Zwischen Ich und Wir

Karl Tetzlaff promoviert über menschliche Grundverfasstheiten
Karl Tetzlaff
Foto: Rolf Zöllner

In seiner Doktorarbeit im Fach Systematische Theologie untersucht Karl Tetzlaff theologische und philosophische Perspektiven auf das spannungsvolle Verhältnis von Selbstsein und Anerkennung.

Aufgewachsen bin ich in einem vorpommerschen Pfarrhaus in der nördlichen Uckermark und auf Usedom, eine sehr entkirchlichte Gegend. So feierten in meiner Klasse von 30 Schülern nur drei ihre Konfirmation, alle anderen hatten Jugendweihe. Aber die Klassenlehrerin überreichte uns Konfirmierten auch eine Glückwunschkarte zur Jugendweihe. Irgendwie komisch, aber irgendwie auch typisch, sie rechnete eben gar nicht mehr damit, dass es etwas anderes als Jugendweihe gibt. Diese „Un-Selbstverständlichkeit“ des Christlichen hat sich mir nachhaltig eingeprägt.

Nach dem Abitur an der Landesschule Pforta in Sachsen-Anhalt wollte ich eigentlich Musik studieren, habe mich dann aber 2008 doch zum Theologiestudium in Berlin entschlossen. Hier wurde ich besonders durch Notger Slenczka, aber auch durch Ulrich Barth geprägt. Bei Slenczka lernte ich, dass man heute eben auch als Theologe von dieser völligen Un-Selbstverständlichkeit seines Gegenstands ausgehen muss. Man sollte Theologie so betreiben, dass die traditionellen Gehalte des Christentums an gegenwärtige Lebenserfahrungen anknüpfen und daraufhin zur Sprache gebracht werden, anstatt einen überkommenen Traditionsschatz unreflektiert vor sich herzutragen. Die Systematische Theologie war von Anfang an meine bevorzugte Disziplin, weil es darin meinem Eindruck nach „wirklich“ um Theologie ging.

Während des Studiums habe ich ein Semester in Prag verbracht. In Tschechien ist die Situation ja noch viel unkirchlicher als in Ostdeutschland mit etwa 1,5 Prozent Protestanten. Dann bin ich zum Examen nach Halle/Saale gegangen, weil sich das für Theologiestudierende der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland so gehört. Dort machte ich gleich am Anfang bei meinem späteren Doktorvater Jörg Dierken ein Seminar über den Theologen Falk Wagner (1939–1998), dessen das Thema „soziale Anerkennung“ fokussierende Theologie mich bereits in Berlin fasziniert hatte. Das Hallenser Seminar knüpfte da gut an, und durch Jörg Dierken kam zu meinen Berliner Prägungen noch eine spezifisch soziologische und sozialtheoretische Perspektive hinzu. Über Falk Wagner habe ich dann meine Diplomarbeit geschrieben. Bei ihm spielen das Verhältnis von Individualität und Sozialität und die religiösen Dimensionen in diesem Spannungsverhältnis eine sehr wichtige Rolle. Wagner plädiert angesichts des kirchlich-theologischen Relevanzverlusts für eine radikale Umformung des Christlichen. Diese zielt im Grunde genommen darauf, Gott als Inbegriff einer gelingenden Zwischenmenschlichkeit zur Sprache zu bringen.

Die Dissertation, in der ich diesen Faden wieder aufgenommen habe, musste dann ein paar Jahre warten. Ich war nämlich von 2016 bis 2018 hauptberuflich in verschiedenen Funktionen bei der Durchführung und Auswertung des Reformationsjubiläums in Mitteldeutschland tätig. Eine interessante und lehrreiche Zeit, aber so konnte ich erst 2017 das Exposé meiner Dissertation entwerfen, deren Text ich in diesem Jahr abgeschlossen habe. Sie trägt den Titel „Gott zwischen Ich und Wir. Theologisch-philosophische Erkundungsgänge im sozialen Spannungsfeld von Selbstsein und Anerkennung“.In der Arbeit geht es mir darum – wie der Titel sagt –, das spannungsvolle Verhältnis von Ich und Wir, beziehungsweise individuellem Selbstsein und sozialer Anerkennung zu erkunden. Spannungsvoll nimmt sich dieses Verhältnis aus, weil niemand allein das ist, was er aufgrund seiner Beziehungen zu anderen ist. Zwar wachsen alle Menschen in sozialen Verhältnissen auf und finden nur darin zu sich selbst. Darauf zielt der Begriff der Anerkennung: dass wir in unserem je eigenen Selbstsein stark dadurch bestimmt werden, wie Andere uns sehen und was sie uns zu sein zugestehen. Aber niemand kann vollends darüber verfügen, wie ich mich je individuell zu dem verhalte, was ich für Andere bin. Diese Dimension menschlichen Selbstseins entzieht sich prinzipiell dem sozialen Zugriff, dem Wir, woraus ebenso viel Gutes wie Böses entstehen kann.

