Ein Grenzgänger

Vor dreihundert Jahren starb der Waldenserpfarrer Henri Arnaud
„Licht leuchtet … – Die Waldenser in Europa und Württemberg“ heißt die aktuelle Ausstellung im Stuttgarter Bibelmuseum.
Foto: Wolfgang Ziegler
„Licht leuchtet … – Die Waldenser in Europa und Württemberg“ heißt die aktuelle Ausstellung im Stuttgarter Bibelmuseum.

Der Pfarrer Henri Arnaud (1643 – 1721) gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten in der Waldenserkirche. Mehrere Biografen haben Arnauds Leben und Denken erschlossen. Die  Stuttgarter Journalistin Petra Ziegler beschreibt einen Grenzgänger des 17. Jahrhunderts.

Henri Arnaud war ein Suchender, ein Abenteurer, ein Vermittler, ein Grenzgänger. Über keinen anderen Waldenser des 17. Jahrhunderts ist so viel geschrieben worden wie über ihn, sagt der Kirchenhistoriker Albert de Lange. Am 8. September ist Arnauds (1643 – 1721) 300. Todestag. Sein halbes Leben war er in Europa unterwegs, um für die vertriebenen Waldenser eine dauerhafte und vor allem sichere Bleibe zu finden. Für Albert de Lange ist Arnaud mit der Zeit ein Lobbyist geworden, einer der alten Schule, ein Vermittler und Erklärer. Er hat vor Königen, Fürsten und Herzögen die Interessen der Waldenserbewegung vertreten und dabei immer auch die Konsequenzen von politischen Entscheidungen im Blick gehabt. Seine Analysen und Einschätzungen wurden gelesen. Weil Arnaud wusste, was es heißt, um des Glaubens willen verfolgt zu werden, warb er in Europa für eine antikatholische militärische Allianz.

Er war immer wieder ein Grenzgänger. Kann ein Pfarrer zeitweise gleichzeitig auch Oberst einer Guerilla sein? Passen Glaube und bewaffneter Widerstand überhaupt zusammen? Als politischer Grenzgänger versuchte Arnaud, die damals starren Begrenzungen der Konfessionswelten zu durchbrechen. Er scheute sich nicht, als Vertreter einer reformierten Kirche mit Anglikanern und Lutheranern zu verhandeln. Arnaud bekam für die Waldenser finanzielle Hilfen und diplomatische Unterstützung bei den Verhandlungen mit den Staaten, die die Waldenser dann letztendlich aufgenommen haben.

Geboren ist Henri Arnaud im französischen Embrun in den Cottischen Alpen. Die Eltern sind bewusste Protestanten – der Vater spielt in der Stadt und in der Kirchengemeinde eine Rolle. Henri studiert Theologie – natürlich im Ausland, denn in Frankreich gilt die „katholische, apostolische und römische Religion“ immer noch als die wahre Religion. Eine evangelische Fakultät hat hier keinen Platz. Der Student lernt Basel, Leiden und Genf kennen und beginnt, sein Netzwerk zu knüpfen. 1670 wird Henri Arnaud Pfarrer bei den Waldensern im heutigen Piemont. Er kennt sie gut, denn seine Mutter kommt aus der Gegend. Die Gebiete waren damals politisch anders verteilt als heute. Die italienisch-französische Staatsgrenze verläuft seit 1713 am Alpenkamm entlang. Davor lagen die Grenzen teilweise weiter östlich. Die Aufteilung war komplex: Ein Teil des Gebietes, das heute Waldensertäler genannt wird und im westlichsten Teil des italienischen Piemont liegt, gehörte zum Königreich Frankreich, ein Teil zum Herzogtum Savoyen, einen weiteren Teil musste Savoyen zeitweise an Frankreich abgeben.

