„Wahrheit aus Freiheit geboren“

Adolf von Harnack und die evangelische Kirche – eine nicht ganz einfache Beziehung
Adolf von Harnack (1851 – 1930), Foto um 1920.
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Adolf von Harnack (1851 – 1930), Foto um 1920.

Weithin bekannt ist, dass Adolf von Harnack zu den großen Theologen des vorigen und schon des vorvorigen Jahrhunderts zählt und außerdem ein umtriebiger Wissenschaftsmanager der Zeit um 1900 war. Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende und zeitzeichen-Herausgeber Wolfgang Huber beleuchtet das Verhältnis Harnacks zu seiner Kirche, die ihm zuweilen reserviert gegenüberstand.

Adolf von Harnack, ein großer Kirchenhistoriker und einer der bedeutendsten evangelischen Theologen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, wurde am 7. Mai 1851 geboren und starb am 10. Juni 1930. Bei der Großzügigkeit, die uns während der Corona-Pandemie in vielen Hinsichten abverlangt wird, ist es nicht abwegig, der 170. Wiederkehr seines Geburtstag und der 90. Wiederkehr seines Todestags gemeinsam zu gedenken.

Dabei verdient ein Thema Beachtung, dem üblicherweise nur wenig Aufmerksamkeit erwiesen wird, nämlich Harnacks Verhältnis zur evangelischen Kirche. Zumeist wird lediglich festgestellt, er habe zu ihr ein kritisch-distanziertes Verhältnis gehabt. Zwei repräsentative Äußerungen führen vielleicht über diese verbreitete Sichtweise hinaus, wenn auch aus sehr unterschiedlicher Perspektive.

Die eine stammt von Dietrich Bonhoeffer. In der Berliner Gedenkfeier nach Harnacks Tod sprach er 1930 für die letzte Schülergeneration; sie zu vertreten war er deshalb befugt, weil er der letzte „Senior“ in Harnacks auch nach der Emeritierung fortgeführtem kirchengeschichtlichen Seminar war. Er traf einen wichtigen Kern, wenn er das Vermächtnis des Lehrers in den Satz fasste, „dass Wahrheit nur aus Freiheit geboren wird“. Die Wahrheit, um die es Harnack nach Bonhoeffers Seminarerfahrung ging, war theologischer Natur. Es ging um die Rede von Gott; hier fanden Wahrheit und Freiheit zusammen. Die andere Äußerung stammt von Otto Dibelius. In einer Veranstaltung zu Harnacks einhundertstem Geburtstag im Jahr 1951 nahm der damalige Berliner Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland das Wort. Er tat es aber nicht in Bezug auf seine kirchlichen Ämter; vielmehr sprach auch er als Schüler Harnacks. Nur am Ende seiner Rede ging er kurz darauf ein, dass Harnack und die offizielle Kirche seiner Zeit nicht zueinander hätten finden können. Der Frage nach der Schuld für dieses Nichtverstehen wich der Bischof mit der Begründung aus, es stünde ihm nicht zu, sich kritisch über seine Vorgänger im kirchlichen Leitungsamt zu äußern. Immerhin wiederholte er den Satz aus seinem handgeschriebenen Lebenslauf von 1933 nicht, in dem es hieß: „Ich lernte bei Harnack viel – nur Theologie lernte ich bei ihm nicht.“ Den Konflikt selbst verglich er mit der Spannung zwischen dem orthodox-lutherischen Vater Theodosius Harnack und seinem liberal-freiheitlich gesonnenen Sohn Adolf.

Bürgerrecht im Himmel

Doch es handelte sich gar nicht um einen Konflikt zwischen Adolf von Harnack und der Kirche; sondern es ging um einen Konflikt in der Kirche, dem sich die „offizielle“ Kirche eher entzog, als sich ihm zu stellen. Hier sollen die Dramen nicht aufgezählt werden, die sich auf diesem Weg abspielten, angefangen mit Harnacks Berufung nach Berlin im Jahr 1888 über die große Auseinandersetzung zur gottesdienstlichen Verwendung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses wenige Jahre später bis hin zu den Debatten über sein persönlichstes theologisches Werk, das 1921 – vor genau einhundert Jahren – veröffentlichte Buch über Marcion, den als Ketzer angesehenen und von Harnack gleichwohl geachteten Theologen des zweiten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung.

Hier soll ein anderer Weg eingeschlagen werden, auf dem Harnacks Verdienste um die evangelische Kirche sich in wenigen Strichen verdeutlichen lassen.