Dem entspricht, theologisch gesagt, die unvertretbar individuelle Perspektive des Glaubens beziehungsweise des Gottesverhältnisses, wie ich im ersten Teil meiner Arbeit in Auseinandersetzung mit den Theologen Eberhard Jüngel (1934 – 2021), Falk Wagner und Traugott Koch (1937 – 2015) darlege. Dabei geht es zugleich darum, was es für das Leben in sozialen (Anerkennungs-)Beziehungen bedeutet, sich dieser „göttlichen“ Dimension je eigenen Selbstseins gewiss zu sein. Die drei genannten Autoren haben sich auf unterschiedliche Weise mit dem Begriff der Anerkennung und der mit diesem verbundenen Frage nach der Prägekraft des Sozialen für das Subjekt theologisch auseinandergesetzt.

Im zweiten Teil meiner Arbeit bringe ich das, was mir an ihren Perspektiven weiterführend erscheint, mit philosophischen und auch psychologischen Sichtweisen ins Gespräch. Besonders einflussreich ist gegenwärtig der Sozialphilosoph Axel Honneth (*1949), dessen Anerkennungstheorie allerdings nicht unumstritten ist. Der New Yorker Philosoph und Psychoanalytiker Joel Whitebook (*1947) hat ihm vorgeworfen, die vor- beziehungsweise außersoziale Dimension des Selbst zugunsten des Sozialen zu vernachlässigen, was theologisch zu unterstreichen ist. Die Debatte zwischen den beiden Denkern, in die ich unter anderem auch die ebenfalls „honnethkritischen“ Positionen Judith Butlers und Beate Rösslers hineinhole, steht im Zentrum des zweiten Teils meiner Arbeit.

Im Schlussteil werfe ich gegenwartsdiagnostische Schlaglichter auf das Verhältnis von Selbstsein und Anerkennung und bearbeite, ausgehend von literarischen Texten und soziologischen Theorien, aktuelle gesellschaftliche Phänomene wie das erschöpfte Selbst – Stichwort Burnout – , das weite Feld der Identitätspolitik, auf dem sich tendenziell das Partikulare auf Kosten des Allgemeinen profiliert, und betrachte die ambivalente Eigenart heutiger Liebesbeziehungen.

Aus den vielfältigen Ergebnissen ein knappes Fazit zu ziehen, ist natürlich schwer. Aber ein wesentlicher Aspekt meiner Arbeit ist im Blick auf den Einzelnen, dass eine christlich-religiöse Perspektive nur dann hilfreich ist, wenn sie mir erschließt, dass ich eben nicht nur das bin, was ich im Verhältnis zu anderen bin, sondern eben auch noch unabhängig davon etwas. Und mit Blick auf die Gemeinschaft gilt: Jedes Wir ist gebrochen durch die Perspektive des Ich. Gemeinschaft und Verbundenheit können nicht durch Zwang, durch Moralisieren und permanentes Fordern erzeugt werden, sondern bedürfen immer wirklicher und ehrlicher Auseinandersetzung mit dem Anderen. Das Bewusstsein auf diesen Feldern zu stärken und zu schärfen, das wäre aus meiner Sicht eine gerade gegenwärtig höchst wichtige Aufgabe christlich-religiöser Glaubenskommunikation. 

 

Aufgezeichnet von Reinhard Mawick
 

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