Wortbildgewaltig

Schorlemmer im Dialog

"Klar sehend und doch hoffend“, so hat sich Friedrich Schorlemmer (geboren 1944) in seiner politischen Autobiografie 2012 selbst beschrieben. So begegnet der Theologe und Bürgerrechtler auch in dieser Gesprächs-Collage. Dieser Band, in dem Sequenzen aus Unterhaltungen mit dem Journalisten Hans-Dieter Schütt zusammengestellt sind, lässt die Lesenden Anteil nehmen am mitreißenden „Deutungsrausch“ (Schütt), in den ein Gespräch mit Schorlem­mer über Gott und die Welt unweigerlich mündet. Es liegt ein „Essay zu zweit“ (Schütt) vor, welcher die persönliche Auseinandersetzung mit den Dingen spiegelt, zu der Schorlemmer sich selbst, seinen Gesprächspartner und mit ihm die Lesenden so unablässig wie inständig drängt. Denn die Dinge dulden ihm keinen Aufschub.

Schütt nennt Schorlemmer einen „Samstagsautor(en)“, freilich keinen Wochenend- und Sonnenschein-Autoren, sondern einen, der zwischen Karfreitag und Ostern denke und schreibe: „in der Mitte zwischen Tragik und hymnischer Freude“. Das heißt, an dem krisenhaften Wendepunkt, „wo alles möglich ist an Gutem wie Verhängnisvollem“. Dabei zielt das Reflektieren Schorlemmers am Ende nicht auf die eine Antwort – wie viele Ideale sind schon gescheitert, wie vielen Irrtümern sind Menschen schon aufgesessen. Ihm geht es um die fortwährende Auseinandersetzung, das dauernde Suchen, das Öffnen und Durchschreiten von Denk- und vor allem: Empfindungsräumen. Es braucht den kühlen Kopf und das heiße Herz.

Schorlemmer bleibt freilich nicht ohne Entscheidung, ohne Aktivität. Schon das Sprechen ist ja eine Form des Handelns. Gleichwohl steht das eigene Wort in der Welt oft genug im Gegensatz zur praktischen Tat, besser: zum eigenen Handlungsvermögen. Schorlemmer ist sich dieses Gegensatzes bewusst und vertritt damit eine evangelische Haltung, die „mit dieser Differenz getrost leben (darf)“. Schorlemmer verkündigt keine billige Gnade: Es gilt die „Voraussetzung, dass ich nicht aufhöre, zu versuchen sie zu verringern“. Eine Utopie, sagt er, wird ja nicht dadurch entwertet, eine Hoffnung erweist sich nicht dadurch als trügerisch, dass Menschen sie nicht zur vollen Erfüllung bringen können. „Man kann die Welt sehr wohl auch mit einer Sehnsucht, die unerfüllt bleibt, bewohnbar halten.“ Sehnsucht und Hoffnung sind – wie die Poesie, die Schorlemmer so bedeutsam und auch in diesem Band dauernde Gesprächspartnerin ist – „vorwegnehmendes Wissen, das mit einer Ahnung beginnt“. Darum: „Gestatten wir doch dem Wort, edler zu sein als unsre Taten.“

Vielleicht haben Schorlemmers schöne Worte darum so etwas Inständiges und Drängendes. Luthers Apfelbäumchen will nicht nur gepflanzt, sondern auch begossen und gepflegt werden. Hoffnung darf nicht sich selbst überlassen werden. Denn die Welt ist änderbar – und auch die Menschen.

Bei aller Klarsicht auf die Begrenztheit des menschlichen Handlungsvermögens resigniert Schorlemmer nicht: „Wer anfängt zu handeln, stößt zugleich an die Grenzen des Machbaren“, aber „wer sich auf das Machbare beschränkt, verfehlt das Notwendige“. Notwendig ist, meint Schorlemmer heute, ein sozial-ökologisches Umdenken, das für die Gegenwärtigen vorausschauende Rücksichtnahme, und ja, auch Verzicht bedeutet – um der Zukünftigen willen. Doch wir Gierigen – wir sind „Teilhaber und Nutznießer einer satten Welt“ – kennen scheinbar nur die Gegenwart, den Zugriff, den Verzehr und den Verschleiß. Wir betreiben einen „evolutionären Ausverkauf“, der nicht wahrhaben will, dass das Unterlassen der „ökologischen Revolution“, die uns bevorsteht, dazu führt, dass „unseren Nachkommen gar nichts mehr bevorsteht“. Warum sollte erst die totale Katastrophe Belehrung sein? „Nicht: Nach-Sicht, sondern: Voraussicht“.

Schorlemmer wird nicht moralisch, er überhebt sich nicht, sagt nicht: ich und ihr. Er lebt ja selbst die „Dennoch-Existenz“ zwischen Hoffnung und defizitärer Erfüllung. Überhaupt durchweht das Dennoch des 73. Psalms Schorlemmers Denk- und Empfindungsraum, es bestimmt sein „Gottvertrauen“. So ist er davor bewahrt, über seinem Zorn die Güte zu vergessen oder in seiner Wut über offenbare, allzu gern übersehene Ungerechtigkeiten zu verbittern. „Ich lebe gerne in der Gegenwart. Gern und geplagt, vergnügt und verzweifelt, heiter und hundselend.“

Wie klarlegend in seinen Gedanken und wie betörend in seiner wortbildgewaltigen Sprachkraft, und ja, auch wie tröstlich in seiner Dennoch-Hoffnung, dass Friedrich Schorlemmer Lesenden Zutritt zu seinem Denk- und Empfindungsraum gewährt. Nach der Lektüre bewegen sie sich selbst auf weiterem Raum.

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Foto: privat

Dominik Weyl

Dominik Weyl war Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Zürich. Im September beginnt er das Vikariat in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.


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