Kurzweilig

Globale Religionsgeschichte

Das Buch von Michael Stausberg überrascht durch seinen anderen Ansatz der religionsgeschichtlichen Darstellung des vergangenen Jahrhunderts. Keine gelehrte Analyse von Phänomenen und Entwicklungen wird in Die Heilsbringer geboten, sondern Schlaglichter anhand des Lebens und der Bedeutung von rund sechzig Persönlichkeiten in 47 Kapiteln.

Jedes Kapitel bildet eine in sich abgeschlossene, kurzweilige Darstellung von ein bis drei religionsgeschichtlich einflussreichen Männern und Frauen, unter ihnen nicht nur berufsreligiöse Menschen wie Karl Barth, Paul Tillich, Billy Graham, Mutter Teresa, Sathya Sai Baba und Bhagwan Shree Rajneesh, sondern auch Politiker, die die Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts zum Guten oder Bösen beeinflusst haben, wie Bhimrao Ambedkar, Mahatma Gandhi und Osama bin Laden, Dichter mit verborgener oder offener religiöser Botschaft wie J. R. R. Tolkien, Theodor Herzl, Muhammad Iqbal, C. S. Lewis und Paolo Coelho, Esoteriker wie Annie Besant, Rudolf Steiner und Aleister Crowley, Medienstars wie die Beatles und Stanley Kubrick, sogar Atheisten wie Madalyn Murrai O’Hair und schließlich natürlich die absoluten Stars, von Johannes Paul II über Thich Nhat Hanh bis zum XIV. Dalai Lama.

Diese und viele mehr werden in gut gestalteten Kapiteln von durchschnittlich zehn bis zwanzig Seiten Länge so vorgestellt, dass man genügend von ihnen erfährt, um sich ein Bild machen und gegebenenfalls Lust nach weiterer Recherche entwickeln zu können. Dass manche überraschenden Namen wie Adolf Hitler oder Mao Zedong sich unter den Dargestellten befinden, erweist sich bei näherem Hinsehen als sinnvoll, denn auch Diktatoren können erheblichen Einfluss auf die religiöse Landschaft ihrer Weltgegend und ihrer Zeit nehmen, und politische Ideologien können sich als „politische Religionen“ erweisen, was sowohl für den Nationalsozialismus als auch den Kommunismus sowjetischer wie maoistischer Prägung gilt.

Genügend Aufmerksamkeit widmet der gebürtige deutsche Autor, derzeit Lehrstuhlinhaber für Religionswissenschaft an der Universität Bergen in Norwegen, der Tatsache, dass Religionen nicht nur Positives, sondern auch Schlimmes und Gefährliches in das Leben von Menschen gebracht haben. Dies gilt auf verschiedene Weise für die Diktatoren, für Menschheitsverführer wie Jim Jones mit seinem Massenselbstmord in Guyana oder Asahara Shoku mit seiner destruktiven Sekte Aum Shinrikyo in Japan und für Propagandisten destruktiver Religiosität wie L. Ron Hubbard mit seiner Scientology Church und Aleister Crowley mit den erbarmungslosen magischen Praktiken seines Liber AL vel Legis. Raum wird auch Persönlichkeiten eingeräumt, die, wie etwa der Psychologe C. G. Jung, dem Thema Religion von einem ganz anderen Fach aus, hier der Psychologie, tiefschürfende Analysen gewidmet haben.

In manchen Rubriken hätte man sich noch mehr Namen gewünscht, bei den Atheisten etwa Stephen Hawking oder Richard Dawkins, denen wir Religionsfreunde trotz ihrer religionskritischen Haltung wichtige Einsichten verdanken, und ein paar mehr Frauen als nur vier (die Christian-Science-Gründerin Mary Baker Eddy, die Theosophin und Wahlinderin Annie Besant, die Ordensgründerin und Helferin der Armen Mutter Teresa und die militante Atheistin Murray O’Hair) hätten es auch sein dürfen. Gleichwohl sind die in der Auswahl enthaltenen Persönlichkeiten alle gut gewählt, und die Lektüre schon weniger Kapitel kann zu jeder Menge neuer Einsichten führen. Die Rezensentin hat die Lektüre des kurzweiligen Buches jedenfalls sehr genossen und empfiehlt es als Geschenk für professionelle Religionsexperten ebenso wie für Laien, zum Beispiel als Konfirmationsgeschenk, denn gerade junge Leute können nicht früh genug damit anfangen, sich über die religiöse Vielfalt unseres Planeten zu informieren.

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Foto: Petra Schiefer

Adelheid Herrmann-Pfandt

Dr. Adelheid Herrmann-Pfandt ist Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Marburg.


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