Gebannt

Ein dritter Weg zur Freiheit

Warum reden Protestanten so gerne von Freiheit? Schon nach der Einleitung des jüngsten Buches von Hans Joas versteht man: Sie können gar nicht anders. Denn jeder Religionsdiskurs ist in der Moderne in den Bannkreis der Freiheit geraten – so lautet Joas titelgebende Ausgangsthese. Wenn Freiheit die Signatur der Moderne ist, lautet die Gretchenfrage für die Religion: Wie hast Du’s mit der Freiheit?

Das Leitnarrativ hierzu bleibt die Philosophie Hegels. Joas argumentiert nun, dass die Idee eines sich in der Geschichte realisierenden Geistes und der damit mitgesetzte Richtungssinn für die Freiheits- und Religionsgeschichte heute nicht mehr überzeugen – und zwar links wie rechts: also weder als Überwindungsgeschichte der Religion im Dienst der Freiheit noch als Durchsetzungsgeschichte der Freiheit aus der Religion.

Für Joas steckt der Hegelianismus in der Sackgasse. Im Detail nimmt er vier Figuren des hegelschen Theorieerbes unter die Lupe: den intellektualistischen Religionsbegriff, die teleologische Geschichtskonzeption, das Freiheitsverständnis sowie die fehlende universale und globale Perspektive. In Auseinandersetzung mit diesen Aspekten, die das Buch in vier Teile gliedern, folgt Joas einem „dritten Weg“ in der Religionstheorie jenseits von Hegel und der provozierenden Religionspolemik Nietzsches – der allerdings erst im Schluss ausführlicher zu Wort kommt.

So ist das Buch vor allem eine Auseinandersetzung mit Hegel. Seinem Intellektualismus begegnet Joas zunächst mit der Herausarbeitung eines neuen erfahrungsbasierten Religionsbegriffes um 1900. Der Teleologie Hegels stellt er sodann die Kontingenz der Geschichte entgegen – und damit auch die prinzipielle Umkehrbarkeit von Säkularisierung und moderner Freiheitsgeschichte. Dann führt er den Freiheitsbegriff Hegels weiter: Freiheit müsse in gelebter Gemeinschaft als verdankt erfahren werden, was Joas etwa im Werk Wolfgang Hubers ausgearbeitet sieht. Schließlich skizziert er eine historische Religionssoziologie, die den eurozentristisch-protestantischen Blick globalgeschichtlich weitet.

Jeder Teil bietet nach einer orientierenden Einführung mehrere Porträts religionstheoretischer Denker aus Philosophie, Soziologie, Theologie und Geschichtswissenschaft. Neben den Klassikern finden sich auch Überraschungen wie Alfred Döblin oder Werner Stark. Dass alle Theoretiker Männer sind, mag der Forschungsgeschichte geschuldet sein, fällt aber auf. Die vorgestellten Entwürfe bilden keine eigene Schule, zeigen aber deutliche Pfadabhängigkeiten: Kreuzungspunkte sind vor allem der Pragmatismus William James’ und das Werk Ernst Troeltsch’, bei dem „die Arbeit von Generationen religionshistorischer Forschung […] ihren Höhepunkt“ findet.

Gebannt folgt man dem theologisch-musikalischen Soziologen Joas bei seinen Erkundungen dieser „verdeckten Tradition“. Hilfreich ist, dass sich sowohl die Einführungstexte im Überblick lesen lassen als auch einzelne Porträts für sich verständlich sind. Es passt, wenn Joas sein Buch „ein Mittelding zwischen Monographie und Aufsatzsammlung“ nennt, das lediglich eine denkerische Zwischenetappe ist: Es bietet noch keine zusammenhängende eigene Theorie. Einstweilen schließt Joas mit einer Erinnerung an seine Figur der „affirmativen Genealogie“ von Werten, die er von Nietzsches Einsicht in die Kontingenz und Umkehrbarkeit von Werten ableitet.

Gegen Friedrich Nietzsches destruktive Absicht zielt er aber auf eine produktive „globalgeschichtliche Genealogie des moralischen Universalismus“, die an die Stelle der Geschichtsphilosophie Georg Friedrich Wilhelm Hegels zu treten habe.

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Foto: Michael Greder

Hendrik Meyer-Magister

Dr. Hendrik Meyer-Magister  ist Studienleiter für Gesundheit, Künstliche Intelligenz und Spiritual Care an der Evangelischen Akademie Tutzing.


 

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