Frischer Wind

Auslegung Johannes-Apokalypse

Inmitten des immer bedrohlicheren Klimawandels und der Corona-Pandemie legt ein Naturwissenschaftler eine aktuelle, die Zeichen der Zeit reflektierende Auslegung der Johannes-Offenbarung vor: Das muss neugierig machen. Wilfried Kühling war Professor für Raum- und Umweltplanung an der Universität Wittenberg und bis Herbst 2019 Vorsitzender im Wissenschaftlichen Beirat des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). Theologe war er nie, aber er war und ist protestantischer Christ. So steht er in der besten Tradition des „allgemeinen Priestertums“, wonach auch „Laien“ in Glaubensdingen mitzudenken und mitzureden haben.

Der Mut Kühlings, solch ein Buch zu veröffentlichen, bringt frischen Wind in die Auslegungsgeschichte des letzten Buches der Bibel – fernab einer Begrenzung durch die „historisch-kritische Methode“. Faktisch steht seine Studie in der Tradition des katholischen Physikers Bernhard Philberth, dessen internationaler Bestseller Christliche Prophetie und Nuklearenergie (1961) einst die Tatbestände der Atomkernforschung und modernen Kriegstechnologie den Prophezeiungen der Johannesoffenbarung Punkt für Punkt gegenübergestellt hatte. Kühling scheint aber jenes Buch ebenso wenig zu kennen wie das des katholischen Theologen Gregor Taxacher Apokalypse ist jetzt (2012).

Als Christ und Wissenschaftler sieht er sich zur Deutung unserer Zeit herausgefordert. Herausgekommen ist ein nachdenkliches, in seiner Mixtur originelles Buch, das mit seinen ebenso nüchternen wie besinnlichen, zum Teil ungewohnten Gedankengängen die Aufmerksamkeit reflektierter, auch ganz säkular orientierter Zeitgenossen verdient. Nicht um eine vollständige, sondern um eine exemplarische Auslegung der Johannes-Apokalypse geht es Kühling. Bezeichnend ist sein im Vorwort offengelegter Ausblick auf „eine zukünftig neue und verwandelte Welt, die erst entstehen kann, wenn das in uns wirksame Unrecht (oder Böse) als Kraft und Ursache des unangepassten Verhaltens der Menschen überwunden, ja beseitigt ist. Kann also eine ‚bessere‘ Welt ohne eine göttliche Befreiung aus menschlicher Verstrickung mit dieser Kraft nicht gelingen?“ Mit 1. Johannes 5,19 wird unterstrichen, dass „die Welt im Argen liegt“.

Anstößig mag auf die unbefangene Leserschaft wirken, wie ernst der naturwissenschaftlich Gebildete wiederholt und ohne Scheu den in der Offenbarung begegnenden Teufel als den „Versucher“ nimmt. Ihn treibt die Frage um, ob das Böse – auch in Gestalt böser Strukturen – in unserer modernen Welt mitsamt den rasant steigenden Bedrohungen des Lebens sich nicht tatsächlich am ehesten durch die Annahme einer finsteren Intelligenz erklären lassen könnte.

Auf dem Hintergrund moderner Physik, die um das Zusammenwirken der Komponenten Materie, Energie und Information weiß, überlegt er, welche geistigen „Kräfte hinter den entropischen, zerstörerischen Prozessen der Unordnung“ stecken könnten. Dabei wird hier nichts „mythologisiert“, sondern umgekehrt wird der moderne Mythos einer rein rational erklärbaren Wirklichkeit kritisch hinterfragt: „Es gibt eine Wahrheit, die tiefer reicht als die Wahrheit der Wissenschaft, auf der unser industrie- und technikgeprägtes Zeitalter (Anthropozän) beruht“. Nur bei entsprechendem Tiefenblick könne Wachsamkeit vor den Kräften des Bösen entstehen. In der Theologie selbst sei das Thema des Bösen ja schwer zu fassen und nicht abschließend geklärt.

Auf der Basis einer über vier Jahrzehnte sich erstreckenden Forschungstätigkeit in Sachen Umweltzerstörung analysiert Kühling die Verführbarkeit des Menschen, der seine Erlösungsbedürftigkeit zunehmend verkennt und auf mechanistisch-technologische Erlösungsmächte setzt. Die Diagnose lautet: „Unsere Gesellschaft gleicht einem havarierten Schiff, das stetig die Fahrt beschleunigt, dabei aber einen defekten Steuerapparat hat und der Katastrophe zutreibt.“ Bei alledem bleibt der Ton durchweg unhysterisch.

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Werner Thiede

Dr. Werner Thiede ist Professor apl. für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist Autor der Broschüre "Die digitale Fortschrittsfalle", die im Pad-Verlag erschienen ist.


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