Weltgericht

Keine neuen Horrorszenarien

Apokalyptische Schreckensvisionen haben etwas Ermüdendes. Zu viele Leichen, zu viele Naturkatastrophen, zu viele Tyrannen – Tiere, Untiere, Monster, die Gott ohne Rücksicht auf Kollateralschäden erledigen wird. Eigentlich kann sich an den Horrorszenarien des Weltendes nur ergötzen, wer sich sicher ist, selber zu den wenigen „Gerechten“ zu gehören, die den Untergang überleben. Freiwillige vor.

Neuere Auslegungen der Apokalypse betonen, dass derartige Zukunftsszenarien von ihren ersten Leserinnen nicht als Panikmache aufgefasst wurden, sondern als Ermutigung. Sie wurden als Trostschriften für Bedrängte verfasst, denen das Ende ihres Elends in Aussicht gestellt wurde. Die Aufsprache als Hörbuch darf durchaus als Impuls begrüßt werden, diese ursprüngliche Aussageabsicht zu unterstützen. Rolf Becker liest alle Katastrophen betont undramatisch vor. Einige gruselige Ankündigungen werden ausgelassen.

Besonders die Orgelimprovisationen von Manuel Gera beruhigen statt aufzuwühlen und erinnern daran, dass die Textvorlage neben dem Donner des Weltgerichts von Anfang an mit leisen, verheißungsvollen Atempausen aufwartet.

Die sieben Sendschreiben werden ausgelassen; eine bedenkliche Enthistorisierung, von der man sich fragen muss, ob sie sich dem Drang nach einer ominösen „Aktualität“ des Textes verdankt. Die Sendschreiben verankern die damalige Sehnsucht nach Ende und Neuanfang in ganz konkreten Nöten und Versäumnissen. Die apokalyptischen Bilder sind nicht zeitlos. Ihre Drachen spielen nicht auf heutige Politiker an, und wenn der Verfasser der Apokalypse Feuer vom Himmel fallen sah, dachte er weder an eine abgestürzte Boeing noch an den Klimawandel.

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