Leuchtturm nachdenklichen Christentums

Einhundert Jahre Arbeit mit der Vielfalt weltanschaulicher Fragen
Gianlorenzo Bernini (1598 – 1680): „Die Zeit enthüllt die Wahrheit“, 1646.
Fotos: akg
Gianlorenzo Bernini (1598 – 1680): „Die Zeit enthüllt die Wahrheit“, 1646.

Im September 1921 wurde in Berlin die „Apologetische Centrale“ (AC) gegründet. Damit reagierte die Kirche auf die Umbrüche der Zeit. Martin Fritz, Wissenschaftlicher Referent an der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin, schildert die Entwicklungen der kirchlichen Apologetik seitdem.

Entkirchlichung, religiöse Pluralisierung und Säkularisierung bestimmten die Jahre der „Explosion der Moderne“ (Kurt Nowak) nach dem Ersten Weltkrieg. Nach der Trennung von Kirche und Staat 1919/20 kam es zur ersten großen Kirchenaustrittswelle. Jenseits der Großkirchen etablierten sich Freikirchen und neuchristliche Gemeinschaften. Daneben entstand ein buntes Panorama von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften: Monis­ten, Anthroposophen, Lebensreformer, Völkisch-Religiöse, Spiritisten.

In dieser Situation erwuchs im „Central-Ausschuss für die Innere Mission“ die Überzeugung, die evangelische Kirche müsse verstärkt „Apologetik“ (von altgriechisch apología; Verteidigungsrede, Rechenschaft) betreiben: die intellektuelle Rechenschaft des christlichen Glaubens in einem Umfeld christentumsfremden oder auch -feindlichen Geistes. Die dafür geschaffene „Centrale“ hatte aber nicht lange Bestand. Weil sich die AC bald auch gegen die nationalsozialistische Ideologie wandte, wurde sie 1937 von den Nazis verboten.

Als die AC 1960 als „Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ (EZW) neu gegründet wurde, übernahm sie auch den Grundauftrag der Apologetik. Wie schon die AC sollte und soll die EZW außerdem das kirchliche Kompetenzzentrum für religiös-weltanschauliche Gegenwartskunde sein. Um eine Auseinandersetzung führen zu können, muss man wissen, mit wem man es zu tun hat. Das unübersichtlich gewordene Feld von Gruppierungen und Strömungen muss überhaupt sondiert, dokumentiert und sortiert werden.

Neben der Wissensvermittlung durch Publizistik und Bildungsangebote ist der EZW aus der gegenwartskundlichen Expertise ein weiteres Tätigkeitsfeld erwachsen: die Bearbeitung von Anfragen zu bestimmten religiösen oder weltanschaulichen Gruppen oder Themen vonseiten verschiedenster kirchlicher, staatlicher und wissenschaftlicher Stellen, von Privatpersonen und nicht zuletzt von Journalisten. Durch die Beratung in Weltanschauungs- und „Sekten“-Problemfällen leistet die EZW einen wichtigen Dienst an Einzelpersonen, die – oftmals in privaten Krisensituationen – Orientierung auf dem verwirrenden „Weltanschauungsmarkt“ suchen. Sie wartet dabei mit einer besonderen Religionskompetenz auf, über die das Personal der staatlichen Beratungsstellen meist nicht verfügt. Zum anderen ist die EZW aufgrund ihrer bundesweiten Auskunftsarbeit (zusammen mit der Publizistik) ein bedeutsamer Akteur an der Schnittstelle von Kirche und Öffentlichkeit. Sie sorgt für öffentliche Sichtbarkeit und Hörbarkeit der evangelischen Kirche, weit über die Grenzen ihrer Binnendiskurse hinaus.

