Besuch bei den Buchen

Seit zehn Jahren ist der Grumsin Teil des UNESCO-Welterbes
Grumsin
Foto: Stephan Kosch
Hier wird kein Holz mehr aus dem Wald geholt. Und das ist gut so, denn Blätter und Altholz liefern Nährstoffe, die neuen Pflanzen beim Wachstum helfen.

Der Grumsin ist ein besonderer Ort. Früher Jagdgebiet für Stasi-Chef Erich Mielke, nach der Wende dann Schutzgebiet und seit über dreißig Jahren naturbelassener Buchenwald. Vor genau zehn Jahren wurde der Grumsin Teil des UNESCO-Welterbes. Doch auch das verhindert nicht, dass der Wald unter der zunehmenden Trockenheit leidet. Wird er dennoch überleben?

Die Vergangenheit raschelt und knackt bei jedem Schritt. Es geht durch die Blätter, die im vergangenen Jahr noch an den Buchen rundherum hingen, über Zweige und totes Holz hin zu einem der vielen Moore, die diesen Wald prägen. Doch auch neues Leben ist auf dem Boden zu sehen. An vielen Stellen sprießt der Waldmeister, Sternmoos schafft grüne Inseln im braunen Blättermeer. Und oben in den Bäumen ist das erste Grün unübersehbar. Schließlich ist der Mai gekommen, die Bäume schlagen aus, auch hier im Grumsin, einem ganz besonderen Buchenwald in der Brandenburger Uckermark. „Spät in diesem Jahr“, sagt Michael Egidius Luthardt. „Aber wenn es nächste Woche wirklich warm wird, dann haben wir hier die grüne Hölle.“

Hier wird kein Holz mehr aus dem Wald geholt. Und das ist gut so, denn Blätter und Altholz liefern Nährstoffe, die neuen Pflanzen beim Wachstum helfen.
Foto: Stephan Kosch
 

Das grüne Kleid wird der Wald also rechtzeitig zum Jubiläum anlegen. Denn im Juni vor zehn Jahren wurden die rund sechshundert Hektar Buchenwald zum Weltnaturerbe der UNESCO, genauer gesagt zu einem Teil des Welterbes „Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas“. Ein langer Titel, schließlich müssen 78 Buchenwälder in zwölf Ländern darin Platz haben. Von Spanien bis in die Ukraine, vom Jasmund auf Rügen bis nach Albanien und Süditalien reicht mittlerweile das Welterbe. Das verbindende Element ist die Buche, die vor 12 000 Jahren, am Ende der letzten Eiszeit, nur noch in kleinen Restwäldern in Südeuropa überlebt hatte. Doch mit dem Rückzug des Eises breitete sich die Buche aus und besiedelte nach und nach den Kontinent. 700 vor Christus waren etwa zehn Prozent der Fläche Europas von Buchenwäldern bedeckt, heute sind sie zumindest in ihrer naturnahen Variante auf 0,02 Prozent ihrer ursprünglichen Fläche zurückgedrängt. Eine Rarität, die geschützt werden muss, befand die UNESCO auch mit Blick auf den Grumsin.

Michael Egidius Luthardt setzt sich seit über dreißig Jahren für den Grumsin ein. Der naturbelassene Wald bietet zahlreichen Pflanzen und Tieren ideale Bedingungen.
Foto: Stephan Kosch

Michael Egidius Luthardt setzt sich seit über dreißig Jahren für den Grumsin ein. Der naturbelassene Wald bietet zahlreichen Pflanzen und Tieren ideale Bedingungen.

 

„Mir liefen die Tränen ’runter, als der Anruf kam“, erinnert sich Luthardt an den Sonntag vor zehn Jahren. Denn kurz vorher war es nochmal fraglich geworden, ob es der Grumsin wirklich auf die Welterbeliste schafft. Noch am Samstagabend sollte der Antrag wieder von der Tagesordnung in Paris genommen werden, in der Nacht wurde durchverhandelt und im fernen Brandenburg machte Luthardt kein Auge zu. „Wir haben so viele Jahre dafür gearbeitet, das durfte nicht umsonst sein.“ Die Ernennung zum Welterbe war die Krönung im Schutzprozess des Waldes, der nach der Wende Teil des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin wurde. Schon zu DDR-Zeiten war der Grumsin als Jagdrevier des Ministers für Staatssicherheit Erich Mielke vor der Öffentlichkeit „geschützt“, Holzeinschlag gab es dort nicht. Als Förster, der sich nicht der Holznutzung, sondern dem Waldschutz verpflichtet fühlte, war Luthardt von der Einrichtung des Naturreservates begeistert und froh, sich hier beruflich engagieren zu können. „Seit 31 Jahren wird dieser Wald völlig in Ruhe gelassen“, sagt er stolz.

