Unterbrochener Teufelskreis

Klartext

Die Gedanken zu den Sonntagspredigten für die nächsten Wochen stammen von Dorothee Löhr. Sie ist Pfarrerin in Mannheim.

Andere Perspektive

11. Sonntag nach Trinitatis, 15. August

Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat … auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht. (Epheser 2,4–5)

Da steht nicht: Erst leben wir, dann sterben wir, und am Ende werden wir mit Christus wieder lebendig gemacht. Dabei sind wir schon lebendig gemacht, so sehr, dass uns nicht einmal das irdische Sterben davon abhält, mit Christus lebendig zu sein.

Es kommt allerdings vor, dass Menschen schon tot sind, obwohl sie leben. Denn sie leben ohne Hoffnung, glauben nicht, dass ihnen geholfen werden kann oder dass sie anderen eine Hilfe sein können. Sie glauben nicht an die Gemeinschaft mit Jesus, die auch in Krankheit und sogar im Sterben trägt und die Verantwortung füreinander ermöglicht.

Der Schriftsteller Erich Kästner erzählt in seiner „Rede an die jungen Leute“ von der „Mitverantwortung“ als einer lebendigmachenden Person: „Das Leben muss noch vor dem Sterben erledigt werden! Wenn Millionen Menschen nicht nur neben-, sondern miteinander leben wollen, kommt es auf das Verhalten der Millionen, kommt es auf jeden und jede an, nicht auf Instanzen. Wenn Unrecht geschieht, wenn Not herrscht, wenn Dummheit waltet, wenn Hass gesät wird, wenn Muckertum sich breit macht, wenn Hilfe verweigert wird – stets ist jeder Einzelne zur Abhilfe mit aufgerufen, nicht nur die jeweils zuständige Stelle. Jeder ist mitverantwortlich für das, was geschieht, und für das, was unterbleibt. Und jeder von uns und euch kann es spüren, wann die Mitverantwortung neben ihn tritt und schweigend wartet: Sie wartet, dass er handle, helfe, spreche, sich weigere oder empöre, je nach dem.“

Lebendig sein in Christus bedeutet, Mitverantwortung zu leben, ohne Angst hinzuhören und hinzusehen, zu argumentieren statt vorschnell nachzugeben, aber die Perspektiven anderer einzunehmen, ohne den eigenen Standpunkt zu verleugnen. All das sind Spuren davon, dass Gott uns lebendig gemacht hat, obwohl wir sterbliche Menschen sind, auf Erden nur zu Gast.

Heilsame Nähe

12. Sonntag nach Trinitatis, 22. August

Und sie brachten zu ihm (Jesus) einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege. (Markus 7,32)

Jesus legt dem Taubstummen den Finger ins Ohr und seufzt: „Hephata“, öffne dich! Sein Seufzer ist stellvertretend für uns gesprochen: Der Geist seufzt in uns, wenn wir nicht wissen, was wir beten sollen, wenn wir so verschlossen sind, dass wir einander nicht zuhören und verstehen. Dann schweigen wir, statt zu reden, oder wir reden, wo Schweigen angemessen wäre.

Jesus seufzt stellvertretend für den Taubstummen und berührt seine Zunge mit Speichel, wie es sonst nur Liebende tun, wenn sie unter sich sind und einander küssen. Deshalb hat Jesus den Kranken aus der Menge herausgeführt. So viel Nähe auf einmal hatte der Taubstumme vielleicht noch nie gespürt. Aber so viel Nähe ist heilsam, wenn sie gewünscht und vertrauensvoll angenommen werden kann.

Stummer Wettkampf

13. Sonntag nach Trinitatis, 29. August

„Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? (1. Mose 4,9)

Jenseits von Eden ist nicht nur ein Filmtitel (da überlebt Abel, was die Sache aber nicht besser macht), sondern auch die Beschreibung dessen, wo der Mensch bis heute steht. Denn wir sind nicht dort, wo Gott selbst dafür sorgt, dass jedes Lebewesen zu seinem Recht kommt. Vielmehr sind wir dort, wo wir aufeinander aufpassen müssen, wo das Leben geschützt werden muss vor dem Bösen in uns und um uns herum.