Gegenüber der AC hat sich aber auch ein neuer Aufgabenbereich etabliert: der Dialog mit einschlägigen Gruppierungen und Institutionen. Er dient zunächst der Gegenwartskunde: Mit wem man redet, den versteht man besser. Aber das ist nicht alles. In einem von Empathie geprägten Gespräch kann auch das Bewusstsein für die Grenzen und Schwächen der eigenen sowie für das Recht und den Wert der anderen Position wachsen. Im Ergebnis zielt der Dialog dann nicht mehr nur auf bessere Kenntnis, sondern auch auf die Förderung von Toleranz und respektvoller Konvivenz. Dies trifft jedenfalls unter der Voraussetzung zu, dass die religiös-weltanschauliche Pluralität als unveränderliches Faktum anerkannt wird. Allem Anschein nach hat sich an diesem Punkt zwischen AC und EZW ein Wandel vollzogen: Bei der EZW herrschte von Anfang an eine größere Akzeptanz gegenüber der modernen Situation. Unbeschadet der anderen Aspekte ist die „Kernaufgabe“ der EZW nach wie vor die Apologetik. Wie kann man ihr heute gerecht werden? Idealtypisch lassen sich zwei Arten des Engagements zur Selbstbehauptung des Christlichen unterscheiden, die das Feld möglicher Antworten abstecken.

Die Konfrontationsapologetik beurteilt das Andere unmittelbar anhand des Eigenen. Sie misst alternative Welt- und Lebensansichten am Maß der eigenen christlich-konfessionellen Tradition. Sie geht dabei von einem abgeschlossenen Kreis kirchlicher Lehren oder Wahrheiten aus, die von der Überlieferung her vorgegeben sind. Sie gelten in ihrer normativen Autorität als gesetzt und sind von der Apologetin entsprechend normativ zur Geltung zu bringen. Wir haben es hier gewissermaßen mit der „natürlichen“ Form von Apologetik zu tun. Denn sie kommt dem menschlichen Verlangen nach Bestätigung des Eigenen entgegen. Sie konvergiert mit der Tradition christlicher Offenbarungstheologie. Und sie verspricht einen unmittelbaren Identitätsgewinn: Die Abgrenzung bekräftigt wohltuend das eigene Sosein.

Allerdings hat dieser Gewinn einen Preis. Erstens wirkt der positive Effekt nur nach innen, nicht nach außen. Er wirkt nur dort, wo die eigenen Grundnormen, Schrift und Bekenntnis, grundsätzlich als solche akzeptiert sind. Außerhalb der Kirchenmauern wird die einfache Behauptung dieser Normen mit Schulterzucken quittiert. Die Rechenschaftsleistung der Konfrontationsapologetik ist also sehr begrenzt. Außerdem hat sie prinzipiell eine traditionalistische und antimodernistische Schlagseite. Sofern sie jede Abweichung des modernen „Zeitgeistes“ vom Traditionell-Christlichen als gegenchristlich verwirft, droht sie das Christentum vom Wahrheitsbewusstsein der Gegenwart zu isolieren. „Um der Macht des Zeitgeistes zu entrinnen, schließt sie nicht selten Bündnisse mit dem Zeitgeist von gestern“ (Reinhart Hummel) – und lässt das Christentum damit vielen als eine religiöse Option von gestern erscheinen. So verfehlt sie gerade das eigentliche apologetische Ziel.

