An vielen Fronten

Ob in Afghanistan oder in der Kita: Wer dient, verdient unsere Aufmerksamkeit
Foto: privat

„Hamse eigentlich gedient?!“ – Die Frage ist allerspätestens mit dem Aussetzen der Wehrpflicht 2011 obsolet geworden und schon zuvor hat Mann sie seit den 1980er-Jahren immer seltener gehört, denn für jede Frage braucht es ja auch einen Fragesteller. Und der Typ Mann, der andere – jüngere – Männer nach ihrer Militärzeit befragt, ist im Aussterben begriffen und hat sich in einige, sehr kleine gesellschaftliche Reservate zurückgezogen.

Ich habe die Frage allerdings noch gehört. Und wahrheitsgemäß beantwortet: „Ja, selbstverständlich, an Kindern und Jugendlichen im Kirchenbezirk Dresden“. Da, nämlich für das Evangelisch-lutherische Stadtjugendpfarramt meiner Heimatstadt, war ich während meines Freiwilligen Sozialen Jahres in der gemeindlichen und übergemeindlichen Kinder- und Jugendarbeit tätig.

Ich habe in den zwölf Monaten viel gelernt, kluge und auch weniger kluge Entscheidungen getroffen bzw. vorbereitet, viel Spaß gehabt und meine Heimatstadt noch einmal aus einem anderen Blickwinkel entdeckt. Entlohnt wurde meine Arbeit mit einem Taschengeld von 300 Euro im Monat. Ich fand das in Ordnung. Nachdem ich einen kleinen Teil davon zuhause für den stets gefüllten Kühlschrank abgeliefert hatte, blieb noch genug Geld für Kneipe und Feiern über. Ja, sogar für ein neues Fahrrad, das mir leider nur wenige Wochen nach Studienantritt in Halle gestohlen wurde. Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen.

Stiefmütterliche Behandlung

Meine besten Freunde dienten als Zivis. Sie arbeiteten neun statt zwölf Monate lang. Sie absolvierten statt 25 mehr oder weniger interessanten, aber unterhaltsamen Seminartagen nur eine Seminarwoche für Zivis, von der Nichts übrigblieb. Sie erhielten für ihren Dienst ein Vielfaches meines Taschengeldes. Sie dienten alten und kranken Menschen, die in häuslicher Pflege lebten, und Kindern eines Gemeindekindergartens.

Von einem FSJ-Taschengeld kann man bis heute nicht allein wohnen. FSJlerinnen sind vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich günstige Arbeitskräfte. Die stiefmütterliche Behandlung der vielfältigen diakonischen, sozialen, ökologischen und kulturellen Freiwilligendienste durch Gesetzgeber und Wohlfahrtsverbände bleibt ein Skandal. Vor allem, da sich das finanziell durchaus potente Verteidigungsministerium mit einem sog. „Freiwilligen Wehrdienstes Heimatschutz“ schmückt, bei dem die Rekrut:innen – die auch unter Minderjährigen gewonnen werden! – gut entlohnt werden. Und dafür müssen die Heimatschützer:innen nicht mal auf Auslandseinsatz!

Die mögliche Attraktivität des „Freiwilligen Wehrdienstes Heimatschutzes“ könnte gerade darin liegen, dass die Wehrdienstleistenden anders als ihre Kamerad:innen im gewöhnlichen Wehrdienst garantiert nicht ins Ausland müssen. Ob das Pilotprojekt tatsächlich etwas bringt, d.h. die Nachwuchssorgen der Armee lindert, wird man abwarten müssen. „Heimatschutz“, erklärte die Bundesministerin der Verteidigung, Annegret Kramp-Karrenbauer, bei der Einführung des neuen Dienstes, umfasse zum Beispiel den Katastrophenschutz  - und wer wöllte nach den vergangenen Wochen bestreiten, dass dafür in Zukunft mehr Geld und Fantasie aufgewendet werden muss. Ob das den immer weiter fortschreitenden Einsatz der Armee im Innern umfassen muss?

