In a god shape

Welkers Anthropologie des Geistes

Ich mag diesen Stil: eine Melange aus bildungssatter Souveränität und jugendlicher Rauflust. Michael Welker schreibt kein EKD-Deutsch. Er markiert deutlich, was ihm nicht gefällt. Auch Autoren, mit denen er durchaus freundschaftlichen Umgang pflegt, kommen gelegentlich in den Schwitzkasten. Und alle Anhänger der Naturrechtslehre schickt er in Quarantäne und ins Homeoffice.

Ich mag auch die großen Linien seines Ansatzes, die in diesen Gifford Lectures – eine kleine Summe des Denkweges – deutlich werden. Seit Jahrzehnten kämpft Welker gegen die Engführung theologischer Theorieformate, die sich auf duale oder binäre Denkfiguren kaprizieren. Seine Ausfälle gegen dialogische Konzepte sind Legion. Derrida klagte gegen den phänomenologischen Dialogismus von Levinas bekanntlich die Figur des Dritten ein, seitdem hat sich auch in der Philosophie der Fokus geweitet, innerhalb der Theologie gibt es dagegen eine immer noch erstaunliche Beharrungstendenz, da die Widerfahrnis-Hermeneuten nach wie vor die zweite Person Singular hochhalten: Begegnung mit dem Du. Welker dagegen spricht mit Vorliebe vom multimodalen Geist und von einer Polyphonie der Freude.

Abstinent verhält sich Welker auch gegenüber christozentrischen Engführungen mit allen bekannten soteriologischen Folgeproblemen, davor haben ihn fraglos auch die interdisziplinären und interkulturellen Gesprächsdiskurse bewahrt. Zudem legen die Gifford Lectures den Auserwählten Fesseln an, weil der Diskurs im Sperrgebiet der natürlichen Theologie angesiedelt bleiben soll, der auf außerordentliche Offenbarungen Verzicht leistet. Und Welker ist ein Entfesselungskünstler von Format, wenn er von einer Anthropologie des Geistes spricht. Die nicht kleine Aufgabe besteht darin, „offenbarungstheologische Aussagen“ (etwa: Gott ist Geist) in für jeden nachvollziehbare „natürlich-theologische Aussagen“ zu übersetzen. Dabei wird auch der junge Hegel zum Assistenten mit Tenure-Track. Erfahrbar wird der „multimodale göttliche und menschliche Geist“ in inspirierten Praktiken für Gerechtigkeit, Freiheit, Wahrheit und Frieden. Das soll eine realistische Theologie, für die Welker seit langem wirbt, leisten. Diese Kräfte sind als good vibrations Gegenkräfte gegen bad vibrations, die in der ambivalenten Lebenswirklichkeit durchaus anzutreffen sind und die Rede, Menschen seien Ebenbilder Gottes, fragwürdig machen. Über die innere Logizität des Kraftbegriffs hätte ich gerne mehr erfahren.

Viel früher als viele seiner Kolleginnen und Kollegen in seiner Alterskohorte hat Welker auch den Leib im Theorieformat seiner Theologie in den Blick genommen. Der body turn und der emotional turn waren ihm nie fremd. Einig bin ich mit Welker auch in Fragen der Selbstbegrenzung und Selbstzurücknahme als ethisches Programm, dass man deshalb heiße Empfindungen mit einem Malus versehen muss, leuchtet mir nicht ganz ein. Gehört nicht auch Hitze zu den Temperaturen des Eros? Andernfalls wird der Liebesbegriff auf die Dualität von Philia und Agape enggeführt. Dualität! Auch diese Dualität kann Welker in seinem engagierten Diskurs nicht wollen, bitteschön.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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