Lebendig und tätig

Wie Gottes Wirken in der Welt verstanden werden könnte
Jan Brueghel der Jüngere (1601 – 1678): „Gott erschafft Himmel und Erde“, undatiert.
Fotos: akg
Jan Brueghel der Jüngere (1601 – 1678): „Gott erschafft Himmel und Erde“, undatiert.

Wäre Gott nicht lebendig und tätig in der Welt und an uns Menschen, wäre er uninteressant für uns. Aber was tut Gott im Jetzt und Hier? Und ist er überhaupt ein personales Gegenüber? Der theologische Ausschuss der Union Evangelischer Kirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (UEK) hat in den vergangenen Jahren Antworten auf diese schwierigen Fragen gesucht. Ein Überblick des Theologen Michael Beintker.

Gott ist ein handelnder Gott. Die Texte der Bibel betrachten Gott als lebendiges, tätiges Gegenüber von Welt und Mensch. Verhielte es sich anders, wäre Gott uninteressant. Gott ruft die Welt und uns ins Dasein. Gott versöhnt sich mit uns in Jesus Christus. Gott schenkt uns die Teilhabe an seinem ewigen Reich. Das sind die herausragenden Wesenszüge seines Handelns. Sie bestimmen den Rhythmus des biblischen Gotteszeugnisses und den Aufbau des christlichen Glaubensbekenntnisses.

Aber was tut Gott jetzt, hier und heute? Die Schwierigkeiten beginnen an jenem Punkt, wo es um unsere konkrete Gegenwart geht. Im Lobgesang der Maria (Lukas 1,46–55) wird ganz selbstverständlich der Herr gepriesen, der große Dinge tut, Barmherzigkeit erweist und Gewalt übt „mit seinem Arm“ (Lukas 1,51). Später hat die Theologie erstaunlich unbefangen von der göttlichen Vorsehung und Providenz, von seiner gubernatio mundi, seiner Weltregierung zu reden gewusst.

Hier tun wir uns schwer. Das Kapitel „Providenz“ ist aus den meisten Lehrbüchern der Dogmatik verschwunden. Das Nachdenken über die Schöpfung und Gottes Gegenwart in der Schöpfung bricht in der Regel an dem Punkt ab, wo es um die Mühen der Ebene geht, die zu durchwandern auf jeden Fall nicht einfach ist. Stärker als je zuvor sieht sich der Glaube dem Eindruck ausgesetzt, dass die Rede vom Handeln Gottes ins Leere stößt, weil Gott nicht handelt und vielleicht nicht einmal handeln kann. Oder dass Gott nicht handelt, obwohl er eigentlich handeln könnte, dass er schweigt, sich abwendet und sich zurückzieht. Dieses Phänomen ist der Bibel von Anfang an vertraut, es wird nicht erst in der Gegenwart erfahren und erlitten. Es ist heute aber deutlich schwieriger, unbefangen vom Handeln oder eben auch unbefangen vom Nichthandeln Gottes zu reden oder sogar auch noch das Nichthandeln Gottes als eine Glaubenserfahrung zu artikulieren. Für viele Menschen ist Gott als handelndes, das heißt als initiativ und reaktiv interagierendes Gegenüber des Glaubens zu einer offenen Frage geworden. Für viele andere stellt sich angesichts der Übel in der Welt Gott selbst zur Disposition.