Was geschieht jenseits von Eden, wo die Menschen nicht mehr in unmittelbarer Nähe zu Gott leben, wo sie sterblich sind und verantwortlich, für sich und für andere? Der Neid regiert. Unter Geschwistern fängt es an und zwischen Milieus, Religionen und Nationen geht es weiter, wenn Menschen vergessen, wem die Welt eigentlich gehört und wem sie sich verdanken.

Wer redet in der Urgeschichte jenseits von Eden (nicht) mit wem? Es beginnt damit, dass die Brüder zwar mit Gott sprechen, aber nicht miteinander. Sie kämpfen stumm darum, wer besser ist. Und dieses Spiel wird bis heute gespielt: der Wettkampf, wer den besseren Beruf hat, wer angesehener ist und größere Güter erwirbt. Die Brüder bringen um der Wette willen Gott ein Opfer dar, aus dem, was sie geschafft und geleistet haben. Sie wetteifern um Liebe und Anerkennung. Und jeder, der mit Geschwistern aufgewachsen ist, kennt das.

Aber Gott spielt nicht mit. Er will keine solchen Opfer, er will nicht nehmen, sondern schenken. Und er entzieht sich der Schiedsrichterrolle, die ihm in diesem Spiel zugewiesen wird.

Kain meint, er sei der Verlierer. Statt zu fragen, warum sein Opfer nicht angenommen wird, handelt er schweigend, ohne Rücksprache mit dem, der ihm das Land und die Fürsorge für den Bruder anvertraut hat. Und aus Spiel wird Ernst. Aber Gott spielt nicht mit wie viele Eltern, die ein Leben lang damit beschäftigt sind, Liebe und Zuneigung gerecht zu verteilen. Gott spielt nicht mit, sondern zeigt auf den wahren Feind, der vor der Tür steht und die Herrschaft übernehmen will. Es ist weder der Bruder, der Kain finster macht, und es ist auch nicht ein seine Gunst verteilender Gott, sondern der Neid, eine der sieben Todsünden. Gegen diesen richten sich später gleich mehrere Gebote: Du sollst nicht begehren, stehlen und morden. Und Gott ermächtigt zur Herrschaft über das Böse: Erhebe dich, lass dein Angesicht leuchten, beherrsche die Sünde, du kannst das, wenn du willst. Yes, you can!

Aber Kain will nicht. Nachdem er die Sünde, den Neid, bei sich eingelassen hat, lockt er seinen Bruder zu sich, um jedes Gespräch gewaltsam zu beenden. Aber Gott spricht weiter mit dem Verstockten, fragt, was er getan hat. Und er erinnert Kain daran, dass die Stimme des Blutes seines Bruders zu Gott schreit. Kain hat dem Acker Blut geopfert, statt seinen Bruder vor dem Bösen, vor deinem Neid zu schützen.

Aber Gott will ihn vor der Folge seiner Tat schützen und den Automatismus von Rache und Gewalt, von Gegengewalt und Vergeltung durchbrechen. Ein Zeichen auf der Stirn zeichnet Kain als Gottes Eigentum aus. Denn auch der Sünder ist sein Geschöpf. Und später wird das Kreuz zum Zeichen dafür, dass Gott selbst den Kreislauf des Bösen und der Sünde unterbricht. Denn Gott ist kein Rächer, sondern der Retter.

Das Alte Testament kennt einen ganz engen Zusammenhang von Rache und Zorn als Gegenbild zur Nächstenliebe. Da, wo das Gebot der Nächstenliebe herkommt (3.Mose 19,18), kann man’s nachlesen.

