Stoß in die Rippen

Sonntagspredigt

Die Gedanken zur Sonntagspredigt kommen diesmal von Jürgen Kaiser, Pfarrer in Stutgart.

Lust am Leben

20. Sonntag nach Trinitatis, 17. Oktober

Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen:
„Sie gefallen mir nicht“… Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat. (Prediger 12,1+7)

Der alttestamentliche „Prediger“ (Kohelet) spricht Klartext, das eigenartigste Buch der Bibel widerspricht allen Schönrednern und Marketingleuten. Für den Prediger ist das Leben „eitel“, nichtig und ein „Haschen nach Wind“ (Prediger 1.14). Und im 12. Kapitel beschreibt er das Alter. Der alte Mensch gleicht für ihn einem baufälligen Haus: Die zitternden Torwächter sind die Arme, die Müllerinnen, die nicht mehr mahlen, sind die Zähne, die finsteren Fens­ter die Augen und die geschlossenen Türen die Ohren.

„Alt werden ist nichts für Feiglinge“, meinte die US-Schauspielerin Mae West. Aber das hatte schon der Prediger gewusst. Und so appelliert er an die Jugend, ihre Lebenszeit zu genießen und zu nutzen und die Gaben, die Gott gegeben hat, einzusetzen.

Der Prediger denkt nicht negativ, sondern nur realistisch. Der schwäbische Pfarrer Christoph Blumhardt (1842 – 1919), der bei der württembergischen Landtagswahl 1900 zum Unwillen der Kirchenleitung für die SPD kandidierte und gewählt wurde, hat bekannt: „Christen sind Protestleute gegen den Tod.“ Und der Berner Dichterpfarrer Kurt Marti (1921 – 2017) griff diese Aussage in seinen „Leichenreden“ auf. Ja, Christen weigern sich zu glauben, dass mit dem Tod alles aus ist, dass der Tod das letzte Wort hat, dass er der Sieger ist. Auch wenn der alte Mensch wie ein baufälliges Haus wankt, glauben wir, dass wir in Gottes Hand sind, selbst im Tod.

Die pietistischen Väter in Württemberg formulierten einen Leitspruch, der sinngemäß heißt: „Man muss sich im Leben auf das ewige Leben ausrichten und im Beten auf den baldigen Tod!“ Und diese Lebensmaxime wurde von Generation zu Generation weitergegeben.

Der Prediger hätte dem nicht ganz zugestimmt. Vielmehr ermunterte er Menschen: „Geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dein Tun hat Gott schon längst gefallen“ (Prediger 9,7). Und interessanterweise ist dies keine Altersweisheit, sondern der Prediger hat diese Erkenntnis auch schon den Jungen zugetraut. Sonst hätte er sie ja nicht direkt angesprochen.

 

Hohe Kosten

21. Sonntag nach Trinitatis, 24. Oktober

Jesus sprach … Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. (Matthäus 10,34–36)

Gotteskrieger aufgepasst! Auf den ers­ten Blick scheint der Predigttext zwar geeignet für eine kämpferische Kirche, die endlich einmal gegenüber allen Andersgläubigen harte Kante zeigt. Aber so einfach ist das nicht. Denn wer mit dem Skalpell des Altphilologen an das Verb „bringen“ herangeht, entdeckt: Martin Luther und viele, die nach ihm kamen, haben es sich mit der Übersetzung etwas zu einfach gemacht. Denn der Wortsinn im Griechischen bedeutet auch „werfen“, „schleudern“ und „senden“. Alles denkbar. Und es ist schon ein Unterschied, ob ein Schwert zum Kampf benutzt oder zwischen Beziehungen geworfen wird. Dann tötet das Schwert nicht, sondern zerschneidet. So wie es Matthäus und seine judenchristliche Gemeinde erlebten. Zentraler Beziehungspunkt für Leben und Überleben des einzelnen Menschen war damals – stärker als heute – die Familie. Aber was passiert, wenn der Vater sich zum Tempel in Jerusalem bekennt oder gar mit den Pharisäern liebäugelt und seine Tochter Christin wird? Wenn die Mutter die jüdischen Speisegebote einhält, der Sohn aber sich zum Beispiel die Freiheit nimmt, Schweinefleisch zu essen? Solche gegensätzlichen Glaubensentscheidungen können familiäre Beziehungen wie ein scharfes Schwert zerschneiden. Und genau das passierte in den Gemeinden des Matthäus.

Jesus selbst hat es vorgemacht. Als Zwölfjähriger verschwindet er für drei Tage. Seine verzweifelten Eltern finden ihn im Tempel. Aber statt sich zu entschuldigen, weist er sie zurecht. Und als er später mit den Jüngerinnen und Jüngern unterwegs ist und einmal seine Mutter und die Geschwister trifft, will er von der Familie nichts wissen. Der später entstandene Marienkult hat dies ignoriert.

Jesus macht seinen Jüngerinnen und Jüngern in den Endzeitreden klar, um was es geht: Eine weichgespülte Nachfolge gibt es nicht. Jesus nachzufolgen, hat vielmehr Konsequenzen. Und die sind nicht immer schön, führen nicht zu Reichtum und Erfolg. Insofern war Jesus Materialist: Denn er hat immer ehrlich gesagt, was die Nachfolge kostet und – was sie einbringt.