Arnaud wird Pfarrer im Perosatal. Das ist teilweise savoyisch, muss jedoch zeitweise Frankreich überlassen werden. Der Herzog von Savoyen, Viktor Amadeus II., ist ein Neffe von Frankreichs König Ludwig XIV. Abhängigkeiten und Konflikte sind deswegen vorprogrammiert. 1685 ist für Henri Arnaud, die Waldenser und die Hugenotten ein Entscheidungsjahr mit traumatischen Folgen. Ludwig XIV. hebt das Edikt von Nantes (1598) auf. Das Edikt hatte den Protestanten in Frankreich Gewissensfreiheit gewährt. Es ermöglichte ein friedliches Zusammenleben von Katholiken und Protestanten. Im 16. und 17. Jahrhundert war das ein hohes Gut. Für den absolutistischen Herrscher Ludwig XIV. ist der Toleranzgedanke unerträglich. Er regiert nach dem Grundsatz „Ein Glaube, ein Gesetz, ein König“. Das Toleranz-Edikt wird durch das Edikt von Fontainebleau ersetzt, Protestanten, die sich weigern, katholisch zu werden, müssen zur Strafe auf Galleeren rudern (das ist häufig ein Todesurteil), Frauen kommen ins Gefängnis. Die Dragoner fallen in die Dörfer ein und setzen die Zwangskatholisierung durch. Auch Arnauds Gemeinde Pinache erleidet dieses Schicksal. Henri Arnaud fordert seine Glaubensgenossen zum bewaffneten Widerstand auf. Er hofft auf militärische Hilfe aus dem Ausland und vertraut unerschütterlich auf Gott. In einem seiner Gebete heißt es: „Herr Jesus Christus, der du so viel gelitten hast und für uns gestorben bist, gib die Gnade, leiden zu können und unser Leben für dich zu opfern.“ Dieser Kampf wird zum Desaster. Es gibt viele tausend Tote. Überlebende werden verhaftet. Henri Arnaud kann fliehen. Von der Schweiz aus bemüht er sich um die Freilassung der Gefangenen. Er reist in die Niederlande, um Geld für die Vertriebenen zu bekommen. Doch niemand will die Waldenser auf Dauer aufnehmen. Die Schweiz ist zwar bereit, die Glaubensflüchtlinge vorübergehend aufzunehmen, doch nur dann, wenn sicher ist, dass sie weiterziehen.

Im Gedenkjahr 2021 wird Henri Arnaud in der italienischen Waldenserkirche vor allem als Flüchtling in den Mittelpunkt des öffentlichen Gedenkens gestellt. Der Zeichner Andrea Tridico verbindet in seinem Comic „Der Weg“ die Geschichte eines Flüchtlings von der Elfenbeinküste mit der Waldensergeschichte des 17. Jahrhunderts.

Geschichte eines Flüchtlings

Die Fragen sind fast immer identisch. Welches Land nimmt Flüchtlinge auf? Wie viele und zu welchen Konditionen? Damals wollte die Schweiz kein Flüchtlingsaufnahmeland sein, heute ist es Griechenland, das bestenfalls ein Durchgangsland sein will. Damals wie heute wird gefragt, was die Flüchtlinge einbringen können. Die Region Maulbronn ist dafür ein gutes Beispiel. Zwischen 1688 und 1697 hat sich die Bevölkerung praktisch halbiert. Die Gründe: Kriegsfolgen, Krankheit, Armut. Flüchtlinge sind hier im Prinzip willkommen. Das Land könnte wieder besiedelt werden, und damit könnten auch die Steuereinnahmen steigen. Doch das Herzogtum Württemberg reagiert erst einmal reserviert. Die Lutheraner können aus juristischen Gründen keine Reformierten aufnehmen. Das Herzogtum Württemberg sei wie andere Territorien zu der Zeit eine „religiös geschlossene Gesellschaft“ gewesen. So beschreibt Hermann Ehmer, der frühere Leiter des Landeskirchlichen Archivs (Stuttgart), die Lage. Später ändert der Herzog seine Meinung.

Die Waldenser sind zwar reformiert, aber sie gibt es schon seit dem 12. Jahrhundert. Das ganze Mittelalter hindurch haben sie die reine Wahrheit des Evangeliums bezeugt. „Sie waren also schon lange vor der Reformation Protestanten“, fasst Giorgio Tourn, Pfarrer und Kirchenhistoriker, zusammen. Mit dieser Argumentation können sich Waldenser auch in lutherischen Ländern niederlassen.

Der heimatlos gewordene Pfarrer Arnaud fährt zweigleisig: Er sucht einen Ort für die Waldensergemeinden und plant gleichzeitig, die Waldensertäler zurückzuerobern. Doch auch die Protestanten lehnen seine Pläne ab. Sie fürchten die Konfrontation mit Frankreich. Arnaud wird beschattet, wechselt deshalb öfter Kleider und Orte. Savoyen setzt ein Kopfgeld auf Arnaud aus und lässt einen Steckbrief aushängen: „Von kleiner Statur und Haupt, dickleibig, rotes Gesicht, heller Bart, helle, kastanienbraune Haare, dicke Augenbrauen, dunkelblaue Augen, mittelmäßiger Mund, 33 Jahre alt.“ Im Sommer 1689 steht die Armee. Um die tausend Mann starten diesen Feldzug, der als Glorreiche Rückkehr in die Geschichte eingeht. So lautet auch der Titel eines Buches, in dem die Rückeroberung genau beschrieben wird. Geschrieben ist es im Wesentlichen von Vincent Minutoli; Arnaud veröffentlicht es 1710.

