Die tägliche Bedrohung

In Mali vergeht kein Tag ohne Gewalt und den Einsatz für den Frieden
Mali
Foto: Jörg Böthling

Vor Wochen wurden zwölf Bundeswehrsoldaten bei einem Selbstmordanschlag in Mali verletzt. In dem Land vergeht kein Tag, an dem die dort stationierten Soldaten und Soldatinnen nicht einen Angriff, einen Überfall oder eine Explosion registrieren. Der Norden von Mali wird weiterhin von wenigen Rebellen und Terrorgruppen bedroht. Und das ganze Land ist in der Krise. Die Journalisten Christian Selbherr und Jörg Böthling waren vor dem Anschlag in Mali unterwegs und haben mit Soldaten und einheimischen Friedensstiftern gesprochen.

Moment“, sagt der belgische Soldat, und blickt von seinem Bildschirm auf. „Lasst uns nochmal zurückgehen, vielleicht haben wir etwas übersehen.“ Sofort bewegt sich das schwarz-weiße, etwas grobkörnige Kamerabild zurück zu der Szenerie, die eben noch zu sehen war. Der Offizier schaut noch einmal ganz genau hin. Ein Kontrollpunkt am Straßenrand, an dem sich mehrere Busse stauen. Warum halten sie an? Jede noch so kleine Beobachtung kann zur wertvollen Information werden in diesem scheinbar unendlichen Kampf gegen Terror und Gewalt.

Mali
Foto: Jörg Böthling
 

Was hier gerade stattfindet, ist die Auswertung von Luftaufnahmen über der Wüstenlandschaft von Mali. Irgendwo zwischen den Städten Gao und Gossi zieht eine unbemannte Flugdrohne vom Typ Heron ihre Bahnen, vier Kilometer über dem Boden. Selbst aus dieser Entfernung liefert sie Bilder, die live und in Echtzeit analysiert werden. Mit rund eintausend Soldaten ist die deutsche Bundeswehr hier in Mali stationiert, sie arbeitet im Verbund mit vielen anderen Nationen in der UN-Mission „Minusma“. Ihr Hauptauftrag: Informationen gewinnen und auswerten, um zum Bild der Lage beizutragen. Den aktiven Anti-Terror-Kampf betreibt die ehemalige Kolonialmacht Frankreich mit ihrer „Operation Barkhane“.„Unsere Mission ist eine Stabilisierungsmission“, erläutert Christian Wilhelm, Oberstleutnant und Mitglied im Führungsstab des deutschen Kontingentes. „Es gibt also in dem Sinn keinen Gegner, gegen den wir operieren. Wir operieren für die ortsansässige Bevölkerung und versuchen, das wiederherzustellen, was durch die Abwesenheit des malischen Staates verloren gegangen ist: ein Gefühl von Sicherheit.“

Rund eintausend Bundeswehrangehörige sind derzeit in Mali im Einsatz.
Foto: Jörg Böthling
 

Seit genau fünf Jahren gilt der Friedensvertrag von Algier, der zumindest auf dem Papier die Kämpfe in Mali beendet hat, die 2012 in der Folge des Libyen-Krieges ausgebrochen waren. Tuareg forderten einen eigenen Staat namens Azawad, Islamisten kaperten die Revolte für sich und planten ein Kalifat. Doch diese Krise ist längst nicht mehr nur auf den Norden beschränkt. Sie hat das ganze Land erfasst. Das müsse man begreifen, wenn man eine Lösung finden wolle, sagt Jonas Dembélé, der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz von Mali. Jonas Dembélé ist Bischof in der Stadt Kayes, die eigentlich weit entfernt vom umkämpften Norden liegt. Aber in Kayes zeigen sich viele Probleme des Landes ganz deutlich. Die Stadt lag einmal an der Bahnstrecke von Dakar im Senegal nach Bamako, der Hauptstadt von Mali. Doch die Bahnlinie liegt seit Jahren still. Mitte der 2000er-Jahre wurde ein Flughafen gebaut, damit die fast neunhundert Kilometer nach Bamako im Flugzeug bewältigt werden konnten. Der Flugbetrieb wurde längst wieder eingestellt.