Gut, dass es das Gebet gibt. Denn das Gebet scheint solche Fraglichkeiten einfach außer Kraft zu setzen: Im Bittgebet wird Gott um etwas gebeten und damit als ein Gegenüber angerufen, das die Macht zum Handeln hat. Im Dankgebet werden bestimmte positive Erfahrungen als Handeln Gottes in konkreten Lebensvollzügen angesprochen. Und selbst im Klagegebet wird das Handeln Gottes vorausgesetzt. Die Psalmen widersetzen sich leidenschaftlich jeder Gottesvorstellung, die zur unpersönlichen Abstraktion neigt. Sie sperren sich gegen das heute verbreitete Grundgefühl der Abwesenheit Gottes. Gotteslethargie ist ihr Thema nicht. Gott handelt. Die Perspektive ist ja die des Gebets. Und das Gebet ist hier penetrant, es will, dass Gott handelt. Ist Gott ein personales Gegenüber? Und wenn ja, wie handelt er? Mit diesen beiden Fragen hat sich der theologische Ausschuss der UEK in den zurückliegenden anderthalb Jahrzehnten beschäftigt. Der ersten Frage galt das Votum Mit Gott reden – von Gott reden. Das Personsein des dreieinigen Gottes (Neukirchener Verlag 2011). Die zweite Frage wurde mit dem Votum „Das Handeln Gottes in der Erfahrung des Glaubens“ (Vandenhoeck & Ruprecht 2021) durchdacht. Die Bibel betrachtet die Wirklichkeit Gottes als die eines dem Menschen begegnenden Du. Hier steht viel auf dem Spiel: Kann man von Beziehungen zwischen Gott und Mensch sprechen, wenn wir Gott die Merkmale des Personseins absprechen? Wie kann Gott Mensch werden und uns in Jesus Christus begegnen? Wie kann er als ein in Freiheit handelnder Gott verstanden werden? Mit der Bejahung des Personseins Gottes ist bereits positiv über die Möglichkeit seines Handelns entschieden.

Freilich kann von Gott nicht so als Person geredet werden, dass wir die uns vertrauten anthropologischen Merkmale des Personseins einfach auf Gott übertragen. Unsere Vorstellungen vom Personsein sind von dem zu unterscheiden, was von Gottes Personsein auszusagen ist. Sie sind aber auch nicht so vom Personsein Gottes unterschieden, dass sie keinen Anhalt an Gottes Wirklichkeit haben. Zwischen ihnen und der Wirklichkeit Gottes besteht das Verhältnis einer Entsprechung. Die Theologie hat das mit dem Gedanken der Analogie auszudrücken versucht: Was wir von Gott als Person aussagen, ist dem Personsein seiner Wirklichkeit analog. Das heißt: Es ist ihm ähnlich, muss aber immer auch unter dem Vorbehalt der Unähnlichkeit betrachtet werden. Dabei darf man in einer am Kommen Gottes in Jesus Christus orientierten Perspektive davon ausgehen, dass die Ähnlichkeit immer noch größer ist als die Unähnlichkeit. Das Nachdenken über Gottes Personsein schärft das Problembewusstsein für den rechten Begriff des „Handelns“ Gottes: Auch das, was wir im Bereich der menschlichen Angelegenheiten „Handeln“ nennen, kann nicht unreflektiert auf das Handeln Gottes übertragen werden. Wenn Gott handelt, dann handelt er gewiss nicht wie jemand, der ein Zimmer aufräumt oder eine Zündkerze einschraubt. Welcher Handlungsbegriff und welches Verständnis vom Handeln der Wirklichkeit Gottes sind angemessen?

Schon im Blick auf das menschliche Handeln ist die Frage nach dem jeweils zugrundeliegenden Verständnis von Handeln nicht leicht zu beantworten. Ist jedes Wirken ein Handeln? Ist jedes Verhalten ein Handeln? Was unterscheidet das Verhalten vom Handeln? Und lässt sich unter Umständen sogar das Nicht-Handeln als Handeln auffassen? Was schon im Blick auf das menschliche Handeln nur scheinbar leicht zu beantworten ist, wird im Blick auf Gottes Handeln zu einer hochstufigen Herausforderung für das Nachdenken.

