Fett, fromm und fröhlich

Warum die Kirche sich für die Dicken einsetzen sollte
Foto: privat

 „Man darf ja mittlerweile gar nichts mehr sagen“ stöhnen viele, weil überall die politische Korrektheit lauert und einem den Spaß verdirbt. Für Menschen, die sich in dieser Weise eingeschränkt fühlen, habe ich Neuigkeiten, denn es gibt eine Gruppe von Menschen, die nach Herzenslust und ungestraft diskriminiert werden darf: Dicke. Ein Beispiel: Sie besitzen ein Hotel und finden den Anblick von Dicken widerwärtig? Kein Problem. Verbieten Sie einfach Menschen mit einem Gewicht über 130 kg den Zutritt – mit Verweis auf Ihr filigranes Designermobiliar (so geschehen in Cuxhaven). Als diese Diskriminierung bekannt wurde, erfolgte kein Aufschrei in der Bevölkerung, es gab keine Demo und keine Campact-Unterschriftenaktion. „Fat-Shaming bleibt die am meisten verbreitete und sozial akzeptierte Form der Diskriminierung aufgrund von Aussehen", heißt es in einem Überblick über neue Bücher zur Fettleibigkeit in einem Heft des Times Literary Supplement (zitiert in der SZ).

Fat-Shaming hat unzählige Gesichter – von offenem Anstarren über „wohlmeinende“ Ratschläge zu Diätprogrammen bis hin zu unbändigem Hass. Fat-Aktivistin Magda Albrecht berichtet von offen diskriminierenden Kommentaren, wenn sie einen Raum betritt: „Guck mal, die deutschen Panzer rollen wieder!“ Grünen-Politikerin Ricarda Lang ist permanent Fat-Shaming ausgesetzt. „Pummelchen, zu dick, unattraktiv, abstoßend, fette Sau“ sind für sie beinahe alltägliche Beleidigungen. Befeuert wird diese Form von Gewalt von Fernsehserien, die genüsslich übergewichtige Körper fast nackt zur Schau stellen. Bei SAT1 läuft seit Jahren „The biggest Loser“, eine Show, die dicke Menschen durch ein radikales Diät- und Sportprogramm quält, und kein Mensch interessiert, wie sehr diese Tortur die Gesundheit der Teilnehmenden gefährdet. Dicke haben eben keine gesellschaftliche Lobby, keine politische Partei schreibt sich Fat Acceptance auf die Fahnen. 

Untergewichtiger Erlöser

Wäre das nicht eine Missio für die evangelische Kirche? Sie könnte sich zum Beispiel mit der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V. zusammentun und fordern, dass „Gewicht“ als Diskriminierungsmerkmal neben Geschlecht, zugeschriebener „Rasse“, Religion/Weltanschauung, Behinderung, Alter und sexueller Identität anerkannt wird. Die evangelische Kirche könnte sich für eine differenzierte Sicht auf Körperfülle einsetzen und darüber aufklären, dass Dicksein nicht gleichbedeutend ist mit Kranksein. Sie könnte deutlich machen, dass nicht hagerer Verzicht, sondern Sättigung in Gemeinschaft im Christentum eine zentrale Angelegenheit ist: Im Abendmahl werden Kohlehydrate und Alkohol geteilt, das wäre mal ein Ansatz für Body Positivity.

Allerdings spricht auch einiges dagegen: Der Durchschnittsgottesdienst reduziert das Mahl auf einen Diätsnack, ein gänzlich unsinnliches Unterfangen, das wenig geeignet scheint, dicke Menschen in ihrem Sosein zu bejahen. Der Blick auf unseren Erlöser hilft da auch nicht weiter: Glaubt man christlichen Darstellungen liegt Jesu Body Maß Index deutlich unter 18, und es ist, als höbe seine Nacktheit am Kreuz sein Untergewicht noch hervor. Bei Instagram hätte Jesus bestimmt allein aufgrund seiner Magerkeit jede Menge Follower, auch weil sie für Askese und geistliche Entschlackung steht.

Luther würde sich freuen

Der Blick auf die Kirchenleitenden macht es auch nicht besser: Bischöfinnen, Bischöfe, der Ratsvorsitzende, die Präses – alle schlank. Selbst das Kirchenvolk nimmt ab (zahlenmäßig meine ich), es wird immer weniger, eine Entwicklung, die ebenso beklagt wie akzeptiert wird. Infolgedessen müssen Mittel reduziert werden, der Ruf nach verschlankten Strukturen findet allenthalben Zustimmung. Fazit: Es sieht nicht gut aus für die Glaubwürdigkeit einer Allianz zwischen dem Kampf gegen Gewichtsdiskriminierung und der evangelischen Kirche.

Und doch… was wäre, wenn die Kirche nicht nur „die üblichen Verdächtigen“ adressierte, sondern unwahrscheinliche Bündnisse einginge, wenn sie einen Raum schaffen würde, in dem dicke Menschen sich wohl fühlten und Kraft tanken könnten. Das gäbe dann eine Strahlkraft der besonderen Art: Plus Size eben! Martin Luther würde, da bin ich sicher, bestimmt einen Humpen Bier darauf heben „auf dass wir essen, trinken und fröhlich sind“, auf dass wir eine schwungvolle Kirche werden – auf Englisch: a curvy church.

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