Das Gegenkonzept kann Vermittlungsapologetik genannt werden. Sie bemüht sich um den Erweis der Anschlussfähigkeit des Christentums an die Gegenwart, ohne damit den Anschluss an die Tradition aufzugeben. Sie versucht, zwischen dem traditionellen Christentum und dem gegenwärtigen Wahrheitsbewusstsein zu vermitteln und damit seine Vertretbarkeit in Konkurrenz zu den alternativen Weltdeutungen zu erweisen. Daher versteht die Vermittlungsapologetin das Eigene nicht als unhinterfragbare Norm, sondern akzeptiert seine Infragestellung durch das Andere. Selbst zutiefst tangiert vom Geist der Gegenwart und von den anderen weltanschaulichen Optionen, empfindet sie selbst die Fragwürdigkeit des Eigenen und macht sich auf die Suche nach tragfähigen Antworten – für die anderen und für sich selbst. Dabei nimmt sie in Kauf, dass sie möglicherweise auch zu einer veränderten Auffassung des Eigenen kommt. Um die Auseinandersetzung sinnvoll führen zu können, begreift sie das Christentum nicht als unveränderlichen Kanon von Wahrheiten, sondern als geistige Größe, die sich in geschichtlich wandelbaren Formen verwirklicht. Sie geht davon aus, dass das „Wesen des Christentums“ – das, was am Christentum wesentlich und unverzichtbar ist im Gegensatz zu seinen veränderlichen Gestaltungen – in jeder Zeit neu ausgedrückt werden muss, auf dass es für die Zeitgenossen zugänglich bleibe.

Scheidung der Geister

Mit der flexibleren Auffassung des Christentums gewinnt dieser Ansatz erheblich an Dialog- und Pluralitätsfähigkeit. Aber auch dieser Gewinn hat seinen Preis: den Verlust an christlichem Profil. Jedenfalls ist das Profil nicht mehr so leicht zu erkennen und zu definieren. Anstatt ungebrochen eine überkommene Identität zu übernehmen, muss der Vermittlungstheologe am eigenen Herkommen laufend unterscheiden, welche Aspekte er in welcher Weise für wesentliche „Kernelemente“ und welche er für lediglich periphere Ausdrucksformen des Christlichen hält. Damit gerät er in unabschließbare Selbstverständigungsprozesse, die von außen als Ausdruck profilloser Beliebigkeit oder kraftloser Überreflektiertheit erscheinen können. Er steht in der Gefahr des Identitätsverlusts – womit das Verteidigungsziel der Apologetik ebenfalls verfehlt wäre.

Die beiden Idealtypen stecken das Feld apologetischer Positionen ab. Weder eine schroffe Konfrontationsapologetik noch eine entschiedene Vermittlungsapologetik wurde bei der EZW betrieben. Im Laufe der Jahre wurden verschiedene Zwischenstrategien verfolgt, stets geleitet von der Absicht, die Verfehlungen in der einen oder anderen Richtung zu vermeiden.

Konkrete Auseinandersetzung

Zur Charakterisierung des Auftrags der EZW ist eine weitere Unterscheidung erhellend. Friedrich Schleiermacher (1769-1834) zufolge kommt der Apologetik eine schlechthin grundlegende Rolle innerhalb der Theologie im Ganzen zu. Denn der Theologie obliegt die apologetische Generalaufgabe, eine gegenwärtig anschlussfähige Fassung des Wesentlich-Christlichen auszubilden, um einer traditionalistischen Fixierung und mithin dem Veralten des Christentums zu wehren.

Wozu braucht es dann aber noch eine „apologetische Zentrale“? Die akademische Theologie beschäftigt sich in ihrer Arbeit oftmals nur indirekt mit den geistigen Gegenwartsbedingungen und mit der religiös-weltanschaulichen Konkurrenz. Demgegenüber ist die kirchliche „Berufsapologetik“ viel stärker auf die direkte und konkrete Auseinandersetzung mit den Alternativen zum kirchlichen Christentum fokussiert. Sie arbeitet nicht an einer Gesamtperspektive, sondern an aktuell begegnenden Einzelphänomenen, -pro­blemen und -kontroversen. Von der generellen Apologetik hebt sie sich demnach als kasuelle oder okkasionelle Apologetik ab: Sie ist vorwiegend „Rechenschaft bei Gelegenheit“, evoziert durch bestimmte Anlässe. Die Publikationsorgane der EZW (Zeitschrift für Religion und Weltanschauung; EZW-Texte) mit ihrem Reichtum an aktuellen Themen illustrieren diesen Sachverhalt.

