„Raus aus der Bubble“

Anna-Nicole Heinrich ist die neue Präses der EKD-Synode
Anna-Nicole Heinrich bei ihrer Vorstellung als Kandidatin zur Präseswahl
Foto: EKD/Jens Schulze
Anna-Nicole Heinrich bei ihrer Vorstellung als Kandidatin zur Präseswahl

Das ist mehr als ein Generationenwechsel: Die 25-jährige Studentin Anna-Nicole Heinrich folgt der 79-jährigen Irmgard Schwaetzer als Präses der EKD-Synode nach. Ihre Wahl zeigt: Die Synodalen meinen es ernst mit den notwendigen Veränderungen für eine zukunftsfähige Kirche. 

Selbstverständlich: Menschen sind mehr als die Summe aus Geschlecht, Alter und Herkunftsmilieu. Sie darauf zu reduzieren wäre fragwürdig. Und dennoch prägen solche äußeren Koordinaten eine Persönlichkeit mit. Deshalb sei das, was jetzt beim Auftakttreffen der 13. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) geschehen ist, zunächst so beschrieben: Der fast achtzigjährigen ehemaligen Spitzenpolitikerin aus protestantisch-bürgerlichem Milieu folgt im Leitungsamt des obersten deutschen Kirchenparlaments eine 25-jährige Studentin aus einer kirchenfernen Arbeiterfamilie mit DDR-Hintergrund. Oder: Anna-Nicole Heinrich folgt Irmgard Schwaetzer als Präses der EKD-Synode.

Das ist mehr als ein Generationenwechsel, zumal die mittlere Generation in Form der 41-jährigen Gegenkandidatin Nadine Bernshausen gleich im ersten Wahlgang übersprungen wurde. Offenbar war bei den 128 Synodalen, die zum ersten Mal in dieser Zusammensetzung tagten, der Wunsch nach einer verkörperten Zukunftsperspektive so groß, dass ihnen die bei den Grünen politisch engagierte Richterin aus Marburg mit klassisch kirchlicher Sozialisation nicht genug Aufbruch symbolisiert. Das lag gewiss zu einem daran, dass die neue Synode im Schnitt deutlich jünger ist, als die alte. 25 Mitglieder sind unter 26 Jahre alt. Doch Heinrich bekam 75 Stimmen. Nicht nur die jungen Delegierten sehen in ihr also die richtige Präses für eine Legislaturperiode, in der sich Kirche neu erfinden und ihren Platz in der Gesellschaft definieren muss. Genug der Zuschreibungen, die neue Präses hatte schließlich selber schon etwas zu sagen: „Einfach mal machen, raus aus der Bubble“, beschrieb sie in ihrer Vorstellung vor den Synodalen ihre positiven Erfahrungen, die sie unter dem Hashtag „#Glaubengemeinsam“ gemacht hat. In der digitalen Kirche kennt sie sich aus, hatte schon im Z(ukunfts)-Team der EKD, in das sie berufen wurde, Hackathons, digitale Ideenbörsen, organisiert. Und was bedeutet das für den Gottesdienst der Zukunft? Was müsste sich ändern?

Die Antwort überrascht: „Ändern – das Verb würde ich nicht benutzen. Wir müssen mehr erklären,“ sagt Heinrich, die als einzige in Ihrer Familie einen engen Bezug zum kirchlichen Leben hat. Sie fand durch den Religionsunterricht in Bayern Interesse am Glauben, ließ sich als Schulkind taufen und engagierte sich später in der kirchlichen Jugendarbeit. Dort habe sie mit freikirchlichen Gemeinschaften ebenso zusammengearbeitet wie mit Studierendengemeinden. Einer theologischen Richtung zuordnen möchte sie sich nicht, immer wieder verwies sie in der Pressekonferenz auf den „Reichtum der Vielfalt“ in der evangelischen Kirche  - auch mit Blick auf die konfessionellen Bünde UEK und VELKD und die Debatte um deren Zukunft.

Keine Berührungsängste

Das ist einer Präses würdig, die ja qua Amt immer wieder sehr unterschiedliche Strömungen innerhalb der Synode zusammenführen muss. Und so passt es auch, dass sie sich mit Blick auf die kommenden Reformprozesse, die Umsetzung der „Zwölf Thesen“ zu Zukunft der Kirche und nicht zuletzt der anstehenden Spardebatten noch nicht festlegen will, welche „alten Zöpfe“ nun abgeschnitten werden müssen. „Das muss in den Gremien sachlich beraten werden.“ Solche Sätze könnten von Unsicherheit zeugen, bei Anna-Nicole Heinrich deuten sie aber darauf hin, dass sie die nötigen diplomatischen Fähigkeiten für das Amt mitbringt, auch ohne jahrzehntelange Erfahrungen in der Politik. Zur Zeit studiert sie Philosophie im Master-Studiengang und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der katholischen Fakultät der Uni Regensburg.  Auch hier also keine konfessionellen Berührungsängste.

Gleich auf der ersten Synode im November, die Heinrich als Präses leitet, werden weitere wichtige Personalentscheidungen fallen. Der Rat wird neu gewählt und auch deren Vorsitzende(r). Muss das zweite Spitzenamt der EKD nun dem Proporz entsprechend mit einem Mann besetzt werden, möglichst aus einer unierten Kirche, um auch diesem ungeschriebenen Gesetz Rechnung zu tragen? Oder ist es mittlerweile doch denkbar, dass zwei Frauen den Protestantismus in Deutschland vertreten und die Zuordnung zu den konfessionellen Bünden an Bedeutung verliert? Was spräche eigentlich dagegen? Die Wahl von Anna-Nicole Heinrich hat zumindest gezeigt, dass diese Synode für Überraschungen gut ist.

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