Grumsin
Foto: Stephan Kosch

Wasser und Wald gehen hier eine besondere Verbindung miteinander ein.

 

Die Ernennung zum Welterbe war trotzdem schwierig, schließlich standen ja schon die Buchenwälder in den Karpaten auf der Liste, und in Deutschland gibt es auch deutlich größere, wie den Hainich in Thüringen oder den Kellerwald in Hessen. Was also war das Besondere am Grumsin, fragte unter anderem der Professor aus den USA, der das Gutachten für die UNESCO verfasste? „Die Verbindung von Wasser und Wald“, sagt Luthardt. Denn hier kamen gleich zwei Endmoränen zum Stillstand, was ein besonderes Landschaftsrelief mit vielen Senken schuf, in denen sich Moore bildeten. Die sind heute gut gefüllt, freut sich Luthardt, der Regen der vergangenen Tage wird nun gespeichert. Der Grumsin hat ein eigenes feuchtes Mikroklima, das in Zukunft immer wichtiger werden dürfte. Denn dass die Kiefer in Brandenburg den Klimawandel nicht überleben dürfte, sieht jeder, der mit offenen Augen im Sommer durch den Wald geht. Und auch um die Eiche muss man sich mit Blick auf die steigenden Temperaturen Sorgen machen. „Aber ich dachte, unsere Rotbuche, die macht das alles mit.“ Und dann sah Luthardt vor zwei Jahren in Thüringen die ersten Trockenschäden auch an Buchen, kurz darauf fielen im Hainich ganze Hänge trocken. Und auch im Grumsin, am Waldrand und dort, wo die Sonne kräftig hineinscheinen konnte, waren die ersten Spuren sichtbar. „Das war ein Schock“, erinnert sich Luthardt.

Grumsin
Foto: Stephan Kosch

 

Im vergangenen Jahr ging es weiter, wie es dieses Jahr wird, ist noch nicht absehbar. Aber dass der Boden heute vollgesogen ist mit Wasser, das macht ihn vorsichtig optimistisch. „Wir müssen die Daumen drücken.“ Doch es werde in Deutschland Regionen geben, in denen die Buche verschwinden wird. Und was kommt dann? „Ich tippe auf die Hainbuche, die ja gar keine Buche ist, sondern eine Birkenart. Die wächst jetzt schon in Osteuropa an den Stellen, an denen vorher Buchen waren. Und hier haben wir sie auch schon“, sagt der Förster und zeigt auf eines der zahlreichen Exemplare im Grumsin. Sie sieht der Buche ähnlich, hat aber doch etwas länglichere Blätter und andere Früchte.

Überlegungen, etwa die Douglasie oder die Libanon-Zeder in Brandenburg anzupflanzen, begegnet der Waldschützer skeptisch. „Wir haben etwa dreißig einheimische Baumsorten allein in Brandenburg, man sollte erst einmal diese auf ihre Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel untersuchen, bevor wir über den Import von Arten sprechen.“ Der fremde Baum würde sich inmitten von anderen Bäumen nicht „wohlfühlen“, und auch Käfer und Vögel könnten mit einer Libanon-Zeder mitten im Brandenburger Buchenwald nicht viel anfangen. Denn ein Wald besteht ja eben nicht nur aus Bäumen, sondern aus einer Vielzahl von Pflanzen und Tieren. So ist der Grumsin auch Heimat für den Moorfrosch, Schwarzstorch, Seeadler und Kranich.
Unter der Erde zeigt der Schutz des Waldes ebenfalls Wirkung. Luthardt greift in den feuchten Boden. Vorsichtig zerreibt er die feuchte Erde, zum Vorschein kommt ein weißes Geflecht, das an ein Textil oder einen Rest von einem Picknick erinnert. Ist es aber nicht, es ist ein Pilzmyzel, das sich in dem unverdichteten Boden seit dreißig Jahren ungestört verbreiten kann. Hier fahren keine Maschinen, wie auf dem Acker oder im Wirtschaftswald, hier dürfen auch keine Wanderer jenseits der ausgewiesenen Wege laufen. „Wir haben auf sechshundert Hektar einen Boden, der nicht mehr beschädigt wird und sich selbst regeneriert. Das ist sehr kostbar.“ Um das zu erreichen, müsse man nicht auf Forstwirtschaft verzichten, sagt Luthardt. Wohl aber auf die großen Maschinen und stattdessen mit Pferden die gefällten Bäume aus dem Wald holen. Das wurde früher so gemacht und wird auch heute wieder zunehmend so praktiziert. Diese Methode ist weniger effizient und macht das Holz teurer, aber da müsse man sich als Kunde entscheiden. „Will ich ein Möbelstück, das ein Leben lang hält, und dafür mehr Geld ausgeben oder lieber alle paar Jahre billige Pressspan-Möbel kaufen?“

