Eine Kriegsgeburt

Kritischer Blick zurück

Der renommierte Marburger Historiker Eckart Conze legt die Karten schon im Vorwort auf den Tisch: Sein Buch sei „historische Analyse und geschichtspolitische Intervention“. Für Conze führt kein Automatismus vom Kaiserreich zum „Dritten Reich“. Aber der „Schatten“ des Kaiserreichs habe „zum Scheitern“ der Weimarer Republik „entscheidend“ beigetragen und die Machtübernahme der Nazis „begünstigt“. Conze vertritt nicht die These eines deutschen „Sonderwegs“. Und er verschweigt auch nicht, wie ihm Kritiker unterstellen, dass das Kaiserreich ein Rechtsstaat war und es eine „vitale Zivilgesellschaft“ gab. Aber diese sei „autokratisch gedeckelt“ worden.

Conze skizziert die deutsche Nationalbewegung vom Sieg über Napoleon bis zur Gründung des Kaiserreichs 1871. Er zitiert den badischen Liberalen Karl von Rotteck, der 1832 gesagt hatte: „Ich will lieber Freiheit ohne Einheit als Einheit ohne Freiheit“. Ähnlich argumentierten Württembergs Demokraten und wandten sich gegen eine Einigung Deutschlands unter Führung Preußens, das ein Dreiklassenwahlrecht hatte. Nun galt für das Parlament des Norddeutschen Bundes und des Kaiserreichs ein allgemeines Wahlrecht (für Männer). Und Conze wertet das als „Liberalisierungsfortschritt“. Aber er verweist darauf, dass der Kanzler nicht dem Reichstag verantwortlich war, sondern dem Kaiser. Das wissen diejenigen, die im Geschichtsunterricht aufgepasst haben. Aber Conze erinnert auch an etwas, das weniger bekannt ist: Preußen, das vier Fünftel Deutschlands umfasste, dominierte das Reich über den nicht gewählten Bundesrat, und seine Beamten übten einen starken Einfluss aus, weil „es für die allermeisten Politikfelder keine Reichsverwaltung gab“.

Überraschend ist seine These, dass die „zunehmende Demokratisierung“ des Kaiserreichs eine „Parlamentarisierung“ verhindert und „zur Erhaltung der autoritären Strukturen und Institutionen“ beigetragen hat. Dass der Einfluss des Reichstags begrenzt blieb und politische Ziele nicht „regierungstauglich gemacht“ werden mussten, stärkte Demagogen und außerparlamentarische Massenorganisationen, die gegen Juden, Katholiken, Pazifisten, Polen und Sozialdemokraten hetzten. Und das Gift, das sie verbreiteten, wirkte weiter in der Weimarer Republik und darüber hinaus, auch (was Conze nicht erwähnt) bei den Männern der Bekennenden Kirche, die den Übergriffen des NS-Staates auf die evangelische Kirche widerstanden. Die Nazis kamen bekanntlich nicht durch Wahlen an die Macht, sondern mit Hilfe der Eliten des Kaiserreichs, darunter der ehemalige Kronprinz und viele Angehörige des ehemaligen Adels. Den Geburtsfehler des Kaiserreichs sieht Conze darin, dass es sich einem siegreichen Krieg verdankte und die „Verherrlichung“ des Krieges „zu einem bestimmenden Element des preußisch-deutschen Militarismus“ wurde. Und für den Weg in den Ersten Weltkrieg sei auch wichtig gewesen, dass die Verfassung „die Kontrolle über das Militär“ allein dem Kaiser überlassen habe.

Eckart Conze hat dieses Buch geschrieben, weil er in Deutschland eine „Renationalisierung“ beobachtet, Versuche, ein geschöntes Bild des Kaiserreiches und der Hohenzollern zu propagieren. Das tun ein paar Historikerinnen und Historiker und die AfD. Conze problematisiert auch die Rekonstruktion der Stadtschlösser in Potsdam und Berlin. Aber sie kann man bejahen, ohne „die gute alte Zeit“ zu verklären. Der Rezensent, der aus Baden-Württemberg stammt, hat sich für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses nicht wegen Preußens Gloria eingesetzt, sondern weil der Barockbau der krönende Abschluss des Boulevards Unter den Linden bildet. Und im ehemaligen Sowjetsektor gibt es genug DDR-Architektur, die die Ästhetik des „Palastes der Republik“ weit übertrifft.

Conze hat ein scharfsinniges und verständlich geschriebenes Buch vorgelegt. Seine Lektüre ermöglicht eine gute Einordnung des Kaiserreichs, seiner politischen Struktur, der Vorgeschichte und der Wirkungsgeschichte.

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