Die Armee besteht aus Waldensern (zum größten Teil) und Hugenotten. Die Niederlande unterstützen Arnaud. Im Grunde ist dieser Feldzug von vornherein ein aussichtsloses Unternehmen. Wie soll eine zusammengewürfelte Laien-Armee gegen eine gut ausgebildete und straff organisierte französische Armee ankommen? Albert de Lange, der auch Wissenschaftlicher Vorstand der Deutschen Waldenservereinigung ist, nennt gleich mehrere Gründe: Die Waldenser möchten die zweitausend Kinder, die ihren Eltern weggenommen worden und „in Babylon versklavt“ worden sind, wieder zurückholen. Arnaud argumentiert oft mit biblischen Bildern. Das motiviert die Glaubensgenossen. Außerdem betrachten die Waldenser die Täler als ihre rechtmäßige Heimat. So wie Israel einst durchs Rote Meer beziehungsweise durch die Wüste nach Kanaan gezogen ist, so ziehen jetzt die Waldenser über die Alpen in die Waldensertäler. Ein weiterer Grund beeindruckt vor allem die Unterstützer im Ausland. Arnaud identifiziert in der Apokalypse (Kapitel 11) die beiden Zeugen, die von einem unheimlichen Tier getötet werden, als Waldenser und Hugenotten.

Das Tier, das aus dem Abgrund kommt, ist in Arnauds Augen Frankreich. Die zwei Zeugen werden wieder auferweckt. Das entspricht der Glorreichen Rückkehr. Der Romanist Enea Balmas stellt die Glorreiche Rückkehr in einen großen Zusammenhang. Weitere Angriffe auf Frankreich werden folgen. Auf Zeichnungen und Gemälden wird Arnaud oft schwer bewaffnet dargestellt. Doch Arnauds Rolle als kämpfender Soldat werde überschätzt. Natürlich habe er gekämpft. Dennoch sei Arnaud mehr Pfarrer und Organisator gewesen, sagt der Kirchenhistoriker De Lange.

Apokalyptische Vision

Der Kupferstich von Jean-Henri Brandon (1691) zeigt Arnaud in seiner Doppelrolle als Pfarrer und Oberst. Genauso will Arnaud dargestellt werden. „Ad Utrumque Paratus“ – „zu beidem bereit“ – wird zu seinem Wahlspruch. Unterm Talar trägt Arnaud einen Brustpanzer. Rechts unten folgt die Erklärung des Wahlspruchs: „Ich predige. Ich kämpfe. Ich habe eine doppelte Berufung. Und von diesen beiden Aufgaben ist meine Seele erfüllt. Heute muss man Zion wiederaufbauen. Dazu braucht man Kelle und Schwert.“ Dass ein Pfarrer in der Armee Andachten und Seelsorge macht, verstehen zwar viele. Aber dass Pfarrer gleichzeitig Soldaten sein können, ist für viele im 16. Jahrhundert ebenso wie heute unvorstellbar.

Bis heute tragen etwa deutsche Militärseelsorger keine Waffen, nicht einmal dann, wenn sie im Kosovo oder in Afghanistan im Auslandseinsatz sind. „Du sollst nicht töten!“ heißt schließlich eines der Zehn Gebote. Arnaud hat für den Waffen-Einsatz eine theologische Erklärung. Christen dürfen sich dann mit der Waffe verteidigen, wenn die Glaubensfreiheit in Gefahr ist. Der bewaffnete Widerstand wird mit der Verteidigung des reinen Evangeliums legitimiert. Später wird Arnaud erklären, dass bei der Eroberung der Täler Gott selbst in die Geschichte eingegriffen habe. Wie sonst hätte ein „armer Pfarrer, der bisher nur gegen den Satan gekriegt hat“, ein so erfolgreicher militärischer Führer sein können? Die „Glorreiche Rückkehr“ wird schließlich zu einem konstitutiven Element für die Identität der Waldensergemeinden, sagt Giorgio Tourn. Die Erinnerung daran zeigt die Präsenz Gottes und stärkt den Zusammenhalt untereinander.

Bei Henri Arnaud selber spielt die apokalyptische Vision ganz persönlich eine wichtige Rolle. Davon ist Albert de Lange überzeugt. Die Waldenser können sich nach weiteren politischen Wirren 1699 in Baden, Hessen und Württemberg niederlassen und gründen eigene Kolonien. Henri Arnaud wird Pfarrer in Dürrmenz (bei Pforzheim) und später auch in Schönenberg. Die neue Heimat ist für ihn nur eine vorübergehende. Arnaud will in sein Kanaan, in die Waldensertäler zurück. Kurz vor seinem Tod 1721 in Schönenberg predigt er noch einmal über die beiden ermordeten Zeugen in der Apokalypse, die wieder auferweckt werden. Was seine Gemeinde darüber denkt, ist nicht bekannt. Die Flüchtlinge richten sich langsam und auf Dauer in ihrer neuen Heimat ein. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts sind die Waldenser-Gemeinden in die Landeskirchen eingegliedert. Als 2015 die erste Million Flüchtlinge nach Europa kam, wurde auch wieder an die Flüchtlinge des 17. Jahrhunderts erinnert. Und daran, wie Integration gelingen kann. 

Das Jahresprogramm zum Arnaud-Jahr unter dem Motto „Glaube und Widerstand“ finden Sie unter www.waldenser.org

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