Dass er den Dienst für die Kirche als Teil seines Lebensberufs verstand, machte er in einem Brief aus dem Jahr 1896 unmissverständlich klar: Er habe, so schrieb er an seinen Gießener Kollegen Gustav Krüger, einen Doppelberuf: „der Kirchenhistorie zu dienen und der evangelischen Kirche“. Er hege, so fügte er hinzu, „eine mir unerklärliche Liebe und Sorge für die evangelische Kirche“. Doch konnte er diese „unerklärliche Liebe und Sorge“ recht gut erklären. Es kam ihm darauf an, dass die Kirche als religiöse Größe, die ihr Bürgerrecht im Himmel hat, zugleich der irdische Ort ist, an dem der erlösende Wille Gottes sich durchsetzt. Deshalb sei, so meinte er, die Verantwortung für ihre Gemeinschaftsform und ihr gemeinschaftliches Wesen unentbehrlich. Die Theologie verstand er, wie er in einem solchen Zusammenhang sagen konnte, als das „intellektuelle Gewissen der evangelischen Kirche“. Dazu gehörte für ihn allerdings auch der Widerspruch, „wann immer die evangelische Wahrheit vergewaltigt und die Freiheit niedergehalten wird“.

Harnack proklamierte diese Aufgabe nicht nur, sondern gab ihr auch eine praktische Gestalt. Er tat dies auf dreierlei Weise: in bedeutenden Versuchen einer reflektierten Elementarisierung des christlichen Glaubens, im sozialen und politischen Engagement aus christlicher Überzeugung sowie im praktischen Eintreten für die Kulturbedeutung des christlichen Glaubens.

Alle drei Dimensionen seien beispielhaft verdeutlicht: Für die reflektierte Elementarisierung des christlichen Glaubens ist keineswegs nur die berühmte Vorlesungsreihe über das Wesen des Christentums zum Jahrhundertwechsel 1899/1900 ein Beispiel, auch wenn deren anschließende Buchveröffentlichung mit einer 100 000 Exemplare weit überschreitenden Auflage alle, die sich in diesem Bereich versuchen, vor Neid erblassen lässt. Auch 120 Jahre nach seinem ersten Erscheinen ist dieses Werk immer noch im Buchhandel erhältlich. Ähnlich erfolgreich war vorher das Buch zum Apostolischen Glaubensbekenntnis, mit dem er den Streit über dieses Thema auf eine sachliche Grundlage stellte, oder später die Schrift über „Martin Luther und die Grundlegung der Reformation“, die von der Stadt Berlin zu ihrer Festschrift zum Reformationsjubiläum 1917 erkoren und in den Schulen der Stadt sowie weit darüber hinaus in der Bürgerschaft verteilt wurde. Wieder in weit über 100 000 Exemplaren. Welch ein Dienst an der Kirche!

Harnack war ein herausgehobener – oder soll man sagen: der herausragende – Repräsentant des liberalen protestantischen Bürgertums – und dies über die Umbrüche seiner Zeit hinweg. Mit seinen Freunden stand er für eine Christliche Welt; so hieß der programmatische Titel der schon in Harnacks frühen Leipziger Jahren gegründeten Zeitschrift dieses Kreises. Sein Beispiel zeigt, dass die evangelische Kirche seiner Zeit sich nicht nur, wie immer wieder zu Recht in Erinnerung gerufen wird, mit der Industriearbeiterschaft der damaligen Zeit schwertat, sondern auch mit dem aufgeklärt-freisinnigen protestantischen Bürgertum. Umso größer ist das Verdienst derjenigen, die sich gegen alle kirchliche Engstirnigkeit um eine Erweiterung der Sichtweisen bemühten.

Harnack gehörte zu denen, die bürgerlich-protestantisches Verantwortungsbewusstsein und die soziale Frage miteinander zu verbinden suchten. Den Protestantismus wollte er dazu befähigen, die sozialen Herausforderungen der eigenen Zeit zu erkennen und für ihre Beantwortung praktische Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Deshalb fand er sich dazu bereit, von 1902 bis 1912 den Vorsitz im Evangelisch-Sozialen Kongress zu übernehmen, der in seinen Tagungen und Veröffentlichungen die sozialen Probleme der Zeit aus der Perspektive der evangelischen Ethik behandelte. Die Äußerung Wilhelms II., evangelisch-sozial sei Unsinn, konnte ihn von diesem Vorhaben nicht abbringen.