Unter Einsatz ihres Lebens

Anyway … dienen werden die jungen freiwillig Wehrdienstleistenden im „Heimatschutz“ auch, jedenfalls nicht weniger sinnvoll als mancher Wachtposten am Eingang einer verschlafenen Kaserne oder damals auch ein Zivi in Mußestunden oder ein:e FSJlerin, die mal ein bisschen bummelt. Solange sich die Frage „Hamse eigentlich gedient?!“ auf die Erledigung von mehr – Vorteil Freiwilligendienste! –  oder weniger sinnfälligen und lehrreichen Hilfsaufgaben in der Sicherheit vertrauter Umgebungen und den Erwerb lebensläufiger Credit-Points zu Gunsten zukünftiger Bewerbungen bezieht, von dem außerdem noch Dritte profitieren, vornehmlich weniger privilegierte und/oder hilfsbedürftige Menschen, erledigt sich die Frage von selbst: „Ja, selbstverständlich!“

Ende Juni 2021 beendete die Bundeswehr ihren Einsatz in Afghanistan. Nach fast 20 Jahren wurden die letzten verbliebenen deutschen Soldat:innen ausgeflogen, mit ihnen ein 27 Tonnen schwerer Gedenkstein für die getöteten Bundeswehrsoldaten. Insgesamt haben ca. 150 000 Bundeswehrsoldat:innen an den unterschiedlichen Missionen in Afghanistan teilgenommen. Ob und wie die zahlreichen afghanischen Mit- und Zuarbeiter:innen sicher außer Landes kommen, steht noch dahin. Es wäre ein letztes, folgenschweres Versäumnis der Deutschen, wenn sie ihre Helfer:innen schutzlos in dem Land zurückließen, das erneut von den Taliban überrannt wird. Achso: Und in das PolitikerInnen der Christlichen Union Deutschlands Menschen weiterhin abschieben wollen!

Zweifellos haben die Soldat:innen der Bundeswehr in Afghanistan gedient. Sie waren dort im Auftrag des Deutschen Bundestages, unseres frei gewählten Parlaments. Ob sie am Hindukusch tatsächlich die Sicherheit Deutschlands verteidigt haben, diese Frage nicht weniger Soldat:innen und Bürger:innen, ist nun eine Frage für die Geschichtsbücher. Doch sie haben, um dem Werbespruch der Bundeswehr hier einmal zu folgen, mit ihrem Einsatz in Afghanistan Deutschland nicht nur formaljuristisch gedient. Unter Einsatz ihres Lebens und ihrer Gesundheit.

Die Frage „Hamse eigentlich gedient?!“ können einige von ihnen nicht mehr selbst beantworten. 59 deutsche Soldaten kamen in Afghanistan ums Leben, 35 von ihnen wurden im Gefecht oder durch Anschläge getötet.

Das Gedenken an die Toten, die Sorge um versehrte, traumatisierte Soldat:innen, um die Familien der Gefallenen und auch um die Helfer:innen der Bundeswehr und ihre Familien haben in diesem Sommer noch nicht ausreichend Platz auf der Agenda des Landes gefunden. Das ist ein Versäumnis. Die Nachsorge des Afghanistan-Einsatzes ist zuvorderst Aufgabe des Bundesministeriums der Verteidigung und auch ein Dienst der Bundeswehr. Aber eine Bevölkerung, in deren Namen weiterhin deutsche Soldat:innen auf Auslandseinsätze geschickt werden, kann sie nicht allein auf die politisch Handelnden delegieren.

Nicht zuletzt würden wir damit denen Auftrieb geben, die wegen ihrer eigenen politischen Agenden um ehemalige und aktive Soldat:innen werben. Es ist nicht schwer, das Schweigen in Medien und Öffentlichkeit als Undank oder Desinteresse aufzufassen. Wer sich ungerecht behandelt fühlt, wird empfänglich für die Einflüsterungen jener, die mit an und für sich überkommenen Ehr- und Dienstvorstellungen „fürs Vaterland“ hausieren gehen.

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