Mitunter

jaimie branch: FLY or DIE LIVE

Dass Paare eingespielt sind, bleibt nicht aus, der Weg zur Beratung just deshalb mitunter auch nicht. Eine bürgerliche Kippfigur, der die ZEIT verlässlich Raum gibt und Anklang damit findet, da sie offenbar verbreitet ist. In ein anderes Buch des Blattes gehört das Quartett FLY or DIE um Leaderin jaimie branch, das aber souverän diesseits von Gewöhnung agiert. Es ist atemberaubend eingespielt: Die 38-Jährige an der Trompete, Lester St. Louis (Cello), Jason Ajemian (Bass) und der auch als Drummer des Chicago Underground Trio bekannte Chad Taylor an der Mbira, dem die Ahnen rufenden subsaharischen Lamellophon, und eben am Schlagzeug.

Dieses Kollektiv von Improvisateuren ist seit 2016 zusammen. branch haftet ein Punkrock-Etikett an, was sie als Haltung auch gern gelten lässt, aber als Hinweis auf Energie und Offenheit verstanden wissen will. FLY or DIE ist programmatisch gemeint und biographisch vergewissert: Sie hing lange an der Nadel und weiß, was sie hinter sich hat. In ihr Spiel integriert sie alles, was zu ihrem Sound und der Idee davon passt, dass nämlich die Revolution, der Aufstand gefälligst tanzbar zu sein haben. Das reicht von karibischen Rhythmen und knackig marschierenden Rimshots über Afrika-Beats und Free-Noise bis zu folkigem Singalong mit wuchtigen Ausbrüchen. Kurzum, es ist verheißungsvoll.

Jetzt der Reihe nach: Bis unmittelbar vor dem Corona-Lockdown Anfang 2020 tourten sie in Europa. Dann kam der bedrückende Stillstand und irgendwann die Aufnahme aus dem Moods in Zürich, dem einzigen vereinbarten Tourmittschnitt. branch wollte lange nicht mal hineinhören, Enttäuschungen gab es gerade genug, dann tat sie es doch und findet nun: „Das Beste, was wir jemals gespielt haben.“ Mit FLY or DIE LIVE liegt es jetzt vor. Einen Nostalgiebedarf von Tourbesuchern stillt es keineswegs, sondern ist vielmehr selbst ein Ereignis, dem man sich überlassen kann. Taylor eröffnet perlend mit der Mbira, branch kommt weich mit der Trompete dazu. Der Ritualraum ist betreten, dann springt die Maschine an: Mit dem 14-minütigen Prayer for Amerikkka – einer der besten politischen Songs der Trump-Ära, findet Piotr Orlov – geht die Reise ab: branch bläst zur Attacke oder schrille Wuttöne, die Band grooved, explodiert, reißt dann wieder in stabiles Wiegen, Armewehen, Steppen.

Die Botschaft ist Haltung: So fucked up die Welt auch ist, das Tanzen lassen wir uns nicht nehmen, erkunden aber ebenfalls Verstörendes. Diese Haltung trägt, auch im folgenden Lesterlude, einer elektro-clusterartigen Cello-Vollbremsung. Die Wechsel sind enorm, aber organisch. FLY or DIE LIVE ist eine Experience, wie man früher so sagte. 19 Stücke in einem Set. Fokussiert, zerfließend, dynamisch, intensiv. Lebendig.

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