoch haben sich darüber der Dalai Lama und Greta Thunberg per Videokonferenz unterhalten und Wissenschaftler an dem Gespräch beteiligt. So steht es auch auf dem Titel des Buches, das aber eine Produktenttäuschung ist. Keine Transkription des Gespräches, dafür hier ein Statement des Dalai Lamas, da eines von Greta Thunberg, nochmal Auszüge aus Thunbergs Rede vor den UN 2019 („Wie könnt ihr es wagen!“) und die Erklärung der Klimaloops – das war es im Prinzip. Hinzu kommen noch einige wenige Seiten Dalai Lama, der zum Bäume pflanzen aufruft, und Greta Thunberg, die uns auffordert, uns in Klimafragen zu bilden. Und dann zum Schluss von den Herausgebern Susann Bauer-Wu und Thupten Jinpa nochmal ein paar konkrete Tipps: meditieren, beten, eine Verbindung mit der Natur entfachen, einen Garten anlegen, Erneuerbare Energien nutzen, weniger fliegen … die Liste ist lang, aber auch langweilig, wenn man nicht gerade totaler Anfänger in dem Thema ist. Aber wer ist das schon? Das Gespräch kann man auch auf Youtube sehen.

Allerdings: Die Frage nach der Verbindung von Spiritualität, gelebter Religion und dem Einsatz für Klimaschutz ist ja keine banale. Da gibt es, gerade auch im evangelischen Milieu, noch viel „Luft nach oben“. Aber wo ist es eigentlich, das theologische Buch der Stunde zum globalen Megathema neben Corona, das auf die Dramatik der Gegenwart reagiert und mit einer wie auch immer gearteten Klimatheologie das Thema durchdenkt? Habe ich da in diesem Bücherherbst etwas übersehen? Sachdienliche Hinweise gerne an kosch@zeitzeichen.net.

 

Literatur

Bernhard Pötter: Die Grüne Null – Der Kampf um Deutschlands Zukunft ohne Kohle, Öl und Gas. Piper Verlag, München 2021, 256 Seiten, Euro 20,–.

Veronika Grimm, Joachim Lang, Dirk Messner u. a. (Hg.): Deutschlands Neue Agenda: Die Transformation von Wirtschaft und Staat in eine klima­neutrale und digitale Gesellschaft. Econ Verlag, Berlin 2021, 420 Seiten, Euro 78,– (Alle Beiträge auch kostenlos unter www.deutschlands-neue-Agenda.de )

Dalai Lama, Greta Thunberg: Kreisläufe des Klimawandels: Wie Klima Feedback Loops die Welt zerstören oder retten werden. edition a, Wien 2021, 204 Seiten, Euro 22,–

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Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens.


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