Resilienz für Reingelegte

Was haben Charlie Braun, Paulus und der deutsche ESC-Vertreter gemeinsam?
Foto: Harald Oppitz

Schon mal reingelegt worden? Ist mir gerade passiert. Ich verrate jetzt mal keine Details, zumal ich dabei nicht gerade rühmlich vorkomme. Schließlich: Ich hätte es wissen können! Oder sogar wissen müssen! Kurz: Es ist mir richtig peinlich. Oder vielmehr: es war mir peinlich. Denn nach einem halben Tag, an dem ich trotz besten Mai-Wetters mit hängenden Ohren durch Haus und Hof geschlichen bin, habe ich mich an das Zauberwort „Resilienz“ und mein persönliches 5-Schritte-Resilienz-Programm erinnert.

Schritt 1: Kopf hoch! Schon Charly Braun wusste, dass das beste Mittel für Depressionen eine schlaffe Körperhaltung ist. Umgehend habe ich mir eine Joggingrunde durch den Wald verordnet. Die frische Luft hat mir Energie in den Leib gepustet und mich buchstäblich aufgerichtet. Das tut gut!

Charly Braun liefert übrigens auch den Hinweis auf Schritt 2: Humor! Humor ist ein fast unschlagbarer Resilienzfaktor. Nach meiner Erfahrung ist es dabei die Königsdisziplin, über sich selbst lachen zu können. Es hat ein bisschen gedauert, aber schließlich konnte ich über meine eigene Blödheit schmunzeln.

Schritt 3: Aus Fehlern lernen. Mein Cousin – er lebt in Ostwestfalen – hat mir den schönen Spruch beigebracht: „Jeden Tag steigt jemand in Detmold aus dem Zug, der ver*scht werden will“. Leider war ich es diesmal. Aber: Warum sollte ich zweimal am Tag in Detmold aus dem Zug steigen? Also gilt es, mit kühlem Kopf zu analysieren, Fehler zu erkennen und Alternativstrategien zu entwickeln.

Schritt 4: Trostpunkte sammeln. Zielerkenntnis: Du bist nicht allein! (Übrigens auch nicht mit „Detmold-Erfahrungen…). Jetzt ist die Zeit für eine gehörige Dosis mitmenschlicher Zuwendung. Idealerweise hat man in Coronazeiten jemanden im eigenen Haushalt leben, der Schritt 4 umgehend umsetzen und einen kraulen, umarmen und schlicht darüber trösten kann, dass man so doof gewesen ist. Jemand, der einem zeigt: Ich liebe oder mag dich trotzdem. Das funktioniert auch mit einem stundenlangen Telefonat mit der besten Freundin oder einem alten Kumpel.

Und schließlich: Schritt 5! Hier kommt der Apostel Paulus ins Spiel. „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes.“ (Römer 12, 12). Rache schmeckt nicht immer süß und hat meistens bittere Nachwirkungen. Da ist sicher auch Jendrik Sigwart bei mir, der am 22. Mai Deutschland beim ESC vertritt. Er hat den Titel „I don´t feel hate“ geschrieben und das Video dazu im Keller seiner evangelischen Kirchengemeinde in Hamburg aufgenommen. Die „Evangelische Sonntagszeitung“ berichtet, dass Jendrik Sigwart an Jesus Christus glaubt, sich allerdings selbst eher als Agnostiker bezeichnet. Wie das zusammenpasst und ob das dem Konfirmandenunterricht in der Nordkirche zu verdanken oder einfach moderne Patchworkreligion ist, muss an dieser Stelle offenbleiben. Hauptsache: Kein Hass und ein Sieg beim ESC für Jendrik Sigwart! Falls er doch verlieren sollte, kann er sich an meinen 5-Schritte-Programm orientieren.

Wem das übrigens alles zu friedlich ist, für den bleibt ein kleines Resilienz-Hintertürchen für ein paar schwarze Gedanken, ebenfalls vom Apostel Paulus: „Sei freundlich zu deinem Feind, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“

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Foto: Harald Oppitz

Angela Rinn

Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.


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