Interkulturell

Über Josef und die Frau Potifars

Unter allen Stoffen des Alten Testaments zählt die Geschichte Josefs am Ende der Genesis zu den bekanntesten. Und die Verführungsszene ist darin ein markantes Detail: Der zum Verwalter des einflussreichen Ägypters Potifar aufgestiegene Sohn Jakobs wird von Potifars Frau begehrt: Sie versucht ihn zu verführen, doch Josef widersteht – woraufhin sie behauptet, er habe versucht, sie zu vergewaltigen. Josef kommt ins Gefängnis, macht über diesen Umweg aber bekanntlich erst seine eigentliche Karriere als Berater des Pharaos und Ernährer von Ägyptern wie Israeliten. Immer wieder ist diese Szene rezipiert und, teils charakteristisch verändert, erneut wiedergegeben und gedeutet worden. In welcher Vielfalt das geschah, beleuchtet der Theologe und Germanist Manfred Tiemann in seinem Buch Josef und die Frau Potifars im populärkulturellen Kontext.

Rund zweihundert Beispiele listet er auf, setzt dabei auch vereinzelte Schwerpunkte und handelt etwa gewichtige Werke wie Thomas Manns Josef-Tetralogie, die den Mythos ins Humane übersetzen wollte, vergleichsweise ausführlich ab. Dennoch steht immer der Motiv-Zusammenhang im Zentrum, die Vielfalt, und werden einzelne Besonderheiten nur gerafft wiedergegeben; gleichwohl aber wird Fachliteratur zahlreich zitiert. Das fördert freilich nicht die Lesbarkeit des eminent materialreichen Bandes, der sich, obzwar ein Register fehlt, vor allem als Nachschlagewerk empfiehlt. Was in dieses Buch eingegangen ist, könnte leicht den doppelten Umfang tragen – und lässt sich hier kaum adäquat würdigen. Die „vergleichende Conclusio“, die aus den Beispielen „unterschiedliche Deutungsmodelle mit ihren jeweils erkenntnisleitenden Interessen ableiten“ möchte, fällt knapp, tabellarisch und dennoch nicht sehr übersichtlich aus.

Es beginnt mit der Frage nach den Quellen, aus denen die Erzählung selbst schöpfte, wobei vor allem ein altägyptisches „Märchen von den zwei Brüdern“ Erwähnung findet. Theologische Auslegungen in Judentum, Christentum sowie Islam schließen sich an. Eher stereotyp fallen ältere christliche Deutungen aus; sie finden das von Adam und Eva her bekannte Verkörperungsmuster von Tugend und Sünde wieder. Als „schönste der Geschichten“ würdigt die zwölfte Sure des Korans die Erlebnisse von „Yusuf“, der hier menschlicher erscheint und von Potifar nicht verurteilt wird, weil er seiner Frau keinen Glauben schenkt. Dann folgen Kapitel über Kunst, Literatur, Musik – vom Kirchenlied bis zur Rezeption im Musical – sowie Filme, darunter auch animierte.

Nicht zuletzt möchte der Autor auf unbekanntere Bearbeitungen die Aufmerksamkeit lenken; erwähnt wird etwa auch eine plattdeutsche Bibelfassung. Und ein Aspekt ist ihm besonders wichtig: die schon im Untertitel angesprochene „transkulturelle Verflechtung“. So wie der biblische Stoff sich selbst nicht geografisch scharf gegeneinander abgrenzbaren kulturellen Einflüssen verdankt, so soll an seinem Beispiel deutlich werden, wie über die Zeiten (vermeintliche) kulturelle Grenzen, vor allem zwischen Europa sowie dem Nahen und Mittleren Osten, immer wieder überschritten worden sind. Auf Rembrandts die allgemeine Verführbarkeit betonenden Darstellungen des Stoffs sind orientalische Details ins Bild gesetzt: Potifar wirkt wie ein osmanischer Herrscher. Und Thomas Mann nutzte als Quelle etwa auch den Koran. Manfred Tiemann möchte „einen interkulturellen Beitrag zur Völkerverständigung und zum interreligiösen Dialog leisten“. Auch insofern ist dies ein verdienstvolles Buch – schon durch die Themenstellung selbst.

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