 

Gefährliches Gut

Reformationsfest, 31. Oktober

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! (Galater 5,1)

Freiheit ist nur in Bindung möglich“, überschrieb die württembergische Landessynode einmal eine Resolution. Aber nach dieser Logik wäre man nur im Gefängnis wirklich frei. Die Freiheit ist ein gefährliches Gut. Der Mensch sehnt sich nach ihr – und fürchtet zugleich ihre Folgen. Dann schon lieber Gesetze und die damit verbundene Verlässlichkeit. So wurde auch in den Gemeinden von Galatien (in der heutigen Türkei) diskutiert. Für Christen, die von den Synagogengemeinden herkamen, war klar: Männer müssen beschnitten sein, erst dann können sie Christen werden. Für die griechischen Galater – einst ein keltischer Stamm (die Gallier lassen grüßen) – war das dagegen unakzeptabel: Wenn ich Christ werde, dann nur so wie ich bin, dazu muss ich nicht zuerst Jude werden. Die Diskussion darüber zerriss die Gemeinde. Paulus sprach ein Machtwort – und schuf einen der elementarsten Sätze für die protestantische Theo­logie. Dessen Bedeutung hat nach Paulus der Kirchenvater Augustinus erkannt, und dann erst wieder der Reformator Martin Luther. Aber beide haben die Freiheit der Getauften bald wieder eingehegt. Freiheit hält der Mensch offenbar schlecht aus. Mit dieser Erkenntnis könnte man dem römischen Teil der Kirche, der sich auf den „Synodalen Weg“ macht, zurufen: Traut Euch! Wenn Christus uns zur Freiheit befreit hat, dann auch die Frauen zum Priesteramt. Und den evangelischen Landeskirchen gilt die Aufforderung: Traut Euch! Wo wart Ihr denn in den Pflegeheimen, als die Politiker alles dicht machten und viele zusahen, wie die Sterbenden einsam starben. Keine einzige Idee für eine Alternative war von Euch zu hören. Dieses Versagen der evangelischen Christenheit in Deutschland muss noch aufgearbeitet werden. Oder das Schweigen vieler Frommer zu Schwulen und Lesben und sonstigen Minderheiten.

Wir feiern Reformationstag. Außer kirchlichen Kanzelrednern interessiert das in Deutschland leider nur noch wenige Menschen. Lassen wir doch mal wieder mit Paulus und Martin Luther auf gut Deutsch „die Sau raus“.

 

Tübinger Losung

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr, 7. November

Hilf uns, Gott, unser Heiland, und lass ab von deiner Ungnade über uns! Willst du denn ewiglich über uns zürnen und deinen Zorn walten lassen für und für? Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, auf dass sie nicht in Torheit geraten. Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserem Land Ehre wohne; dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen. (Psalm 85,5–6+9–11)

Großes Kino: Da durchlebt man über Stunden Liebe und Hass, Freundschaft und Demütigung, Verzweiflung und Rettung, und – man wartet, dass sich endlich das erlösende Happy End einstellt, zum Beispiel, indem sich die Hauptdarsteller küssen. So geschah es 1939 zwischen Clark Gable und Vivien Leigh in „Vom Winde verweht“ und 1997 zwischen Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in „Titanic“.

Was Höhen und Tiefen einer Beziehung ausmacht, erlebt auch Gott mit seinem Volk Israel. Er muss erfahren, dass seine Versprechungen, seine Liebe dem Volk egal sind. Und Gott regiert, wie das ein Mensch tun würde, er wird zornig. Ja, die Israeliten erfahren auch diese Seite Gottes. Und das Gejammer ist groß. Der Verfasser des 85. Psalms kann davon ein Lied singen. Und er tut es auch und besingt Gottes große Zusagen, seine Güte und Treue, Gerechtigkeit und Friede. Es ist mehr als bedauerlich, dass von diesem dreitausend Jahre alten Lied keine Noten überliefert sind. Den Sound hätte ich jedenfalls gerne gehört.

Der Psalmist singt ein Lied über den Zorn Gottes – und zugleich über die Zusagen Gottes an sein Volk, vermischt mit dem, was dieses ignoriert. Das Lied ist eine Erinnerung an das Volk und zugleich eine Erinnerung an Gott, der trotz allem verzeiht und seine Zusagen weiterhin gelten zu lässt. Mit der Hoffnung auf ein Happy End – denn Gerechtigkeit und Friede werden sich küssen.

Aber das ist etwas Anderes als Harmonie. Denn auf der Welt geht es nach dem Gesetz Darwins zu: Survival of the fittest, nur der Stärkere wird überleben. Nur wer Ellenbogen hat und diese einsetzt, kommt anscheinend weiter. Letztlich nur scheinbar. Ein Sozialdarwinismus hat jedenfalls mit Gottes Güte und Treue, Gerechtigkeit und Friede nichts zu tun.

Psalm 85 ist wie ein Rippenstoß zur Erinnerung. Christen sind nicht nur „Protestleute gegen den Tod“, wie wir oben festgestellt haben, sondern auch gegen die Ellenbogengesellschaften dieser Welt und gegen Ideologien, die diese politisch rechtfertigen oder gar religiös verbrämen. Das Ziel der Christen ist das Reich Gottes. Und an ihm sollen sie mitwirken. Nicht von ungefähr begrüßten und verabschiedeten Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Friedrich Schelling und Friedrich Hölderlin einander mit der Parole „Reich Gottes!“, als sie – in der Zeit der französischen Revolution – gemeinsam im Tübinger Stift wohnten und Theologie studierten. Und aus dem Sehnen nach dem Reich Gottes lebten sie. 

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