Scheißdreck in Kinderbüchern

Dr. Dolittle und die Wiederkehr eines rassistischen Kapitels
Foto: privat

Ist es nötig, dass Kinderbuchklassiker auch heute noch widerliche rassistische Stereotypen transportieren? Nein, meint zeitzeichen-Onlinekolumnistin Eske Wollrad. Sie widerspricht damit vehement der bekannten Literaturkritikerin Elke Heidenreich, die ihrer Ansicht nach in dieser Hinsicht völlig auf dem falschen Dampfer ist.

„Verlogener Scheißdreck“ sei die Gendersprache – das kommentierte kürzlich Elke Heidenreich in einem Podcast. Auch wenn die Wortwahl nicht unbedingt darauf schließen lässt: Frau Heidenreich ist renommierte Literaturkritikerin und hält große Stücke auf ordentliches Deutsch. Natürlich“, fügt sie an, dulde man „keine Willkür in der Sprache bitte, keine herabwürdigenden Worte, keine beleidigenden Worte, keine Worte aus der Kolonialzeit, keine diskriminierenden Worte“. Wer würde das nicht unterschreiben? Interessant wird es allerdings, wenn es darum geht zu definieren, was als beleidigend oder diskriminierend zu gelten hat. Und hier hat Frau Heidenreich klare Vorstellungen.

Nehmen wir als Beispiel Kinderbuchklassiker, genauer gesagt „Doktor Dolittle und seine Tiere“, verfasst von Hugh Lofting und erstmals publiziert 1920. Darin wird von einem Arzt erzählt, der die Tiersprache spricht und mit einer Reihe von Tieren allerlei Abenteuer erlebt, die ihn auch nach Afrika führen. In einem Kapitel mit dem Titel „Der schwarze Prinz“ begegnet Doktor Dolittle einem Schwarzen, der weiß werden will. Ich spoiler schon an dieser Stelle: Der Cäcilie Dressler Verlag hat seit der Ausgabe von 1970 das Kapitel vollständig entfernt. Ich gehe trotzdem auf den Inhalt ein (TRIGGERWARNUNG!).

 „Ach wäre ich doch ein weißer Prinz!“ seufzt Prinz Bumpo. Er hatte auf der Suche nach seiner Traumprinzessin viele Länder bereist, doch als er sie schließlich fand, erschreckte sie sich („Ach, der ist ja ganz schwarz!“) und rannte weg. Nun will Prinz Bumpo mithilfe von Doktor Dolittles Medizin weiß werden, um seine Angebetete zu gewinnen. Als guter Christ macht der Doktor ihn auf die Problematik seines Ansinnens aufmerksam, indem er den Propheten Jeremia zitiert (in Loftings Lesart): „Ändert wohl ein N[…] seine Hautfarbe oder ein Leopard seine Flecken?“ (Jer 13,23)

Der Doktor versucht noch zu verhandeln, ob nicht blondes Haar genüge, doch Prinz Bumpo beharrt auf dem Weißwerden der Haut. Der Doktor willigt ein, zumindest sein Gesicht weiß zu machen. Dann drückt er das Gesicht des Prinzen lange in eine Schüssel mit einer Flüssigkeit, und siehe da! „Das Gesicht des Prinzen war so weiß wie Schnee“, und seine Augen „zeigten ein mannhaftes Grau“.

Der Prinz ist überglücklich, nun weiß und sogar männlicher zu sein. Was er nicht weiß (der Doktor aber schon): Die Färbung (stets „Medizin“ genannt) hält wahrscheinlich nicht lange. Daher tut er dem Doktor leid, während die Ente Dab-Dab anmerkt: „Ich finde, früher hat er besser ausgesehen. Er wird aber nie etwas anderes als hässlich sein, ganz gleich, welche Farbe er hat.“

35 Jahre nach seinem Verschwinden – in einer Jubiläumsausgabe des Verlags – war das Kapitel im Jahr 2005 wieder da. Und wer verteidigt diese Wiedereinfügung? Genau: Elke Heidenreich. Im Nachwort zum Buch kommentiert sie die Bumpo-Sequenz mit deutlichen Worten: „Eine komisch-kindliche Darstellung von Schwarz und Weiß kann ich nicht als rassendiskriminierend empfinden. Dolittle ist der weise Übervater, der alles besser weiß – aber das ist nicht nur den Schwarzen gegenüber so, das ist auch in seiner Heimat Puddleby so und hat mit Kolonisationsdenken wahrhaftig nichts zu tun. Es zeugt von einer fast schon hysterischen Überkorrektheit gewisser Kritiker, auf diesem Punkt herumzureiten, dafür wird die wundervolle Poesie der Dolittle-Geschichten, die für Kinder so unendlich wichtig ist, einfach außer Acht gelassen.“

35 Jahre hat dieser Kinderbuchklassiker wunderbar ohne das Kapitel vom schwarzen Prinzen funktioniert. Warum ist es heute nötig, diese Sequenz wieder einzufügen? Die Motive des Kapitels sind vertraut: das Motiv „Angst vor dem schwarzen Mann“, die Konstruktion von Attraktivität als weiß und männlich sowie die der Hautaufhellung als „Heilung“ (bei Dolittle als eine Art Water-Bending gestaltet) und schließlich das Motiv der weißen Unschuld (Doktor Dolittle kann nichts dafür, dass der Prinz partout weiß werden will). Welches dieser Motive ist erhaltenswert und heute für Kinder wichtig?

Ich finde, wir brauchen keine Bumpos und keine Ehrfurcht vor Klassikern. Unsere Kinder (und damit meine ich alle Kinder) haben Besseres verdient, nämlich Bücher, die ihnen helfen, sich zu bejahen, wie sie sind, die sie ermuntern, Unterschiede zu sehen und einzuordnen, Vielfalt Wert zu schätzen und als Gottes gute Gabe zu feiern. Und sie brauchen Bücher, die sie ermutigen, sich zusammen zu schließen und sich zu wehren – gegen Diskriminierungen und die Heidenreichs dieser Welt.

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