Wenn man Gemeindeglieder fragt, ob und wie sie in ihrem Leben mit der Wirklichkeit Gottes in Berührung gekommen sind (vergleiche Handeln Gottes, 103–108), beschreiben sie nach einigem Nachdenken meist Erlebnisse, die sich für ihr Leben als höchst bedeutsam erwiesen haben. Sobald freilich die Nähe zur Erfahrung mit Gott thematisiert wird, werden die Aussagen vorsichtiger, zögerlicher, fast ängstlich. Die Befragten werden sich des Wagnischarakters ihres Redens bewusst. Darin unterscheidet sich ihr Reden von den vollmundigen Identifikationen zwischen bestimmten historischen Ereignissen und dem Handeln Gottes, wie wir sie aus unserer jüngeren Geschichte kennen. Man kann die Frage nach dem Handeln Gottes mit einer Spurensuche vergleichen. Vom Handeln Gottes kann jedenfalls nicht verobjektivierend geredet werden, als handle es sich um ein für jedermann sichtbares Eingreifen Gottes in den Zusammenhang von Natur und Geschichte. Damit würde die Grundregel verletzt, dass erst der Glaube die Spuren des Handelns Gottes in der Welt zu entdecken vermag. Und: Es sind immer vermittelnde Instanzen, Medien, in, mit und unter denen sich Gottes Handeln vollzieht. Der Zugang über solche Medien ist indirekt. Die Rede vom Handeln Gottes ist „indirekte Mitteilung“ (Kierkegaard) und setzt den Blick des Glaubens auf die Wirklichkeit voraus.

Denken wir an das Dankgebet. In ihm kommen die unterschiedlichsten Erfahrungen in den Blick, die als Spuren des Handelns Gottes gedeutet und benannt werden. Das ist und bleibt immer ein Wagnis. Aber mit dem Wagnis wird die Vorstellung vom Handeln Gottes aus ihrer theologischen Abstraktheit herausgeführt und an unser alltägliches Leben zurückgebunden. Man kann den Modus der indirekten Rede recht gut am Vorgehen biblischer Texte studieren. Sie sind hier viel behutsamer und differenzierter, als man gerne vermutet. Auch sie unterscheiden zwischen unseren Vorstellungen vom menschlichen Handeln und dem Handeln Gottes. Die Bibel hat keinen allgemeinen Begriff für das Handeln Gottes. In der alttestamentlichen Überlieferung wird von Gottes Handeln in seinen konkreten Taten erzählt. Auch wenn die Texte dies anthropomorph, das heißt vermenschlichend tun, bedeutet dies nicht, dass die Erzähler „naive“ Vorstellungen von Gott und seinem Handeln gehabt hätten. In der Kombination von Begriffen und Metaphern entstehen Brechungen, die die jeweiligen Konkretionen von Aussagen und Bildern wieder verschwimmen lassen und so bewusst auf die Grenzen menschlicher Rede von Gottes Handeln verweisen (vergleiche Handeln Gottes, 7). Es entsteht dann immer eine Art „Unschärfebereich“, der letztlich das göttliche Handeln als Geheimnis markiert. Gott bedient sich bestimmter Mittlerfiguren; sein Handeln vergegenwärtigt sich etwa in der Kraft seines Geistes (ruach), in der Kraft des Segens und in den deutenden Worten von Engeln und Propheten.

Das Neue Testament denkt auf dieser Linie weiter. Hier sind es Jesus von Nazareth und dann auch die Apostel, hinter deren Worten und Taten das Handeln Gottes aufleuchtet. Es ist keine Frage, dass Gott handelt. Aber wie er handelt, bleibt immer wieder sein Geheimnis. Die Auferstehung Jesu gilt dem Neuen Testament als das entscheidende Handeln Gottes. Ausdrücklich wird gesagt: „Jesus ist (von Gott) auferweckt worden“ (Markus 16,6). Oder: „Gott hat ihn auferweckt von den Toten“ (Römer 10,9 und öfter). Und doch wird dieses Auferweckungshandeln Gottes als solches im Neuen Testament niemals „beschrieben“ oder „erzählt“, als wäre es ein womöglich von neutralen Zeugen beobachtbares Ereignis. Zugleich wird den Glaubenden die Einsicht erschlossen, dass Gott auch dort handelt, wo es nach menschlichen Maßstäben als unmöglich erscheint.