Gott, der große Hüter, zeichnet den Mörder mit dem Kainsmal, um ihn vor der Rache anderer zu bewahren. Ja, Gott rettet, wo Menschen einander rächen und totschlagen. Er sagt mit dieser uralten Versuchungsgeschichte: Du siehst, wo Neid hinführt. Er schadet dir selbst. Herrsche daher über ihn, bevor es zu spät ist. Und wo stehen wir? Jenseits von Eden. Das ist ein ungemütlicher Ort. Aber Gott schweigt auch dort nicht. Und es liegt an uns, ob wir jenseits von Eden unstet, schweigend, missgünstig, neidisch leben – oder dankbar und fürsorglich miteinander.

Mehr als Ratschläge

14. Sonntag nach Trinitatis, 5. September

Der Gott des Friedens heilige euch durch und durch. (1. Thessalonicher 5,23)

Bin ich ein Braten, der durch und durch gar werden muss? Das Wort ist der Abschluss einer ganzen Reihe geistlicher Ratschläge aus dem ältesten Paulusbrief, den wir haben. Sie sind erstaunlich lebensnah. Und auf einer grundsätzlichen Ebene haben sich die Herausforderungen nicht wesentlich verändert.

Der Apostel empfiehlt: Weist die Unordentlichen zurecht. Und ich denke: Wie kann ich andere zurechtweisen, wenn ich selber auch unordentlich bin? Was hat sich da alles angesammelt, an altem Gerümpel, das entsorgt werden könnte, oder auch an schlechten Angewohnheiten. Wie soll ich mein Haus bestellen? Wo anfangen, woher die Zeit und die Kraft nehmen?

Paulus sagt: Tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. Ich sage mir: geht nicht, bin selbst kleinmütig, schwach, ungeduldig, mit mir selbst und mit anderen. Paulus mahnt: Vergeltet nicht Böses mit Bösem. Aber ich weiß, dass ich ziemlich schadenfroh, ja manchmal sogar rachsüchtig sein kann. Paulus empfiehlt: Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen. Und ich frage mich: Was macht mich eigentlich oft unmutig und undankbar, warum bete ich zu selten, schon gar nicht für andere?

Der Apostel rät: Den Geist dämpfet nicht. Aber ich rede gute Einfälle anderer Menschen klein. Ha, hier habe ich etwas bei denjenigen entdeckt, die mich so gern kritisieren, statt selbst mit anzupacken. Ich selbst habe nämlich viele gute und geistreiche Ideen, aber setze sie nicht um, weil andere und die Umstände mich dämpfen. Sollte ich nicht besser auf die Suche nach den guten Ideen anderer gehen und sie unterstützen, statt sie kleinzureden?

Dazu passt auch der Ratschlag des Apostels, alles zu prüfen und das Gute zu behalten. Wir prüfen ja andauernd, nicht nur in Assessmentcentern. Aber oft hält, was wir prüfen, unseren Ansprüchen nicht stand und wir stehen vor lauter Prüfungen am Ende mit leeren Händen da. Wie oft gebe ich weiter, was andere angeblich geprüft haben, statt selbst nach dem Guten zu fischen. Aber vielleicht fische ich zu oft im Trüben, schmore zu sehr im eigenen Saft, gebe mich mit stehendem Gewässer zufrieden, statt zu den frischen Quellen vorzudringen.

Die Ratschläge des Apostels geben die Richtung an. Sie zeigen nur die kleinen Schritte. Denn die Heiligung geschieht durch Gott. Er selbst heiligt uns, macht uns gut und gerecht, wirkt in uns das Wollen und das Vollbringen. Aus unserer Perspektive sind wir zu schwach. Wir hätten den Widerständen in uns und um uns herum nichts entgegenzusetzen, wäre da nicht der Zuspruch des Geistes, der uns vorbereitet und uns als Geheiligte dem Herrn entgegenträgt. So werden wir mit Leib, Seele und Geist bewahrt, trotz aller Hindernisse und Auseinandersetzungen, Kummer, Schmerzen, Streit und Kämpfen. Wenn wir uns nicht selber rechtfertigen und beurteilen, sondern von Gott her definieren, wenn wir die Worte seines Zuspruchs in uns wirken lassen. Wie der Braten durch die Hitze durch und durchgebraten wird, so werden wir durch Gott selbst durch und durch geheiligt. 

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