Nachruf auf den Regenbogen?

Eine abschwellende Empörung
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Sonntag. Gegen Abend. 18.30 Uhr. Die Scheibenwischer wechseln vom erhitzten Modus auf normale Geschwindigkeit. Der rechte Fuß passt sich den neuen Gegebenheiten an und drückt moderat auf das Pedal. Die Augen schmerzen leicht, prüfen die Fahrbahn auf Gefahren für Aquaplaning und geben Entwarnung. Plötzlich fokussieren sie eine Überraschung. Wangen und Mund versuchen ein Lächeln. Beide Augen reagieren jetzt mit einem Glänzen.

Ein Regenbogen spannt sich vor dem noch dunklen Hintergrund prächtig vor mir auf. Stolz und extrem selbstbewusst. Und durch dieses Siegertor schwebt der erste Kranich Richtung Landebahn am Frankfurter Kreuz. Dann noch einer und noch einer. So viel religiöser Symbolik-Stau am Sonntagabend ist selten hinzubekommen. Regenbogen, Kreuz, Kranich als technikaffine Fortentwicklung der Taube. Über zehn Minuten dauerte die Erscheinung, verschwand erst am Offenbacher Kreuz.

Anklagende Flutkatastrophe

Mein Volvo fuhr sicher weiter, aber hermeneutisch drohte ich aus der Kurve zu fliegen. Die Bilder der Flutkatastrophe aus den Hotspots in Rheinland-Pfalz, Hessen und NRW standen noch scharf vor meinem inneren Auge. Und klagten an. Hatte Gott nicht den Regenbogen als Entwarnung in den Himmel gezeichnet und als weithin sichtbares Bundesversprechen, keine Sintflut mehr auszulösen? Pacta sunt servanda! Oder galt dieser alte Spruch nicht länger? War ich als beamteter Theologe nicht in der Pflicht, einen Nachruf auf den Regenbogen zu schreiben? Oder eine empörte Anklage? Die Theodizee gehört schließlich zu den Kernkompetenzen systematischer Theolog:innen.

Zwei Tage später in Berlin, Schöneberg. Anna-Essinger-Gemeinschafts-schule. Tietzenweg 101. Montessori-Konzept. Mein ältester Enkel Noah, bald 12, wird eingeschult in die Mittelstufe (in Berlin nach der 6. Klasse) und darf sich jetzt bereits Oberschüler nennen. Es werden wieder selbstgebastelte Schultüten gefüllt (die jüngeren Enkel bekommen zum Trost eine Mini-Ausgabe), alle Großeltern reisen an, Noah ist in der letzten, in der dritten Runde dran. Und dann das.

Der Direktor der Schule hält eine faszinierende Rede. Doch, doch. Das gibt’s. Nennt drei Beispiele dafür, wofür man brennen kann. Eine Ex-Schülerin macht inzwischen in der Musik bunte Karriere. Eine andere wurde das deutsche Gesicht von Friday for future. Eine vierzehnjährige Hannah mit Downsyndrom kämpft gegen die Stigmatisierung durch den Schwerstbehindertenausweis und möchte ihn umtaufen in ‚Schwer-in-Ordnung-Ausweis‘. Die Idee geht viral, und ja, auch das gibt es, die Verwaltung findet die Idee Klasse und erfindet eine Ausweishülle, die den Titel führt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verleiht ihr später die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bunderepublik Deutschland. Die FDP-Bundestagesfraktion stellt den Antrag, den Schwerstbehindertenausweis in Teilhabeausweis umzu-benennen, dieser Vorschlag wurde bisher aber noch nicht umgesetzt.

Persönliche Regenbogen

Schule, so die Pointe, soll bereits auf dem Weg zum Schulabschluss den Schüler:innen einen Leiteindruck vermitteln, sprich eine Orientierung verschaffen, wofür sie brennen können. Im Idealfall können Lehrer:innen das in der Tat besser leisten als die Eltern, es braucht den engagierten, aber auch nüchternen Blick von außen, der Potentiale für Wachstum erkennt. Wir sind im besten Sinne zufrieden von der Feier zur privaten Feier gewechselt. Dieser Direktor und die Lehrer:innen und  Sozialpädagog:innen waren echte Hoffnungsspender. Ganz persönliche Regenbogen für eine bunte Zukunft.

Nachruf auf den Regenbogen? Nein. Das Versprechen gilt weiter, will aber präventiv gewendet werden. Wir müssen alles tun, um vorausschauend auf Klimaexzesse reagieren zu können. Und er ist weiterhin Hoffnungsspender für eine diverse, inklusive Welt. In dieser Hinsicht ist er inzwischen vielfältig eingesetzt worden. Als Regenbogenfahne der Friedensbewegung, für Greenpeace, der Lesben und Schwulenbewegung. Dr. Motte hat auf der ersten Love Parade (1989) die Hoffnung inhaltlich durch eine lange abwertend gebrauchte Formel so umgedeutet: Friede Freude Eierkuchen, Eierkuchen als Hinweis auf eine gerechte Nahrungsmittelverteilung. Kürzer kann man eine Lebenslehre nicht verdichten. Hoffnung muss praktisch werden. Deshalb: Der Regenbogen darf weiterhin stolz und prächtig in den Wolken stehen.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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