Wer Mode und Theologie zusammenbringt, ihre gegenseitige Auslegungsgeschichte beleuchtet und die unwahrscheinliche Allianz zweier Disziplinen auf ihre Schnittmenge und ihre reziproken hermeneutischen Potenziale hin befragt, beugt auf den ersten Blick zwei weit entfernt stehende Fichten. Zu groß ist der gegenseitige Vorbehalt: Vermeintliche Leibfeindlichkeit der Theologie trifft auf mutmaßliche Geistlosigkeit und teuflische Verführungskraft der Mode. Der amerikanische Theologe und Kulturwissenschaftler Robert Covolo wagt in seinem Buch Fashion Theology den Crossover und führt mit Angabe historischer Quellen den Beweis: Die ersten Kommentatoren, die das Themenfeld der Mode ernst nahmen, lange bevor es eine eigene Modetheorie gab, waren Theologen. Die Frage, wie sich der Mensch zu kleiden hat, reicht bis an die Anfänge christlich-theologischen Denkens zurück. Covolo geht in seiner Untersuchung dieser Geschichte bis in die Gegenwart nach und postuliert zum Ende „Fashion Theology“ im Sinne eines „theologizing the art of fashion“ als eigene Disziplin, die den gegenwärtigen Dialog zwischen Couture und sakralen Objekten in die Sphäre einer postmodernen Kunstform erhebt.

In einer ersten historischen Rückschau kommen Tertullians Abhandlung über Frauenkleidung und Augustins kulturelle Sensibilität in der Deutung von Kleidung als semiotischem System und Manifestation kultureller Bräuche zum Tragen als Ausdruck des postlapsarischen Zustands des Menschen. Das historisch folgende Auseinanderklaffen von geforderter Bescheidenheit weltlicher Kleidung bei gleichzeitigem Aufblühen geistlicher Gewänder, vorangetrieben durch den Wunsch nach Macht und Unterscheidbarkeit kirchlicher Autoritäten, wird ebenso ausgeleuchtet wie der reformatorische Zugriff auf Simplizität und ja, sogar genaue Reflexionen zu Farbkombinationen und Schnitten liturgischer wie säkularer Mode. Covolo richtet hier seinen Blick gezielt auf reformierte Theologie und schreitet die Entwicklung von Calvin über den niederländischen reformierten Theologen Abraham Kuyper bis hin zu Karl Barth ab. Dabei wird deutlich: Wenn auch nicht immer affirmativ aufgenommen, so wird Mode im Sinne von fashion, das heißt als zeitgemäß geltende Art, sich zu kleiden, von keinem dieser theologischen Denker als irrelevant angesehen, sondern ernst genommen als engagiert betriebene Subjektivität coram deo.In einem dritten und vierten Teil beleuchtet Covolo die Verwebungen von Theologie, öffentlichem Diskurs und Mode mit dem Fluchtpunkt einer „Fashion Theology“ als Disziplin, die das Ineinanderfließen von sakralen Objekten und Themenfeldern und Zeitstil, Look und Massengeschmack gekonnt zu kreieren und zu deuten versteht. Objekte der "Fashion Theology" sind damit Kleidungsstücke, die im Verständnis der/des Deutenden eine Sehnsucht nach Transzendierung der Wirklichkeit beschwören.Covolo liest christliche Denker als überraschend wichtige Akteure in der Entwicklung der Modetheorie. Den Sinn dessen, was wir tragen, herauszuschälen, in sakralen wie in säkularen Kontexten, war seit den Kirchenvätern eine sich durchziehende Randthematik christlicher Theologie. Covolo rückt diese Randthematik in den Mittelpunkt seiner Untersuchung und trägt der Tatsache Rechnung, dass Mode mehr ist als eine Art, sich zu kleiden. Sie ist eine Kunstform, deren theologische Implikate zu sehen Deutekraft erfordert und die zugleich als kultureller Ausdruck korrelativ theologisches Denken formieren kann. Robert Covolos Fashion Theology ist ein profunder Text für Liebhaberinnen und Liebhaber beider Disziplinen. Der Leserin erschließt sich neben einem neuen theologischen Themenfeld auch ein weiterer englischer Wortschatz aus dem Bereich der Schneiderkunst. Es lohnt sich.

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