Metaphorische Rede

Mit der Charakterisierung der Rede vom Handeln Gottes als metaphorischer Rede wird der Wirklichkeitsgehalt dieser Rede bekräftigt. Der naheliegende Einwand, hier werde zu wenig gesagt, weil „nur“ in Metaphern gesprochen wird, geht an der Sache vorbei. „Nur Metaphern“ gibt es nicht. Alles menschliche Reden ist mehr oder weniger metaphorisch verfasst. Das gilt natürlich auch für die Rede vom menschlichen Handeln. Man denke nur an den Zusammenhang von Hand und Handeln. Recht verstanden (und recht gebraucht), erschließen Metaphern neue Aspekte der Wirklichkeit. Sie geben uns etwas zu sehen, was wir ohne sie nicht erkennen würden. Wenn wir von Gott sprechen, reden wir von einer Wirklichkeit, für die wir eigentlich keine Sprache haben. Wir reden vom Unanschaulichen mit den Mitteln des Anschaulichen, vom Ewigen mit den Mitteln des Zeitlichen. Wir können uns nur an der Sprache orientieren, die Gott uns selber schenkt. Das ist die Sprache des Glaubens, wie wir sie mit der Bibel erlernen. Die Metapher des Handelns hilft uns, das, was unsagbar und eigentlich auch gar nicht genau beschreibbar ist, auszusprechen. Sie erschließt uns einen Wirklichkeitsraum, den wir ohne sie nicht hätten. Gerade so führt sie uns in die Weite und Tiefe der Wirklichkeit Gottes.

Die Gewissheit, dass Gott handelt, wird immer wieder von der Ungewissheit der Anfechtung überlagert, dass Gott uns im Stich lässt und dem Unheil anscheinend nichts entgegensetzt. Krisen, Kriege, Katastrophen und Krankheiten stellen alles in Frage, was Menschen vom Handeln Gottes erhoffen: Segen, Frieden, Halt, Vertrauen und Geborgenheit in der Präsenz seiner Liebe. So ist auch seit Beginn der jüngsten Pandemie immer wieder die Frage aufgeworfen worden, ob und wie eine globale Seuche mit Gottes Handeln zusammenhänge. Die durch die Klimaveränderungen vorangetriebenen Feuersbrünste und Flutkatastrophen des Sommers 2021 haben diese Frage weiter zugespitzt.

Das Bemühen um eindeutige Antworten – entweder so, dass ein Strafen Gottes behauptet wird, oder so, dass man Gott zur Verteidigung seiner Liebe aus den Niederungen des Elends tunlichst heraushält –helfen nicht weiter. Weshalb lässt Gott uns leiden? Das ist eine Frage, die sich unseren Antwortversuchen entzieht; sie muss nichtwissend ausgehalten werden. Anderenfalls gerät man in das Fahrwasser der Freunde Hiobs, die sein Elend vergrößern, indem sie ihm die Ursachen seines Elends zu erklären suchen.

Die Allmacht Gottes ist missverstanden, wenn sie auf die Vorstellung einer alles und jedes unterschiedslos bewirkenden Allwirksamkeit zugespitzt wird. Den Unterschied zwischen Allmacht und Allwirksamkeit demonstriert Gott schon mit seinem Ruhen am siebten Schöpfungstag. Am Weg Jesu Christi ans Kreuz wird erkennbar, wie weit Gott sich zurücknehmen und aller Gewalt und Allmacht entäußern kann. An keinem Punkt kommt Gott unserem Elend näher als dort, wo er es in Christus am Kreuz auf sich nimmt und erleidet. Dieser Gott ist uns noch im finsteren Tal so nahe, dass wir (eigentlich) kein Elend fürchten müssen (vergleiche Psalm 23,4). Zu diesem Gott rufen wir „Erlöse uns von dem Bösen!“. Er wird uns erlösen, weil ihm das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit gehören, die er einmal mit uns teilen will. 

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Foto: Ingrid Beintker

Michael Beintker

Dr. Michael Beintker ist emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Universität Münster.


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