Selten beleuchtet

Der Übergang zur aktiven Teilnahme an politischen Fragen ist damit angezeigt. Sie ist in den letzten Jahren besonders intensiv erforscht und behandelt worden. Das Ausmaß, in dem Harnack dabei die kirchliche Verantwortung im Blick hatte, wird allerdings vergleichsweise selten beleuchtet. Dabei ist es durchaus der Erwähnung wert, dass die einzige Funktion, die Harnack jemals durch den preußischen Oberkirchenrat übertragen wurde, genau in diesen Zusammenhang gehört. Bereits Ende 1918 berief der preußische Oberkirchenrat einen Rat von etwa fünfzig „Vertrauensmännern“ aus den unterschiedlichen kirchlichen Richtungen, der die Forderungen verstärken sollte, die aus kirchlicher Perspektive angesichts des Übergangs von der Monarchie zur Republik zu vertreten waren. Zu diesem Vertrauensrat gehörte Harnack; dessen Geschäftsführer war übrigens der oben erwähnte Otto Dibelius.

Harnack konzentrierte seine Aufmerksamkeit insbesondere auf die Fragen von Bildung und Wissenschaft und damit auf die Themen des Religionsunterrichts und der Theologischen Fakultäten. Das weckte alsbald die Aufmerksamkeit der staatlichen Seite. Deshalb entsandte die Reichsregierung ihn zu den Beratungen über diese Fragen in der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar. Harnack beteiligte sich dort intensiv an den Debatten über die Bestandsgarantien für den Religionsunterricht und die Theologischen Fakultäten sowie über die allgemeinen religionsrechtlichen Verfassungsbestimmungen der Weimarer Reichsverfassung, die bis zum heutigen Tag geltendes Verfassungsrecht sind. Er beeinflusste diese Debatten mit seiner Autorität, seiner Sachkunde und seinem politischen Geschick. Er tat dies im Auftrag des Staates, erwies aber damit zugleich seiner Kirche einen unschätzbaren Dienst.

Die Bereitschaft, solche Aufgaben zu übernehmen, dokumentiert auf ihre Weise, dass der Gelehrte sich aus innerem Antrieb den Herausforderungen zu praktischem Wirken stellte. An seinen Freund, den schwedischen Theologen Nathan Söderblom, schrieb er: „Im Anfang war das Wort – aber das Wort muss fort und fort in der Geschichte zur Tat werden; sonst verhallt es ohne Wirkung. Die Tatkräftigen allein machen Geschichte.“ Seine Tatkraft der eigenen Kirche zu widmen, wurde ihm durch die Amtskirche verwehrt. Im Jahr 1905 bemerkte er deshalb in einem Brief an seinen Freund Martin Rade, mit dem zusammen er die Christliche Welt gegründet hatte, er habe bisher wenig bewirkt. Die Kirche habe ihm dazu keine Gelegenheit gegeben – „und jetzt käme eine solche Tätigkeit auch zu spät für mich“. Genau im Jahr 1905 schrieb er das, in dem Jahr, in dem er die Leitung der Preußischen Königlichen Bibliothek übernahm.

Auf diese Weise hängt die ungewöhnliche Weite von Harnacks Tätigkeiten mit dem Verhältnis zu seiner evangelischen Kirche zusammen. Sein Wunsch, etwas zu bewirken, fand in der Kirche nicht die erhoffte Resonanz; davon profitierten viele andere Institutionen, denen er seine Tatkraft zur Verfügung stellte. Neben der Berliner Universität und der Akademie der Wissenschaften war das nicht nur die heutige Berliner Staatsbibliothek, sondern ebenso die heutige Max-Planck-Gesellschaft, der Orden Pour le mérite und die Notgemeinschaft für die Deutsche Wissenschaft, die heute Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft heißt.

Dieser ungewöhnliche Gelehrte, von dessen Potenzial die offizielle Kirche
seiner Zeit keinen Gebrauch machte, wurde so zu einem Bürger von herausragendem Verantwortungsbewusstsein und zu einem Wissenschaftsorganisator von ungewöhnlich weitreichender Ausstrahlung. Aber er blieb zugleich um seiner Kirche und ihres Auftrags willen ein Theologe, der nicht nur Generationen von Pfarrern und Lehrern prägte, sondern durch seine Fähigkeit zu reflektierter Elementarisierung Entscheidendes zum Glaubenswissen und zur Verantwortungsbereitschaft ungezählter Christenmenschen beitrug. 

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Foto: Lena Uphoff

Wolfgang Huber

Dr. Dr. Wolfgang Huber ist ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender, Bischof i. R. und Herausgeber von "Zeitzeichen." Er lebt in Berlin.


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