Von Fischen und Vögeln

Gerinnt die Forderung „Raus aus der Bubble“ zu einer Floskel?
Foto: privat

Begegnet ein Fisch zwei anderen und fragt scherzhaft: „Na, wie ist das Wasser?“ Die beiden anderen runzeln die Stirn und fragen: „Was für Wasser?“ Damit ist der Kern der Bubble-Existenz erfasst: Wenn ich stets von Wasser umgeben bin und es für mich das Selbstverständlichste und Normalste der Welt ist, sodass ich nicht einmal einen Namen dafür habe, kann ich es nicht als das erkennen, was es ist: spezifisch und partikular.

Die Präses der EKD-Synode hat die Devise ausgegeben: Raus aus der Bubble! Ist das wirklich eine gute Idee? Zwar steht „Bubble“ oder „Blase“ für eine gewisse Abschottung, aber sie beinhaltet auch Verlässlichkeit, Vertrautes, Sicherheit und Vorhersehbarkeit. In der Blase bestätigen mir andere das Bild, das ich mir von mir selbst gemacht habe. Sie bestätigen mir meine unbedingte Zugehörigkeit, meinen „Stallgeruch“. Wenn eine Organisation wie die evangelische Kirche massiv in der öffentlichen Kritik steht, kann die Blase Schutz und Stärkung bedeuten. Allerdings: Eine Blasenexistenz birgt jedoch immer die Gefahr eines Tunnelblicks, der die Perspektive verengt und zuweilen auch verzerrt.Zu den kirchlichen Bubble-Produkten gehört beispielsweise der jüngst publizierte Grundlagentext der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD mit dem Titel „Vielfalt und Gemeinsinn“. Der Untertitel lautet: „Der Beitrag der evangelischen Kirche zu Freiheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt“. Er hätte auch lauten können: Wir sind Teil der Lösung. Die zentrale gesellschaftliche Herausforderung, so die Schrift, besteht in der Vermittlung zwischen Pluralität und Zusammenhalt, bei der beide Aspekte möglichst gleichgewichtig berücksichtigt werden können (12). Die Kirche – das wissen die Verfasser*innen – kann aus zwei Gründen einen Beitrag zu dieser Vermittlung leisten.

Erstens sei sie Abbild gesamtgesellschaftlicher Komplexitäten: „In der Vielfältigkeit und in der ganz unterschiedlichen Profilierung von Kirche spiegeln sich gesamtgesellschaftliche Komplexitäten wider (z.B. Familien-, Rollen- und Berufsbilder, migrationsbedingte Faktoren, sozioökonomische Faktoren, Lebenshaltungen etc.).“ (43f) Nur spiegeln sich beispielsweise migrationsbedingte Faktoren gerade nicht in der Kirche: 26% der Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund, in der evangelischen Kirche sind sie kaum zu finden. Soziologisch ist die evangelische Kirche eher von „Milieuverengung“ (Sinus-Milieus® Kirche) geprägt, d.h. sie besteht mehrheitlich aus Weißen, deutschen Cis-Mittelschichtsmitgliedern, also aus einem spezifischen, mehrfach privilegierten Segment der Bevölkerung, welches die gesellschaftliche Komplexität eben gerade nicht abbildet.

Anspruch auf Deutungshoheit

Der zweite Grund, warum die Kirche zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen könne, besteht (so die Schrift) in ihrer Kompetenz zu moderieren und zu helfen: Kirche kann „Aushandlungsprozesse moderieren helfen und öffentliche Räume bieten, in denen Individualität und Vielfalt auch gegenseitiges Verständnis und Gemeinsinn generieren. […] Sie kann helfen, konkrete Formen und Ausprägungen von Exklusion – etwa die Exklusion sozial, materiell und mental Benachteiligter – zu entdecken und zu beseitigen.“ (74) Bei der Zusammensetzung der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD hat das mit der Beseitigung von Exklusion allerdings nicht geklappt: Ihre Mitglieder gehören samt und sonders eben jener mehrfach privilegierten Gruppe an, die gewohnt ist, die Deutungshoheit für das Gesamte zu beanspruchen, und die gar nicht merkt, dass die Voraussetzung für die Fabrikation dieses Kirchenbilds die Exklusion minorisierter Stimmen ist. Damit bleibt alles beim Alten: Kirche ist vielleicht eine Kirche für Ausgeschlossene, aber nicht Kirche der Ausgeschlossenen.

Exklusion schließt Aneignung nicht aus. Zum Beispiel der Begriff „Othering“: Er ist Bestandteil Schwarzer Wissensproduktion und geht auf die afrikanisch-amerikanische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Toni Morrison zurück. „Othering“ bezeichnet den Prozess der gewaltsamen Herstellung der rassifizierten „Schwarzen“ aus einem von Weißen fabrizierten Gebräu von Andern und Begehren – „a dark brew of otherness and desire“ (aus: Playing in the Dark). Der Grundlagentext der Kammer der EKD definiert „Othering“ als eine „sich selbst vergewissernde[…] Abgrenzung von anderen“ (63). Einmal durch den weißen Wolf gedreht verschwindet die rassismus- und sexismuskritische Pointe, und zurück bleibt ein trivialer Allgemeinplatz.

Gerinnt also die Forderung „Raus aus der Bubble“ zu einer Floskel? Welcher Fisch fragt die anderen nach dem Zustand des Wassers? Dabei pfeifen es die Spatzen längst von den Dächern: Black Lives Matter! Ni una menos! Aber welcher Fisch hört schon auf einen Vogel?

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