Kirche in Altkünkendorf
Foto: Stephan Kosch

 

Der Tisch und die Bänke im Kirchturm von Altkünkendorf auf der anderen Seite des Grumsins dürften Luthardt gefallen. Vier mächtige Bretter bilden die klösterlich anmutende Tafel vor dem Fenster. Daran kommt man vorbei, wenn man auf den Turm der Kirche steigt, die Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut und im 19. Jahrhundert von Friedrich August Stüler umgebaut wurde. Eine Perle in schönster uckermärkischer Landschaft. Von oben sieht man schnell den Grumsin, der kurz hinter dem Dorf beginnt und am Wochenende regelmäßig viele Naturfreunde aus Berlin herführt. Denn schließlich ist das Dorf so etwas wie der Eingang zum Buchenwald, beherbergt direkt neben der Kirche ein Besucherzentrum. Hier starten geführte Wanderungen ins Welterbe, wenn es die Corona-Regeln wieder zulassen.

Kirche Altkünkendorf
Foto: Stephan Kosch

In der alten Kirche soll bald ein neuer Schöpfungsaltar stehen.

 

Die Parkplatz suchenden Besucher sorgen nicht immer für Freude bei den 160 Einwohnern, von denen gerade noch zwei Mitglied der evangelischen Kirche sind. Der Vorsitzende des Fördervereins Dorfkirche Altkünkendorf gehört nicht dazu, er ist „konfessionell ungebunden“. Aber für Hans-Jürgen Bewer, der elf Jahre Ortsvorsteher war und die Kirchenglocken läuten ließ, als vor zehn Jahren die Nachricht von der UNESCO kam, ist klar: „Die Kirche soll ihren christlichen Hauptzweck behalten.“ Wie kann das gehen, bei gerade mal drei Gottesdiensten im Jahr, die hier gefeiert werden?

Aufruf zu Spende

Bewer hat eine Vision. Jetzt, wo die Kirche für über zwei Millionen Euro saniert wurde, die Orgel wieder klingt, soll der Innenraum einen neuen Altar bekommen. Der besteht bislang aus einem schlichten Tisch. Das Angebot der Landeskirche, einen alten aus einer entweihten Kirche zu nehmen, schlug der Förderverein aus. „Wir wollen etwas Einmaliges schaffen“, sagt Bewer, nämlich einen modernen Schöpfungsaltar, der Christen wie Nichtchristen über den Umgang mit der Natur nachdenken lässt. Ein bildhauerisch gestalteter Altar soll die Kirche zur Themenkirche machen.Mit Hilfe der St.-Matthäus-Stiftung in Berlin, die mit hohem Anspruch und Erfolg immer wieder zeitgenössische Kunst und Kirche miteinander verbindet, wurde im Dezember die Ausschreibung organisiert, vier Künstler wurden um ein Modell gebeten: Matthias Zágon Hohl-Stein, Philipp Fürhofer, Sabine Straub und Werner Mally. Im August sollen ihre Vorschläge bewertet werden. 20 000 Euro braucht der Förderverein für den Altar, die Namen der Sponsoren sollen in der Kirche auf einer Tafel dokumentiert werden. Wer für den Altar spenden möchte, kann dies unter folgender Bankverbindung tun: Förderverein Dorfkirche Altkünkendorf, DE30 1705 6060 3624
0097 52, Verwendungszweck: Altar.

Wald von Altkünkendorf
Foto: Stephan Kosch

Nachdenken über die Schöpfung fällt hier leicht, sei es im Wald oder in der Kirche von Altkünkendorf, die ein neuer Altar schmücken soll.

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