Im Camp Castor und außerhalb haben sie mit bis zu fünfzig Grad Hitze und dem Wüstensand zu kämpfen, der in alle Fahrzeuge und Maschinen dringt.
Foto: Jörg Böthling
 

Das meiste Geld der Regierung fließe in den Kampf gegen Krieg und Terror, sagt Bischof Dembélé. An allen anderen Dingen – Gesundheitswesen, Wasserversorgung, Strom – werde gespart, und eine Region wie Kayes wird immer weiter abgehängt. Seit dem Ende der Militärherrschaft 1991 hat es praktisch kein komplettes Schuljahr in Mali gegeben. Meist traten die Lehrer in Streik, weil sie kein Gehalt mehr bekamen. Auf dem „Weltentwicklungsindex“ nimmt Mali Platz 184 unter 189 Ländern ein.

Wachsende Ungeduld

Die Probleme des Landes sind vielfach bekannt, nur ihre Lösung ist umstritten. Eine Diskussion unter freiem Himmel zeigt das. Es ist der Kirchhof von Kayes, in dem Vertreter von Christen und Muslimen zusammenkommen. Das Land ist überwiegend muslimisch, Christen sind in der Minderheit. Es dauert nur wenige Minuten, bis die Sprache auf die Krise im Norden kommt. Schnell ist man sich einig: Die Religionen sind nicht die Ursache, auch wenn es gerne so dargestellt werde. „Es sind Kriminelle, die uns gegeneinander ausspielen wollen“, sagt ein Vertreter der größten Moscheegemeinde der Stadt. Dann steht ein Repräsentant der Katholiken auf und sagt: „Woher kommen denn die Waffen? Es ist doch der Westen, der sie uns verkauft!“ Gerade unter der jungen Bevölkerung wachse die Ungeduld, bestätigt Bischof Jonas Dembélé. Warum, so würden viele fragen, schaffen es die Europäer mit all ihren militärischen Gerätschaften nicht, die feindlichen Gruppen zu besiegen? Geht es am Ende doch um andere Dinge? Um strategischen Einfluss im Sahel, um die neu entdeckten Goldfelder in Nord-Mali, um Migrantenabwehr?

Christen und Muslime diskutieren über Krieg und Frieden im Kirchhof von Kayes.
Foto: Jörg Böhtling
 

Vor diesem Hintergrund also hat sich die Bundesrepublik Deutschland 2013 auf die Mission Mali eingelassen. Hier im Camp Castor haben die Soldaten und Soldatinnen mit ihrer hochtechnisierten Ausrüstung mit bis zu fünfzig Grad Hitze und dem Wüstensand zu kämpfen, der in alle Fahrzeuge und Maschinen dringt. Die beteiligten Nationen arbeiten zusammen, rumänische Piloten fliegen Rettungseinsätze per Helikopter, die Heron-Drohnen kommen aus Israel, Belgier und Deutsche werten die Luftbilder aus; von den Soldaten und Soldatinnen stammen viele aus Bayern.

In die nahe Stadt Gao kommt man nur mit gepanzerten Fahrzeugen und bewaffneter Begleitung. Gao liegt am Niger-Fluss und ist die wichtigste Stadt der Region, viel bedeutender als das in Europa so bekannte Timbuktu. Die Stadt wirkt gespenstisch, aber nicht ausgestorben: geschlossene Ladenzeilen, verlassene Häuser, vor denen die Menschen in Nomadenzelten campieren.

Wille zum Überleben

Und es gibt Orte, an denen die Hoffnung auf Frieden lebt. „Kommen Sie herein“, sagt David Douyon, einer von zwei Leitern der katholischen Schule von Gao, die in den 1950er-Jahren vom Orden der „Weißen Väter“ gegründet wurde. Der Unterricht hat wieder begonnen, nachdem die Schule in Kriegszeiten 2012/13 von Dschihadisten besetzt worden war. Sie benutzten das Gelände quasi als Kaserne für ihre Kämpfer. „Und sie haben viel zerstört“, sagt Schulleiter Douyon. Er zeigt die Schulaula – Stühle, Bänke, Computer, alles sei geraubt worden. Das Dach: zerstört. Während er spricht, probt eine Gruppe von Schülerinnen gerade einen Tanz für eine bevorstehende Schulaufführung. Es ist ein purer Wille zum Überleben, den diese Schülerinnen ausstrahlen. In der Corona-Krise musste die Schule kurzzeitig schließen. „Jetzt sind immerhin die Schüler zurück, die demnächst ihr Examen schreiben“, wird David Douyon einige Wochen nach diesem ersten Treffen berichten. „Der Krieg, der hier so lange präsent war, hat Gott sei Dank keine Narben geschlagen, die nicht wieder verheilen könnten“, sagt Oberstleutnant Wilhelm. Das klingt vielleicht optimistischer, als es die Lage eigentlich zulässt.

