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Pandemie gestern und heute

Wird sich die Welt durch die Corona-Pandemie verändern? Eine Antwort lässt sich geben, wenn man mit Volker Reinhardt zurückblickt. Der führende Italien-Historiker der Universität Fribourg legt eine Studie zur Großen Pest des 14. Jahrhunderts vor. Er zeigt mittels zeitgenössischer Pestberichte gesellschaftliche Veränderungen auf, die bedeutsam gewesen sind. Außerdem zieht Reinhardt Parallelen zur gegenwärtigen Situation.

Damals wie heute würden sich während der Pandemie kollektive und individuelle Verhaltensweisen wandeln. Im Zeichen der Angst werde „die Ratio als Gradmesser des Handelns weitgehend verdrängt“, so Reinhardts Analyse. Außerdem hätten beide Pandemien Auswirkungen auf die Kommunikation und das Sozialgefüge. Eine Atmosphäre des Misstrauens käme in pandemischen Zeiten auf, gekennzeichnet von ungehemmter „Lust an der Denunziation, heftiges Wuchern von Feindbildern, das Aufkommen abstruser Verschwörungstheorien“. Reinhardt verdeutlicht aber auch die Belastungsprobe für Politik und Akteure. Er arbeitet schließlich die allgemeine Erwartungshaltung heraus, dass nach dem Ende der Pandemie alles besser werden würde.

Doch diese Erwartung habe sich im Mittelalter nicht erfüllt, belegt Reinhardt anhand des Materials aus Italien, Avignon und deutschen Städten. Auch lasse sich weder quantitativ bemessen noch flächendeckend feststellen, dass die existentielle Krise zu einer vertieften Frömmigkeit geführt habe (memento mori). Es könne auch nicht davon gesprochen werden, dass sich hedonistische Tendenzen (carpe diem) in Folge der Pest durchgesetzt haben. Einzelbelege, die Reinhardt dazu anführt, widersprechen dieser Gesamteinschätzung nicht.

Die Pandemie des Mittelalters habe jedoch zu einer gewissen Distanz zur Kirche und ihrer Hierarchie beigetragen. „Die Kirche hatte keine allgemein befriedigende Deutung der Katastrophe zu bieten und wurde durch ihr Auftreten im Verlauf der Pest insgesamt entzaubert.“ Zugleich könne aber von einer Zunahme individueller Frömmigkeit gesprochen werden. Reinhardt stellt mit Blick auf das Mittelalter fest: „Im Augenblick der höchsten Not konnte die Lehre also lauten, dass es auch ohne Kirche ging, nicht jedoch ohne Glauben …“

Hier liegen die Parallelen zu unserer Zeit auf der Hand: der Relevanzverlust von Kirche, der sich mit der Schockstarre vor dem Unbekannten, dem Verbot von Gottesdiensten, dem Rückzug auf digitale Formate und nicht zuletzt mit einer Minimierung von seelsorglichen Kontakten belegen ließe, wird zu diskutieren sein.

Reinhardts Darstellung der Auswirkungen der mittelalterlichen Epidemie auf die jeweiligen Regierungsformen der Peststädte ist beeindruckend. Er stellt unter anderem den Putschversuch in Venedig im Gefolge der Pest dar, die diese Stadt besonders hart traf. Er zeichnet die „Machtergreifung“ des Despoten Luchino Visconti, die zum „Wunder von Mailand“ führte, nach, weil dieser die Pestopfer einmauern ließ und damit die Stadt weitgehend vor der Pest verschonte. Übrigens: Ein Ruf nach einem neuen Visconti wurde in der Pandemie 2020 in Italien auch wieder laut. Außerdem sieht Reinhardt den Aufstieg der Medici in Florenz durch die Pest und ihre Folgen begünstigt.

Reinhardts Fazit lautet: Durch eine Epidemie sei in der Vergangenheit noch niemals eine neue Epoche eingeläutet worden. Die Erfahrung der Pandemie habe keine „völlig neuen Ideen oder Verhaltensweisen hervorgebracht, sondern mit ihren Erschütterungen lange vorher angelegte Überzeugungen, Grundhaltungen und Entwicklungstendenzen gefestigt und verstärkt … “ Nach der Überwindung der Corona-Pandemie sei also zu erwarten, dass „… der Wille zum Vergessen und zur Rückkehr in die vertrauten Bahnen überwältigend sein wird“.

Ob das nun eine gute Botschaft ist, sei dahingestellt. Reinhardts sorgfältige Analyse der mittelalterlichen Entwicklungen ist jedenfalls ein spannender Beitrag zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie des 21. Jahrhunderts.

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