Fast vollkommene Freude

Bloß ein Segen: ein katholischer Gottesdienst für alle hetero- und homosexuell Liebende
Segensgottesdienst für alle die sich lieben
Foto: Philipp Gessler

Vor ein paar Wochen hat die Glaubenskongregation des Vatikans erklärt, dass die Kirche homosexuell liebenden Menschen keinen Segen geben wolle und dürfe. Die Empörung in der katholischen Kirche der Bundesrepublik war groß. Vor allem gestern und heute wollen rund hundert Gemeinden in Deutschland mit Segnungsgottesdiensten für alle Liebenden ein Zeichen gegen die Herzlosigkeit der Kirchenhierarchie setzen. Die Aktion #liebegewinnt ist ein Akt des Ungehorsams gegen Rom. Eindrücke von einem katholischen Gottesdienst für Menschen, die sich lieben.

Dass die Sache doch recht heikel ist, wurde überraschend schnell deutlich. Ein Pfarrer antwortete auf eine Mail, dass man sich gern, auch wegen möglichen Platzmangels und der Pandemieregeln, zum Segnungsgottesdienst der Aktion #liebegewinnt für hetero- und homosexuelle Paare als Berichterstatter anmelden wolle: „Ich kann Ihre Bitte gut verstehen, muss Ihnen aber leider dennoch eine Absage erteilen. Wir sind zwar am Sonntag mit zwei Segnungsgottesdiensten an der Aktion beteiligt, wünschen dafür aber aus Platzgründen (Corona-bedingt) und auch in der Sache keine Pressebeteiligung. Ich stehe daher auch nicht für Interviews zu Verfügung.“ Und der Geistliche ergänzte: „In unseren Gottesdiensten soll die Segnung der Menschen im Vordergrund stehen, nicht das öffentliche oder politische Statement.“

Naja, eine zweifellos provokante öffentliche Aktion, bei der das öffentliche Statement nicht im Vordergrund stehen soll – muss man nicht unbedingt verstehen. Aber die Aussage des Pfarrers zeigte, welche Sprengkraft die bundesweite Aktion #liebegewinnt in der katholischen Kirche hat. Zwar haben sich rund 100 Gemeinden Roms an der bundesweiten Bewegung beteiligt, um gegen das jüngste ausdrückliche Segnungsverbot für homosexuelle Paare, ausgesprochen durch die päpstliche Glaubenskongregation, einen Akt des kirchlichen Ungehorsams zu setzen. Aber individuelle Courage bedarf es leider dann eben doch noch von den einzelnen Pfarrern, solche Gottesdienste abzuhalten. Denn sehr wahrscheinlich ist auch: In manchen konservativen Bistümern wird man sich in der Hierarchie sehr genau merken, wer da mitgemacht hat und wer nicht.

Da aber niemand zu Courage und Öffentlichkeit gezwungen werden soll, dann also ein anderer Segnungsgottesdienst in einer kleinen Backsteinkirche, die schon an dem Schild zum Gemeindebüro anzeigt, „Kirche im sozialen Brennpunkt“ zu sein – hier ist man Konflikte gewohnt und weiß zu kämpfen, so darf vermutet werden. An diesem Sonntagmorgen ist herrliches Maiwetter, mehrere Türen der Kirche stehen offen, Sonnenlicht und frische Frühlingsluft strömen herein. Wegen Corona muss man seinen Namen am Eingang auf ein Zettelchen schreiben, nur jede zweite Kirchenbank ist besetzt. Aber es sind auch nur wenige Gläubige gekommen, gerade zwei Dutzend sind es.

Stola in Regenbogenfarben

Unter Klavierklängen von der Orgelempore herab betritt der zelebrierende Geistliche das Kirchenschiff, es ist ein Pater, der für den unter Corona-Quarantäne stehenden Pfarrer eingesprungen ist – seine Stola ist mit den Regenbogenfarben geschmückt, auch ein zweites Rednerpult gegenüber vom Ambo ziert eine Regenbogenfahne. Schon in seinen Begrüßungsworten verweist der Ordensmann auf die Weisung aus Rom, an die man sich jedoch nicht gebunden fühle, da der Segen Gottes allen Menschen und allen Liebenden zustehe und zudem keine Gnade sei, die allein in der Verfügungsmacht der Kirche stehe.

Wegen der Pandemie darf nicht gesungen werden, so ist nur das Piano und der männliche Sänger zu hören, es sind moderne Songs, auch Kirchenlieder, die angejazzt und durchaus virtuos zum Besten gegeben werden. Ein ziemlich normaler katholischer Gottesdienst spult sich ab, zuerst die Bitte um Vergebung, dann die Lesung aus dem 15. Kapitel des Johannes-Evangeliums: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ Das passt.

Der Pater legt in seiner Predigt dar, was alles unter „Segen“ zu verstehen sei – etwa der ironische Wunsch „Hals- und Beinbruch“ beim Skifahren, also die halb persiflierende, halb ernst gemeinte Adaption des hebräischen Segenswortes „Bracha“ oder „Baruch“. Auch das lateinische benedicere für segnen erläutert der Geistliche, als: Gutes (bene/bonum) sagen (dicere). Denn darum gehe es doch: Mit einem Segen dem Menschen Gutes zu sagen, weil das Gute von Gott komme. Und was soll daran verkehrt sein?

Langer Kampf

Da die Messe als „Koinonia-Gottesdienst“ geplant ist, sind alle eingeladen, sich mit eigenen Beiträgen am Gottesdienst zu beteiligen. Eine Frau mittleren Alters erklärt, sie habe etwas vorbereitet. Sie interpretiert mit lauter und guter Stimme ohne Begleitung auf Englisch am Altar das US-amerikanische Bürgerrechtslied „We shall overcome“ – etwas textlich verändert, dass nun auch Hetero- und Homosexuelle gemeinsam zusammen gehen sollten, um Widerstände zu überwinden – ganz schön viel Pathos, aber die Widerstände in der katholischen Kirche gegen die Segnung von Homosexuellen sind ja auch hartnäckig, und der Kampf wird lange sein.

Schließlich der Segen des Paters für alle Anwesenden in den Kirchenbänken. Vier schwule Pärchen umarmen sich dabei, ihre Gesichter in Richtung des Segens, die Arme um die Schulter ihres Partners geschlungen. Täuscht das, oder wischt sich da einer Tränen aus den Augenwinkeln? Es ist ein Segen für die Liebenden und die Liebe, nichts Spektakuläres – nur ein Verbot aus Rom macht es dazu. Wo ist jetzt eigentlich das Problem, denkt man sich. Gerade mal eine Dreiviertelstunde hat der Segnungsgottesdienst gedauert, fast familiär war es, auf unaufgeregte Weise schön, auf sanfte Art bewegend. Es war ein Segen für Menschen, die sich lieben. Mehr nicht.

Mehr zu der Aktion #liebegewinnt unter: www.liebegewinnt.de

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