In der katholischen Schule von Gao hat der Unterricht wieder begonnen.
Foto: Jörg Böthling
 

Nicht weit von der Schule liegt die katholische Pfarrkirche von Gao. Der sandfarbene Bau im Sahel-Stil wurde vor kurzem renoviert, nachdem die Kirche bei einem Angriff beschädigt worden war. Eine kleine katholische Gemeinde hält das Glaubensleben aufrecht. Im Schutz der Kirchenmauern kann man ihre Sprecher treffen. Sie berichten davon, wie immer wieder verdächtige Gestalten um das Kirchengelände herumschleichen. „Wir wissen nicht, wer das ist und was sie vorhaben“, sagt Philippe Omoré, der ursprünglich aus Benin stammt. Einen Pfarrer gibt es im Moment nicht mehr – es wäre noch immer zu gefährlich, sagt die Kirchenleitung. Über ihre örtliche Caritas-Struktur betreibt die Kirche in Gao auch ein Haus für junge Migranten, die auf ihrem Weg durch die Wüste in Mali gestrandet sind. Besuchen lässt sich die Einrichtung nicht – die Sicherheitslage erlaubt es nicht.

Wie real ist die Gefahr? In der so genannten „Abendlage“ kommen die führenden Offiziere von „Camp Castor“ zusammen und tauschen Informationen aus. Die Einzelheiten müssen vertraulich bleiben, daher nur so viel: Es vergeht kein Tag in Mali, an dem nicht an irgendeinem Ort des Landes ein Angriff, ein Überfall oder eine Explosion geschieht. Das kann in einem Flüchtlingslager sein oder einfach auf der Straße, wenn ein Eselskarren über eine Sprengfalle fährt. Und immer wieder gibt es auch die Meldung, dass in der Hauptstadt größere Mengen Sprengstoff sichergestellt wurden. „Der Weg zum Frieden ist ein sehr langer“, sagt Oberstleutnant Wilhelm. Im Frühjahr 2020 wurde der deutsche Militäreinsatz ohne allzu breite öffentliche Diskussion verlängert. Zwei deutsche Todesopfer waren bisher zu beklagen. Auch wenn man von offizieller Seite diesen Vergleich nicht ziehen würde – mancherorts (etwa in einem Papier der Konrad-Adenauer- Stiftung) wird bereits diskutiert, ob aus Mali für die Bundeswehr ein „afrikanisches Afghanistan“ werden könnte.Kirchenleute wie Bischof Jonas Dembélé stehen bereit, wenn es um eine Rolle als Vermittler und Versöhner geht. „Der Staat wendet sich oft an die Religionsgemeinschaften. Ob Christen oder Muslime – religiöse Führungspersonen werden gehört und haben guten Kontakt zur Bevölkerung.“ Er zitiert ein Motto von Kardinal Philippe Ouédraogo aus dem Nachbarland Burkina Faso: „Der Frieden ist ein Geschenk Gottes. Aber er ist auch eine Frucht der harten Arbeit von uns Menschen.“

Gastgeber ist Jonas Dembélé, der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz von Mali
Foto: Jörg Böthling
 

Man könne nicht alles nur in die Hände Gottes legen. „Wir müssen uns selber engagieren, damit sich die Menschen aus ihrer Misere befreien können.“ So hat denn auch der Militärputsch vom Sommer 2020 einen starken Rückenwind in der Bevölkerung erfahren. Aber auch wenn die Unzufriedenheit mit der alten Regierung groß war – dass ein gewählter Präsident gewaltsam abgesetzt wurde, sei ein Armutszeugnis für die Demokratie im Land, erklärte Bischof Jonas Dembélé kurz nach dem Umsturz: „Wegen Covid-19 und wegen des Staatsstreiches gehen wir nun durch eine Finanzkrise, deren Auswirkungen nicht einzuschätzen sind. Aber wir müssen lernen, damit zu leben.“ 

Schild
Foto: Jörg Böthling

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Jörg Böthling

Jörg Böthling begann 1985 als Seemann auf Fahrten nach Afrika und Asien zu fotografieren. Er studierte Fotografie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und arbeitet als Freelancer. 


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