Eine Frage des Stils

EKD-Präses und Kirchentagspräsident diskutieren über die Rolle der Kirche als Kitt der Gesellschaft
Podium mit Kirchentagspräsident Thomas de Maizière, Moderatorin Corinna Buschow und EKD-Präses Anna-Nicole Heinrich
Foto: Stephan Kosch
Podium mit Kirchentagspräsident Thomas de Maizière, Moderatorin Corinna Buschow (epd) und EKD-Präses Anna-Nicole Heinrich.

Was kann die evangelische Kirche tun, um den Gemeinsinn in der Gesellschaft wieder zu stärken? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein neuer Grundlagentext der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD. Die Antworten überzeugten Thomas de Maizière und Anna-Nicole Heinrich aber nicht ganz, wie am Mittwochabend deutlich wurde.

Der Zusammenhalt in der Gesellschaft bröckelt. Menschen aus unterschiedlichen Milieus, die sich trotz verschiedener Werte und Lebensstile früher immer noch an medialen Lagerfeuern, beim gemeinsamen Hobby im Verein oder gar im Gottesdienst zusammenkamen, haben sich in ihre weltanschaulichen Wagenburgen zurückgezogen. Die Digitalisierung sorgt nicht für mehr Austausch, sondern verstärkt durch die medialen Blasen den Trend. Und von der Hinwendung zum Nachbarn zu Beginn der Coronapandemie, die die Hoffnung auf mehr gesellschaftliches Miteinanders nährte, sind vor allem verhärtete Debatten über das Impfen oder das Tragen von Masken übriggeblieben. Der noch immer starke Rechtpopulismus, die aufgeregte Debatte über „Identitätspolitik“, die Mauer in den Köpfen in Ost und West und der Streit ums Gendern sind weitere Felder, auf denen sich gesellschaftliche Spaltung derzeit zeigt. Was kann die evangelische Kirche in so einer Situation beitragen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Mit dieser Frage hat sich die Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD in ihrem jetzt erschienenen Grundlagentext „Vielfalt und Gemeinsinn“ auseinandergesetzt. Dabei gehen die Brüche und Risse gehen ja auch durch die evangelische Kirche: Rettungsschiff und Genderstern bringen ja durchaus auch Protestant*innen immer wieder in Wallung. Und die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt. Dennoch: „Kirchen können Kitt der Gesellschaft sein“, meint der frühere Bundesminister und Präsident des kommenden Kirchentages in Nürnberg, Thomas de Maizière. Er diskutierte am Mittwochabend beim „Treffpunkt Gendarmenmarkt“ mit der Präses der EKD-Synode, Anna-Nicole Heinrich, über den Text.

Viel "Correctness"

Beide sahen diesen allerdings kritisch. Thomas de Maizière lobte zwar die gute theologische Reflexion, „aber für das was, was für unsere Gesellschaft daraus folgt, habe ich wenig gefunden.“ Früher wäre die Gesellschaft der Adressat solcher Schriften gewesen, dies sei nun einen „binnenorientiertes Papier“. Heinrich gab ihm recht und verwies darauf, dass viel „Correctness“ in dem Papier stehe, aber die Übersetzung für die fehle, die nicht aus einer christlichen Sozialisation kommen.

Aber was steht in dem Text? Der Kammervorsitzende Reiner Anselm, Professor für Systematische Theologie und Ethik in München, fasste die Kerngedanken vorab zusammen. Der Beitrag des Christentums zum gesellschaftlichen Zusammenhalt liege weniger in bestimmten inhaltlichen Positionierungen, sondern in einer Haltung, die durch den „Gottesdienst“ als sonntägliches Ritual aber auch und gerade als Lebenshaltung geprägt sei: Den anderen als Mitgeschöpf in seiner Ebenbildlichkeit Gottes zu sehen; das harmonische Miteinander aller unter den Bedingungen der irdischen Welt aber nicht als realisierbares Ziel vor Augen haben, sondern als Orientierungspunkt am Horizont. „Das Paradies auf Erden proben, nur proben“, beschrieb Anselm das Ziel. Dieser „Stil“ sei einübbar, etwa in kirchlicher Bildungsarbeit, in der Diakonie und dem Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit. Anhand von diesen drei Handlungsfeldern konkretisiert der Grundlagentext das Wirken, das der beschriebenen Haltung entspringt.

Position oder Stil?

De Maizière betonte ebenfalls, dass Kirche ein gutes Beispiel dafür geben könne, in einer versöhnenden statt spalterischen Art miteinander umzugehen. Aber wer genau handelt in der Gesellschaft mit wem etwas aus? Was ist Gemeinsinn? Und wo liegen die Grenzen, etwa im Falle von Diskriminierung? Hier sei das Papier zu unkonkret, kritisierte den Kirchentagspräsident. Und Heinrich bestätigte zwar die prägende Erfahrung eines Abschlussgottesdienstes nach einer Synode, bei dem ein gemeinsames Abendmahl trotz erbitterten Streits in den Tagen zuvor wieder das Verbindende zum Ausdruck gebracht habe. „Aber das funktioniert nur für die, die hardcore in der Bubble sind.“

Auf diese Kritik ging Anselm ein und attestierte den Podiumsteilnehmern einen „Drang, über andere zu sprechen.“ Wäre es nicht angebracht, sich erstmal an die eigene Bubble zu richten? Die Frage laute, ob das Christentum eine Position sei oder ein Stil. Und an der Beantwortung der Frage hängt für ihn offenbar auch die gesellschaftliche Bedeutung, die auch eine kleiner werdende Kirche hat. „Es sind noch genügend Christinnen und Christen, um stilbildend zu wirken.“

Der Grundlagentext „Vielfalt und Gemeinsinn“ kann unter https://www.ekd.de/vielfalt-und-gemeinsinn-beitrag-der-evangelischen-kirche-68245.htm kostenlos heruntergeladen oder bestellt werden im Buchhandel oder bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig.

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