Der kasuelle Zuschnitt bedingt auch die spezifische Art und Weise, wie die Berufsapologetik Rechenschaft von der Gegenwartsfähigkeit des (kirchlichen) Christentums gibt. In der Auseinandersetzung mit den konkurrierenden Gruppierungen und Strömungen wird das Christentum nicht in umfassender Weise zum Thema, sondern es werden an ihm jeweils einzelne Elemente oder Aspekte in den Blick gerückt. Das heißt: Faktisch geschieht die apologetische Darstellung des Christlichen hier nicht umfassend, sondern punktuell, partiell und selektiv. Sie geschieht anhand exemplarischer Perspektiven, die das Christentum ausschnitthaft als gegenwärtig vertretbare Lebenseinstellung ins Licht setzen. Die jeweilige Perspektivenwahl ist durch den je aktuellen Gegenstand angeregt. So wird das Christentum gerade in der Konfrontation mit dem je Anderen zu einer partiellen Selbstklärung gezwungen und erhält in der jeweiligen Hinsicht eine bestimmtere Profilierung.

Ihre apologetische Wirkung erzielt die kasuelle Apologetik dabei vorwiegend, indem sie bei Kirchen-, Christentums- und Religionsdistanzierten Urteile und Vorurteile über das Kirchlich-Christliche irritiert. Schon an einem einzelnen Debattenbeitrag kann für Leserinnen und Hörer eine kirchliche Position sichtbar werden, die etwa reflektierter, (selbst-)kritischer, aufgeklärter, irgendwie „vernünftiger“ oder die umgekehrt auch „frömmer“ erscheint, als man es aufgrund von geläufigen Meinungen oder realen Begegnungen erwartet hätte. Solche produktiven Irritationen können Distanz mindern und damit im Idealfall anderen positiven Erfahrungen mit Christentum und Kirche den Weg bahnen.

Aber die kirchliche Apologetik wirkt auch „nach innen“. Wer sich Christentum und Kirche verbunden fühlt, bedarf in den Anfechtungen der pluralistischen Weltanschauungslage der Bestärkung. Die argumentative Bewährung gegenüber einer bestimmten Alternative kann bei Lesern oder Hörerinnen zur Selbstvergewisserung ihres kirchlich-protestantischen Christentums verhelfen, jedenfalls für den Moment. Und womöglich bleibt sogar ein Argument, ein Gedanke hängen, der sie für das christliche Leben in einer pluralistischen Gesellschaft nicht nur selbstgewisser, sondern auch auskunfts- und gesprächsfähiger macht. Somit ist jeder Einzelbeitrag zur Apologetik ein kleiner Beitrag zu einer geistigen Atmosphäre, in der das kirchliche Christentum weiter als respektable Option unter den Lebensorientierungen gelten kann.

Vielleicht gibt es aber obendrein einen Effekt der EZW, der die Summe ihrer apologetischen Einzeläußerungen noch überschreitet. Eine Institution, die seit Jahrzehnten in zahllosen Veröffentlichungen, Vorträgen, Diskussionen und Interviews die Argumentations- und Gesprächsfähigkeit der Kirche unter Beweis stellt, wird womöglich selbst gleichsam zum Inbegriff oder öffentlichen Symbol einer reflexions- und auskunftsfähigen christlichen Position, deren Umrisse sich anhand der mannigfachen konkreten Positionierungen immerhin schemenhaft abzeichnen. Oder um es mit einem Bild aus einem abgelegten Kirchenreformprogramm zu sagen: Sie wirkt womöglich in der Öffentlichkeit als „Leuchtturm“ eines nachdenklichen und daher bedenkenswerten Christentums. 

 

Einen ausführlicheren Artikel von Martin Fritz zum Thema lesen Sie auf dem Webportal der EZW unter

 www.ezw-berlin.de

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Martin Fritz

Dr. Martin Fritz ist Wissenschaftlicher Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin und Privatdozent für Systematische Theologie an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau.


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